Die Sehnsucht, auch Frau zu sein

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Manuela hat ihr Werk vollbracht: Aus Dieter ist Doris geworden.

Männer, die den Frankfurter Laden „Transnormal“ aufsuchen, haben nur einen Wunsch: für ein paar Stunden das Geschlecht zu wechseln. Von Cora Werwitzke

Bei allem, was Dieter tut, ist Doris in seinen Gedanken. Seit Jahren treibt sie ihn an, gibt ihm Kraft. Ein Leben ohne Doris wäre für den 51-Jährigen leer – schlicht unvorstellbar. Sie ist seine bessere Hälfte. Besser, glamouröser, attraktiver. Trotzdem hat er keine Angst davor, sie zu verlieren. Doris und Dieter verbindet etwas Untrennbares: Sie sind ein und dieselbe Person.

Dort, wo sich Frankfurter Gutleutviertel und Bahnhofsviertel näher kommen, in der Basler Straße, ist Dieter nur eine Türschwelle von seiner weiblichen Identität entfernt. Nach zwei Wochen zähem Alltag. Hinter der unauffälligen Ladenfassade mit der Aufschrift „Transnormal“ liegt sein Sehnsuchtsort und Manuela Mocks Reich. Abgeschirmt von roten Samtvorhängen begrüßt man dort Doris. Egal, wie männlich sie zu diesem Zeitpunkt noch aussieht.

„Ich habe lauter glückliche Menschen um mich“

„Den schönsten Arbeitsplatz der Welt“, nennt Manuela ihren Laden, in dem sie Männer vorübergehend zu Frauen macht. „Ich habe lauter glückliche Menschen um mich.“ Während ihre blassen Hände mit routinierten Zügen Puder auf Doris' Wangen, Stirn und Nase verteilen, hält sie gedanklich inne. „Oder sagen wir, meine Kundinnen gehen glücklich aus dem Laden.“„Meine Kundinnen“, manchmal auch „meine Mädels“ sagt Manuela. Oder: „Männer mit einer weiblichen Seite.“

Wer Manuela trifft, denkt unwillkürlich an Pin-Up-Girls der 50er Jahre. Keines ihrer hochtoupierten Haare rührt sich, wenn sie vor dem enormen Spiegel in der Garderobe mit Make-Up und Wimperntusche hantiert, harte Konturen weich und flächige Gesichtspartien rund schminkt. Die Blondine lebt geballte Weiblichkeit vor: die Lippen tiefrot, der Teint wie Porzellan, das üppige Dekolleté von einer Korsage geformt. Und sie strahlt Gelassenheit aus – komme, wer oder was wolle. Wie ein Fels in der Brandung muss diese Frau auf neue Kundschaft wirken. Manuela schafft Entspannung, wo Unsicherheit herrscht. Sie suggeriert Normalität, wo Peinlichkeit zum Himmel schreit.

Doris redet von sich gerne in der dritten Person

Doris ist alles andere als neu, und alles andere als befangen. „Weißt du, was der Unterschied zwischen Besitzer und Eigentümer ist?“ Manuela zuckt mit den Achseln. Doris registriert es im Spiegel, und plaudert los. „Augen zu“, befiehlt Manuela mit ihrer melodischen Stimme. Während sie grünen Lidschatten aufträgt, rutscht der Träger ihrer Korsage von der Schulter. „Augen auf.“ Doris redet immer noch. Sie weiß diese Dinge von Berufs wegen. Denn unter der Woche, wenn sie Dieter ist, arbeitet sie bei einem Sicherheitsdienst.

Doch heute rückt der Alltag in weite Ferne. Bekannte in einer Kneipe hätten schon gefragt, „wann denn die Doris mal wieder kommt“, erzählt Doris mit sanfter Stimme. Sie redet von sich gerne in der dritten Person.

Doris gehört zu den wenigen Kundinnen von Manuela, die sich vor der Familie „geoutet“ haben. Als Transvestit oder präziser als „Cross-Dresser“ – Menschen, die es genießen, sich wie das andere Geschlecht zu kleiden. Zwei Schränke voller Klamotten hat Doris zuhause, Dieter nur einen halben. „Wenn keiner hinschaut“, verrät Doris schmunzelnd, „probiert auch Dieter im Schuhladen versteckt zwischen Regalen Frauenschuhe an.“

Sie begutachtet sich im schwarzen Rollkragenpullover und engen Rock

„Augen zu!“ Der obere Lidstrich ist dran. Noch ohne Perücke sitzt Doris da. Ihr Haar ist dünn – eben das eines Männerhaupts um die 50. Unter dem Umhang, den ihr Manuela wie beim Friseur angelegt hat, ist die Kontur ihrer überschlagenen Beine zu erahnen. Am Saum lugen hohe Stiefel hervor. Ein künstlicher Schopf mit langen Haaren macht Doris vollkommen. Sie fixiert sich im Spiegel, kann die Augen kaum von ihrem Abbild lassen. „Toll.“ Sie begutachtet sich stehend im schwarzen Rollkragenpullover und engen Rock, dreht sich prüfend seitlich, wieder zurück, lässt ihre künstlich drapierten Brüste leicht wippen. „Es ist...“, beginnt sie und hält kurz inne, muss lächeln. „Es ist, als würde ein Tor aufgehen. Ein Himmelstor.“

Etwa zwei Mal im Monat wird aus Dieter Doris. Sie liebt es dann unter Leute zu gehen, sich zu zeigen. „Ich finde mich als Dieter langweilig und unattraktiv.“ Doris ist gnadenlos ehrlich. In Gesellschaft von zwei weiteren von „Manuelas Mädels“, Tini und Tina, nippt sie auf der kleinen Ladenterrasse an einem Sektglas. Mit ausladender Gestik weist sie auf sich: „So werde ich auf der Zeil gesehen, bin ich glamourös.“ An spiegelnden Schaufenstern kann Doris kaum vorbeigehen ohne sich zu betrachten.

Seit elf Jahren lebt Doris in regelmäßigen Abständen auf

„Vieles ändert sich als Frau“, sagt Doris. Sie sitzt aufrecht, die großen Hände elegant im Schoß. „Gestik, Haltung, sogar Stimme. Automatisch. Ich glaube, ich sächsele auch weniger. Unbewusst.“ Gleich bleibt dagegen ihre Neigung: „Ich mag Frauen, an denen darf auch ruhig etwas dran sein, nur Doris muss schlank bleiben“, sagt sie und fährt mit den Händen über ihre Hüften. „70 Kilo“, schickt sie hinterher. Wenn Dieter im Alltag kocht und Fußball spielt, dann tut er das immer ein Stück weit mit Doris im Hinterkopf. Vor allem ihre Beine sollen ein Hingucker bleiben.

Seit elf Jahren lebt Doris in regelmäßigen Abständen auf. Doch unterbewusst begleitet sie Dieter schon viel länger. „Ich erinnere mich, dass ich mit fünf eine grandiose Frau sah, sie hatte Schuhe mit Metallabsatz und eine Strumpfhose mit senkrechten Nähten von der Ferse bis unter den Rock an.“ Für Dieter stand fest: Genau so eine wolle er mal heiraten. Mit acht probierte er heimlich die Stöckelschuhe seiner Mutter, viel später die Kleidung seiner Ehefrau. Irgendwann kaufte er sich eigene Stiefel. Sein Sohn fand sie, und Dieter flog auf. „Meine Frau nahm es zur Kenntnis. Später trennten wir uns“, sagt Doris. Nicht nur die Familie weiß von ihrer Existenz, auch Kollegen. Deren Reaktionen, sie seien überwiegend positiv. Doch Doris bleibt ehrlich: „Es gibt auch die, die mit Dieter nichts mehr zu tun haben wollen.“

Es ist Nachmittag, die Sektgläser auf dem Tisch sind leer. „Wenn ich noch jung wäre, würde ich mich vielleicht umoperieren lassen.“ Doris streicht gedankenverloren eine Falte in ihrem Rock glatt. „Aber auch Dieter hat ein gutes Leben und seine Daseinsberechtigung. Ihn aufzugeben hieße, Brücken einzureißen.“ Es ist einen Moment still um den Tisch, dann ist es abrupt vorbei mit der tiefgründigen Stimmung: Tini - äußerlich noch Mann – schmeißt sich in Schale, Tina sucht ihren Schmuck und Manuela winkt Doris in die Garderobe. „Komm, kleine Doris.“ Ihr Tonfall ist fast zärtlich. Doris setzt sich. Bevor es in Richtung pralles Leben jenseits der sicheren vier Wände von „Transnormal“ geht, bekommt sie nochmal das Gesicht gepudert. Ihr Adrenalinspiegel steigt. Sie prüft wieder und wieder ihre Silhouette im Spiegel, die Haare, den Rock. Sie erzählt nochmal von den Bekannten in der Kneipe, die nach ihr gefragt hatten. Im Nu ist sie jenseits der Türschwelle. Mit ihr geht die Gewissheit, dass es heute soweit ist. Ja, heute kommt die Doris mal wieder.

Quelle: op-online.de

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