Die Toten Hosen zwischen Kickers-Bus und Bachtänzerin

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Das Barockschloss geht auf die gleiche Linie zurück wie das Offenbacher Renaissanceschloss.

Langenselbold - Viele kennen die kleine Stadt mit ihren 13 000 Einwohnern und dem hohem Kirchturm nur von der Autobahn 44 am „Langenselbolder Dreieck“. Vor gut 25 Jahren noch „größtes Dorf Hessens“ und Stiefkind des Main-Kinzig-Kreises, hat sich in Langenselbold Aufbruchsstimmung verbreitet. Von Reinhold Gries

Diese wird allerdings nicht von allen Einheimischen geteilt. Sie hätten lieber ihre Ruhe und sprechen dem Ort die „Hessentagswürdigkeit“ ab. Die jüngste Vergangenheit scheint sie eines Besseren zu belehren, denn es gibt viele andere „Selbolder“, die sich seit Jahren mit viel Privatinitiative auf den 49. Hessentag vom 5. bis 14. Juni vorbereiten und freuen.

Hessentagsbeauftragter Rolf Heuser

Auch das Rathaus nutzt das bevorstehende Hessenfest, um seiner Stadt ein neues Gesicht zu geben. Straßenzüge, Plätze, Sport- und Grünanlagen haben sich verändert, wurden rückgebaut und verschönert. Fachwerkhäuser wie das restaurierte Pfarrhaus von 1717 schmücken den langgezogenen „Marktplatz“, an dem der alte Gasthof „Goldener Hahn“ noch der Renovierung harrt. Von dort hatte Turnvater Friedrich Ludwig Jahn im Revolutionsjahr 1848 zu den Selbolder Bürgern gesprochen und bürgerliche Freiheit angemahnt. Auch die nahe Gründau-Brücke, die nicht mehr die alte ist, verkörpert etwas vom Selbolder Freiheitsstreben. Bis ins 19. Jahrhundert fand dort jährlich der „Bachtanz“ statt, einst eine Strafe der Herren von Isenburg für ihre aufmüpfigen Untertanen, die später zum Heimatfestspiel wurde.

Der Langenselbolder Bachtanz - hier auf einem Gemälde von Reinhod Ewald aus den 1930er Jahren - war von den Herren von Isenburg als Strafe für aufmüpfige Untertanen gedacht. Später wurde er zum Heimatfestspiel.

Denn als die Isenburger 1464 mit den Nassauern in Fehde lagen, wurden die Selbolder Bauern dermaßen mit Abgaben belastet, dass sie sich auflehnten - mit Erfolg sogar gegen Mainzer Soldaten. Da tanzten deren Frauen und Kinder vor Freude durch den Bach. Zur Strafe sollten die Bauern gedemütigt werden. Nahe der neu an der Gründau stehenden „Bachtänzerin“ aus Bronze wird der Hessentag diesen alten Brauch neu vorstellen. Traditionsbewusst ist auch Ilse Sahler, Eignerin des Gasthauses „Zum Bachtanz“ in der Steinstraße und des kultigen OFC-Mannschaftbusses, der in ihrem Hof zwischen den Kickers-Spielen ausruht, angelächelt von den vielen Langenselbolder Kickers-Fans.

Bachtanz-Bilder des Hanauer Malers Reinhold Ewald findet man auch im barocken Schloss der Isenburger auf dem Klosterberg, das auf die gleiche Linie zurückgeht wie das Offenbacher Renaissanceschloss am Main. Bei den Führungen Johann Badstübners, des Vorsitzenden des „Fördervereins Langenselbolder Schloss“, oder des Tierarztes Dr. Manfred Keil durchs Heimatmuseum am Schlosspark wird nicht nur die 900-jährige Geschichte Selbolds lebendig. Die große Sammlung reicht von bronzezeitlichen Gefäßen über das Mittelalter bis zu bäuerlichem Gerät, Spielzeug und einem Tante-Emma-Laden und Schulzimmer des frühen 20. Jahrhunderts. Vorm Schloss hält der in Bronze gegossene Mönch Dietmar von Sebold die päpstliche Urkundenrolle von 1108 in den Händen, den Beginn Selbolds dokumentierend. Das 1138 gegründete Prämonstratenser-Kloster wurde zur Mutter der Gelnhäuser Marienkirche und umliegender Töchter in Meerholz und Konradsdorf, während sich die Stauferkaiser im nahen Gelnhausen ihre Pfalz bauten.

Im Zwist des 14. Jahrhunderts raubten und demolierten die Isenburger die alte Klosterherrlichkeit Selbolds. Nach den Bauernkriegen wurde die Abtei 1534 ganz aufgelöst. Die Centgrafen der einst starken Mark verloren ihre Macht, ihr Gericht wurde 1654 auf die nahe Ronneburg verlegt. Ein neues Gesicht bekam der Klosterberg durch Graf Wolfgang Ernst von Isenburg, der im ab 1721 neu gebauten Doppelschloss für seinen Sohn Steine des Klosters verbauen ließ. Davor errichtete er 1725 eine imposante Barockkirche, die während des Hessentags als „Lichterkirche“ Veranstaltungen mit Petra Gerster, Hera Lind, Helen Schneider und Pater Anselm Grün anbietet.

Die Isenburger empfingen auf ihrem Sommersitz einst noch bedeutendere Persönlichkeiten: Goethe auf dem Weg nach Weimar, König Friedrich Wilhelm II. von Preußen, Napoleon vor seiner letzten gewonnenen Schlacht bei Hanau, den Maler Ludwig Emil Grimm und - für mehrere Jahre - Don Miguel von Braganza, den König von Portugal. Der rührige Förderverein hat dazu in den letzten Jahren die historischen Schlossräume mit wertvollen Original-Gemälden, Tapeten und Supraporten renoviert und wiederentstehen lassen.

Die neuen Schlossherren im Rathaus belassen es nicht bei Rückbesinnung. Bürgermeister Jörg Muth (CDU) wirft sich mächtig ins Zeug, während Hessentagsbeauftragter Rolf Heuser und sein Empfangskomitees vom Schloss aus viel zu dirigieren hat.

www.hessentag2009.de

www.lichterkirche.de www.langenselbold.de

Nur mit Hilfe zahlreicher Mitarbeiter sind die „Hessentagsstraßen“ mit unzähligen Ständen und der „Hessentagszug“ auf die richtige Spur zu bringen. Neben anspruchsvollen Freiluftausstellungen wie „Natur auf der Spur“ und „Bronzezeit“ sind - vom Ticketverkauf bis zur Verkehrsführung - zwischen naturgeschützter Kinzig und Gründau-Gelände große „Events“ zu bewältigen: das Peter-Maffay-Konzert am 6. Juni und das der „Toten Hosen“ am 11. in der Hessentagsarena am Segelflugplatz oder auch die Auftritte der deutsch-irischen Kultband „Reamonn“ (14.), der „Klostertaler“ (9.) und der „Absolutely British“ musizierenden Neuen Philharmonie Frankfurt aus Offenbach (11.).

Wenn man manche, durch den langen Winter in Verzug geratene Baustelle sieht, kann es einem fast bange werden. Aber wer diese Langenselbolder erlebt, glaubt´s ihnen aufs Wort: „Alles wird gut bis zum Hessentag 2009 von 5. bis 14. Juni.“

Quelle: op-online.de

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