Frankfurter „Pro Arte“-Konzerte

Türkische Kultur ist eine gute Basis

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Aufmerksamer Beobachter: Fazil Say betrachtet sein Heimatland mit den Mitteln der Orchester- und Klaviermusik Foto: Pro Arte/Marc Borggreve

Eltville Gerade stand der türkische Pianist und Komponist Fazil Say noch auf der Bühne des Rheingau Musik Festivals. Im Herbst stehen seine Kompositionen im Mittelpunkt einer kleinen Konzertreihe von Pro Arte in der Frankfurter Alten Oper. Von Axel Zibulski

„Residenz-Künstler“ war Fazil Say bereits beim HR-Sinfonieorchester und beim Rheingau Musik Festival. In der kommenden Saison werden die Frankfurter „Pro Arte“-Konzerte den 1970 in Ankara geborenen Komponisten und Interpreten in drei Abonnementveranstaltungen vorstellen. Los geht es am 16. November, wenn er sein eigenes Klavierkonzert „Die Stille von Anatolien“ interpretiert.

Herr Say, bereits als Sie 2013 im Rheingau „Artist in Residence“ waren, haben Sie einige Werke interpretiert, die direkt auf Ihre türkische Heimat Bezug nahmen. 

Die türkische Kultur ist eine gute Basis für mich, ich ernähre mich von ihr. Und sie ist noch nicht oft mit westlichen Mitteln wie der Orchester- oder Klaviermusik betrachtet worden.

Der Flyer, mit dem Pro Arte für Ihre Konzerte wirbt, ist zweisprachig, deutsch-türkisch. 

Das finde ich sehr gut. Wenn ein Veranstalter gar nichts Spezifisches für das türkische Publikum unternimmt, dann sind dank Facebook und meiner anderen sozialen Medien trotzdem fünf bis zehn Prozent Türken im Saal. Zusätzliche Werbung hilft auch gegen die Hemmschwelle vieler Türken, in klassische Konzerte zu gehen. So kommen womöglich noch mehr, und vielleicht kommen sie wieder. Außerdem integriert dieses Brückenbauen auch die Türken, für die das ja etwas Neues ist. Denn viele hören traditionelle türkische Musik, in der es keine Sinfonieorchester gibt.

Wann komponieren Sie? 

Immer, jeden Tag. Im Hotelzimmer. Oder beim Spazierengehen. Dabei kann man nachdenken und das dann aufschreiben. Alles ist möglich.

Was antworten Sie Kritikern, die Ihre Musik für zu wenig avantgardistisch halten?

Wenn ich zum Beispiel einen japanischen Komponisten höre, ist es für mich wichtig, dass er japanische Elemente einbringt, sodass ich ihn als Japaner erkenne. Wenn jeder wie in Darmstadt schreiben würde, dann wäre die Welt zu arm. Kunst und Kultur sind nicht nur eine mitteleuropäische Sache. Ein Dirigent aus Venezuela dirigiert europäische Orchester, oder eine moldawische Geigerin spielt Musik aus Afrika. So ist die Welt. Avantgarde ist nichts Schlechtes, als Interpret spiele ich sie auch.

Verstehen Sie sich mehr als Interpret oder als Komponist? 

Seit meiner Kindheit mache ich beides.

Wie war das, als das Frankfurter Programm geplant wurde? Hatten Sie völlige Freiheit bei der Gestaltung? 

Oh ja. Bei meinen vergangenen Residenzen stand ich eher als Interpret im Mittelpunkt. Jetzt werde ich mehr als Komponist vorgestellt.

Verstehen Sie als komponierender Interpret andere Komponisten besser? 

Kann sein. Vielleicht kann ich besser nachvollziehen, was der Komponist gemeint haben könnte. Aber schauen Sie: Zum Beispiel hat Claude Debussy seinen Préludes immer Titel gegeben, das gibt dem Interpreten schon eine klarere Idee.

Gibt es Musik, mit der Sie nichts anfangen können? 

Das hängt sehr vom Zeitpunkt des Lebens ab. Manchmal hatte ich Schwierigkeiten mit Chopin, manchmal mit Beethoven. Das sind Wellenbewegungen.

Wer ist im Moment oben? 

Nun, ich habe gerade alle Mozart-Sonaten aufgenommen. Aber da ist es auch so: Fünf oder sechs spiele ich regelmäßig, ebenso viele habe ich ab und zu schon interpretiert. Und zwei oder drei bisher noch nie. An denen arbeitet man dann am meisten. Aber es lohnt sich!

Wie ist das, wenn Sie eine ältere Aufnahme von sich hören? 

Naja, vor vielleicht 15 Jahren, da habe ich schon anders gespielt, wilder. Jetzt spiele ich viel textgenauer. Früher habe ich beim Spielen auch sehr viel mitgesungen. Das ist jetzt nicht mehr so. Damals habe ich das nicht als Problem gesehen, ich habe gesagt: Ich bin halt so. Aber als ich mich das erste Mal im Fernsehen gesehen habe, da hat es mich gestört …

Quelle: op-online.de

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