Die Tricks der Web-Mafia

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Offenbach/Frankfurt/Bonn - Gleich zwei verschiedenartigen „Angriffen“ an nur einem Tag - und das ist ungewöhnlich - sah sich jüngst ein Leser unserer Zeitung ausgesetzt. Darüber hatten wir vor einigen Tagen kurz berichtet. Von Siegfried J. Michel

Herr M. aus Offenbach hat inzwischen Anzeige erstattet, die Polizei ermittelt in dem Fall. Was war geschehen? Herr M., der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, bekommt einen Anruf. Der freundliche Herr am anderen Ende der Leitung: Angeblich „sein Sachbearbeiter bei der Rentenversicherung“. Grund des Anrufs: Der Rentenbescheid von M. müsse durch einen neuen ersetzt werden, seine Rente sei durch einen Gerichtsbeschluss gepfändet worden, weil er seit Jahren Beiträge für Glücksspiele nicht bezahlt habe. M. möge doch bitte seine Faxnummer mitteilen, damit man ihm den Vorgang übermitteln könne. Bei unserem Leser klingeln da aber bereits die Alarmglocken, da er noch nie bei Glücksspielen mitgemacht hat. Er hält den „Sachbearbeiter“ ein kurze Weile hin, der dann plötzlich und offenbar entnervt - ohne die Faxnummer zu haben - auflegt.

Kurze Zeit später wird M. dann per E-Mail von einer angeblichen Lea Albrecht von der „Inkasso Anwaltschaft“ abgemahnt. Er habe eine bei Deichmann online bestellte Ware im Wert von 440 Euro noch nicht bezahlt. Man sei von dem Unternehmen beauftragt worden, dessen Interessen zu vertreten, was nun auch noch Gebühren von 30 Euro anfallen lasse. „Die Kontodaten und die Lieferdaten Ihrer Bestellung finden Sie im angehängten Ordner“, heißt es in der Mahn-Mail der Inkassokanzlei. Und gedroht wird natürlich auch gleich: Wenn M. die nunmehr gesetzte zeitliche Frist fruchtlos verstreichen lasse und Rechnung sowie Gebühren nicht bezahle, „werden ohne weitere Aufforderung gerichtliche Schritte einleitet. Dadurch werden Ihnen weitere, beträchtliche Mahnkosten entstehen“, schreibt mit freundlichen Grüßen Lea Albrecht.

Anzeige und Ermittlungen

Herr M., der bei Deichmann online nichts geordert hat, auch seine Frau nicht, verhält sich bei der Mail ebenfalls vorsichtig. Die angehängte Zip-Datei öffnet er nicht, vielmehr lässt er seine Virenscanner Mail und Anhang untersuchen. Ergebnis: Der Mail-Anhang ist virenverseucht, enthält Trojaner-Schadsoftware. Der Offenbacher, der die Mail zunächst löscht, später zur Beweissicherung aber wieder herstellt, will die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen: Er vermutet einen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen, sucht das 2. Polizeirevier auf und erstattet Anzeige, was zu Ermittlungen führt.

Polizeirat Ludwig Kiesel, Dienststellenleiter im 2. Großstadtrevier Offenbachs, sagt gegenüber unserer Zeitung, die betrügerische Methode mit der Mahnung einer Inkassokanzlei per E-Mail sei nicht neu, die Masche mit der Rentenversicherung dagegen schon. Nicht ganz so sehen das in diesem Punkt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in Bonn und die Verbraucherzentrale Hessen. Die Datenfischer-Methode mit der Rentenversicherung sei dem BSI in dieser Form zwar bisher nicht aufgefallen, ganz neu sei diese Masche jedoch nicht. Oft würden die Namen bekannter Unternehmen oder Organisationen missbraucht, sagt Tim Griese von der Pressestelle des BSI.

Verbraucherzentrale warnt

Auch Ute Bitter von der Verbraucherzentrale Hessen in Frankfurt erklärt dazu: „Es kommt immer wieder vor, dass unseriöse Anbieter den guten Namen seriöser Organisationen nutzen, um sich das Vertrauen der Angerufenen zu erschleichen. Die Namen der Bundesnetzagentur, der früheren GEZ und auch der Verbraucherzentralen werden dafür häufig genutzt. Es ist nicht auszuschließen, dass unseriöse Anrufer auch den Namen der Deutschen Rentenversicherung missbrauchen.“ Aktuell gebe es aber keine Beschwerden von Verbrauchern, die von angeblichen Mitarbeitern der Rentenversicherung angerufen würden.

Allerdings warnt die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz in Mainz, dass Betrüger sich derzeit als Verbraucherschützer ausgeben und versuchen, am Telefon Lebens- oder Rentenversicherungen zu verkaufen. Die Anrufer fragen, welche Versicherungen zu welchen Konditionen der Haushalt habe und bieten höhere Zinsen für Lebens- und Rentenversicherungen an. Grundsätzlich sagt Bitter zu derartigen Anrufen: „Unerwünschte Werbeanrufe sind verboten und werden von der Bundesnetzagentur als Ordnungswidrigkeit geahndet. Wer solche Anrufe erhält, sollte einfach auflegen und keinesfalls persönliche Daten herausgeben.“ Im Fall des Lesers aus Offenbach sei es in dem Telefongespräch nur um eine Faxnummer gegangen. „Häufig wird aber auch nach sensibleren Daten, wie zum Beispiel nach der Kontoverbindung gefragt. Die Anrufer geben oft vor, die Kontodaten zu kennen. Diese müssten nur eben noch von dem Angerufenen bestätigt werden“, warnt Bitter.

Anwaltsschreiben per E-Mail

Und zu der bei Herrn M. versuchten Abzocke per E-Mail berichtet die Verbraucherschützerin: „ZIP-Dateien, in denen sich vermeintliche Rechnungen oder Verträge befinden sollen, werden zur Zeit in großem Stil versandt. Der Inhalt der Mail ist immer gleich: Aufgrund von Vertrag oder Gesetz sei der Empfänger zur Zahlung eines dreistelligen Betrages verpflichtet. Die Rechnung oder der Vertrag sei im Anhang. Der dreistellige Betrag wird genannt, der Vertrag, um den es sich handelt, jedoch nicht.“

Das Landeskriminalamt (LKA) Hessen warnt ebenfalls vor den derzeit von Online-Kriminellen verschickten und gut gemachten Anwaltsschreiben per E-Mail, in deren Anhang sich ein gefährlicher Trojaner befinde, der im Extremfall das gesamte System des PC unbrauchbar machen könne. Eine Neuinstallation sei dann notwendig, heißt es in Wiesbaden. Einen Zusammenhang zwischen dem Anruf bei M. und der Mahn-E-Mail sieht Bitter aber nicht. Die Polizei in Offenbach vermutet das ebenfalls. Das BSI meint dazu etwas vorsichtiger: „Ein Zusammenhang zwischen E-Mail und Anruf muss nicht bestehen, ist jedoch auch nicht auszuschließen.“ Dem BSI seien solche Fälle bisher aber nicht bekannt geworden.

Virenschutz und Menschenverstand

Was sollen Verbraucher grundsätzlich bei E-Mails beachten? Dazu Bitter: „Wer Mails von unbekannten Absendern, gegebenenfalls mit ZIP-Dateien, erhält, sollte den Anhang auf keinen Fall öffnen. Darin kann eine Software enthalten sein, die den Rechner schädigt, Mailadressen von Verwandten und Freunden oder gar Kontodaten und PIN und TANs ausspioniert. Selbst wenn solche Mails von angeblichen Rechtsanwälten kommen, können sie getrost im virtuellen Papierkorb verschwinden. Denn Anwälte machen die Forderungen ihrer Mandanten nicht per Mail, sondern per Brief geltend.“

Tim Griese vom BSI rät ergänzend: „Wichtig ist es generell, neben technischen Maßnahmen wie Virenschutz, Firewall und der regelmäßigen Einspielung von Sicherheitsupdates für Betriebssystem, Browser und andere genutzte Software auch den gesunden Menschenverstand einzusetzen und sich genau anzuschauen, ob die erhaltene E-Mail oder der Anruf realistisch ist.“ Und dann gibt es auch noch ein Lob für Herrn M. aus Offenbach. Der habe „in dieser Hinsicht gut reagiert, denn er ist beim Stichwort Glücksspiel misstrauisch geworden, da er keine Glücksspiele betreibt“. Ebenso misstrauisch sollte man auch sein, wenn man eine vorgebliche Rechnung oder Mahnung eines Unternehmens bekommt, bei dem man gar nicht Kunde ist, erklärt Griese. Die LKA-Experten mahnen außerdem, man solle niemals auf unseriöse Mails antworten: „Ihre Mailadresse wird dann als ,aktiv’ registriert und Sie erhalten noch mehr Spam-Mails.“ Wichtig sei prinzipiell auch, dass PC-Nutzer regelmäßig ihre Daten sichern.

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Der Migrationsbeauftragte des Polizeipräsidiums Westhessen, Polizeioberkommissar Waldemar Regner, hat auf eine weitere Abzock-Masche von Betrügern hingewiesen, die Russlanddeutsche als Ziel ausgemacht haben. Vermehrt habe man bei dieser Gruppe „Schockanrufe“ registriert, so Regner bei einem Treffen mit der Landesbeauftragten der Hessischen Regierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf.

Die „Schockanrufe“ liefen folgendermaßen ab: Russisch sprechende Anrufer melden sich am Telefon bei Spätaussiedlern und schockieren die Angerufenen mit der Schilderung einer Notsituation, in die ein naher Angehöriger geraten sei. Um dem Angehörigen zu helfen, sei ein größerer Geldbetrag erforderlich, der sofort an einen schon bereitstehenden Kurier übergeben werden müsse. Zahlreiche Opfer seien bereits auf diese Anrufe hereingefallen, hätten in Einzelfällen hohe Geldbeträge übergeben und auf Nimmerwiedersehen verloren, berichtet Regner. Die Täter agierten meist von Litauen aus. Das Polizeipräsidium Westhessen habe einen Flyer herausgegeben, der sowohl in deutscher als auch russischer Sprache über die „Schockanrufe“ informiere und Ratschläge für das richtige Verhalten gebe.

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Quelle: op-online.de

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