Tennessee Williams’ „The Glass Menagerie“ am English Theatre

In Traumwelten gefangen

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Nichts als Illusionen: Toms Schwester Laura (Laura Darrall) hat sich in eine eigene Welt zurückgezogen.

Frankfurt - Die Segel zu setzen und Abenteuer zu erleben, das gefiele Tom Wingfield. Doch der junge Mann mit schriftstellerischen Ambitionen kann nicht einfach seinen Job in einem Lagerhaus sausen lassen. Von Christian Riethmüller 

Schließlich leben auch seine Mutter Amanda und seine gehbehinderte Schwester Laura von seinem schmalen Angestelltengehalt, das die drei im St. Louis der dreißiger Jahre gerade so über die Runden bringt. Die „Great Depression“ hat die USA im harten Griff, die Zukunft scheint grau statt golden. So bleibt nur die Flucht in Träume.

Während Amanda in Erinnerungen an die Zeiten als umschwärmte Schönheit in der gesellschaftlichen Oberklasse der Südstaaten schwelgt, flüchtet sich Tom als exzessiver Kinogänger in Illusionen, die Hollywood liefert. Seine extrem schüchterne, von Minderwertigkeitsgefühlen geplagte Schwester Laura hat sich dagegen in ihre eigene Phantasiewelt gerettet, in der Grammophonplatten und vor allem das Funkeln einer Kollektion kleiner Tiere aus Glas - ihre Glasmenagerie - Geborgenheit und Trost versprechen.

Vor diesem Hintergrund entwickelt der amerikanische Dramatiker Tennessee Williams (1911-1983) sein 1944 uraufgeführtes Erfolgsstück „The Glass Menagerie - A Memory Play“. Der junge britische Regisseur Tom Littler hat sich nun für das English Theatre Frankfurt dieses modernen Klassikers angenommen und wie schon in der vergangenen Saison bei „Strangers on a Train“ eine an einen Film Noir erinnernde, düster-bedrückende Atmosphäre geschaffen.

Dieser Welt entfliehen zu wollen, ist nur zu verständlich, stürzt Tom (James Sheldon) aber in ein moralisches Dilemma. Heimlich ist er Mitglied einer Gewerkschaft für Seeleute geworden und könnte auf einem Schiff anheuern. Doch wenn er die Chance ergreifen würde, besiegelte er das Schicksal von Amanda (Nina Young) und Laura (Laura Darrall), die er im Elend zurücklassen müsste - ganz so wie sein spurlos verschwundener Vater einst die Familie sitzenließ.

Wenn der wie ein Seemann gekleidete Tom auf der nahezu ganz in Schwarz gehaltenen, nur mit unbedingt nötigen Requisiten ausgestatteten Bühne (Bild: Bob Bailey) in quasi surrealistischen Überblendungen als Erzähler seine Erinnerungen rekapituliert, weiß der Zuschauer natürlich, welchen Weg Tom eingeschlagen hat. Trotzdem folgt man gespannt seinen Schilderungen, wie es dazu kommen konnte, beobachtet Amandas Kampf, ihren erwachsenen Kindern eine Zukunft zu ermöglichen und für Laura einen Mann zu finden. Dieser Mann könnte möglicherweise Toms Arbeitskollege Jim (Brian Martin), einst Lauras heimlicher Schulschwarm, sein, doch ein arrangierter Besuch endet in einer bitteren Enttäuschung.

Am Ende seiner selbsttherapeutischen Bestandsaufnahme hat Tom sein Glück doch nicht gefunden. Die Erinnerung - vor allem an seine hilflose Schwester - hat ihn nie losgelassen. So ist auch sein Traum wie alle Träume in diesem sehr gut besetzten, vorzüglich gespielten Stück nur eine Schimäre - so brüchig wie das Glas von Lauras Menagerie. Die Zukunft des English Theatre ist hingegen gesichert. Wie das Theater mitteilte, wurde der Mietvertrag mit der Commerzbank bis 2022 verlängert.

Quelle: op-online.de

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