Und über allem kreisen die Fledermäuse

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Die Basilika ist das gewaltigste Kulturerbe des ehemaligen Zisterzienserklosters. Hier kreisen bei Konzerten nicht selten Fledermäuse.

Eltville - „Die Bewahrung dieses einzigartig erhaltenen Klosters ist unser aller Aufgabe. Von Reinhold Gries

Bei der Sicherung der bis zu 850-jährigen Bausubstanz unseres schönen Rheingau-Kulturzentrums wollen wir von der Stiftung zunehmend auf eigenen Füßen stehen und nicht dem Steuerzahler auf der Tasche liegen.“ Dieses Bekenntnis hat Martin J. Blach, geschäftsführender Vorstand der seit 1998 bestehenden gemeinnützigen „Stiftung Kloster Eberbach“ abgelegt. Doch das ist leichter gesagt als getan. Das zeigt schon ein Blick in die jüngere Geschichte der Anlage.

Exakt 73 Meter lang ist das gotische Mönchsdormitorium. Hier eine Besuchergruppe bei der Führung.

Nach ersten Sicherungsarbeiten in den 20er Jahren folgt nach eingehender Untersuchung der Bausubstanz ab 1986 eine Restaurierungskampagne auf die andere, damals wie heute unter Oberaufsicht des Hessischen Landesamtes für Denkmalpflege im einige Kilometer entfernten Biebricher Schloss. Zur Jahrtausendwende übergibt das Staatsbauamt, heute „Hessisches Baumanagement“ genannt, das unvergleichliche mittelalterliche und barocke Großensemble in die Obhut der Stiftung des öffentlichen Rechts. Doch das Land Hessen muss immer noch wesentliche Kosten der Generalsanierung übernehmen, die bis 2011 vorerst zu Ende sein soll.

1985 diente das Kloster als Schauplatz für Romanverfilmung

Die turnusmäßigen Erhaltungsarbeiten durch die Klosterbauhütte und den Betrieb der Gesamtanlage kann die Stiftung allerdings längst stemmen. Seit dem 1985 in Kloster Eberbach gedrehten Welterfolg der Umberto Eco-Romanverfilmung „Der Name der Rose“ mit Sean Connery sind Eintrittsgelder, Einnahmen aus Vermietung von Fest- und Tagungsräumen sowie aus Verpachtungen an die Gastronomie sprunghaft gestiegen. Auch Bücher, Karten und Informationsschriften zur hier wie nirgends sonst in Deutschland zu verfolgenden Geschichte der Zisterzienser finden guten Absatz. Kultureller wie wirtschaftlicher Hauptfaktor sind die oft ausverkauften Konzerte des 2009 zum 22. Mal stattfindenden „Rheingau Musik Festivals“ in der Basilika, im Kreuzgang und im Laiendormitorium geworden. Kein Wunder, trifft sich doch dort und an umliegenden Spielorten die Weltelite der alten und klassischen Musik in sommerlich heiterer Festival-Atmosphäre.

Zu Gast im Kloster. 83 Meter misst das romanische Laiendormitorium. Es ist der längste romanische Profanbau nördlich der Alpen. Manchmal wird es zum stilvollen Konzertsaal.

Gar nicht heiter jedoch war vielen Freunden des Klosters aus aller Welt zumute, als der Komplex am 26. April 2005 mitsamt der ehrwürdigen romanischen Basilika bis zu 1,25 Meter unter Wasser stand. Der unter dem Kloster verlaufende Kisselbach war nach schweren Unwettern über die Ufer getreten und der Entwässerungskanal aus dem 18. Jahrhundert eingestürzt. Sogar Gewölbe und Fundamente wurden angehoben, Schlamm und Schlick blieben zurück. Womöglich stand sogar Weiteres vor dem Einsturz. Zu den fieberhaft eingeleiteten Rettungsmaßnahmen erklärt der Leiter der Klosterbauhütte Matthias Wilk: „Dem Bach haben wir einen Beipass gegeben, das anströmende Gebirgswasser wird oben vor der Klostermauer abgefangen und ums Kloster geleitet.“ Nasse Füße - bei den asketisch nach dem Gesetz „Ora et labora! Bete und arbeite!“ lebenden Klosterbrüdern im Mittelalter oft Normalität - gehören der Vergangenheit an.

Auch sonst erscheint das 1116 vom Mainzer Erzbischof Adalbert gegründete, aber erst 1136 von 13 Mönchen des burgundischen Mutterklosters Citeaux bezogene (ehemalige) Kloster im allerbesten Licht. Die Zisterzienser sorgten für eine einzigartige Blüte ihrer Abtei im hohen Mittelalter, die viele Um- und Ausbauten sowie Erweiterungen brachte. Die durch barocke Bauten gemilderte Strenge, Urtümlichkeit und Geschlossenheit der wunderschön gelegenen Klosterstadt hat unter dem frischen Anstrich aus Sandsteinrot und Weiß nicht gelitten. Dafür ist der „Grünspan“ aus der zwischen 1145 und 1186 erbauten Basilika verschwunden, die mittelalterlichen Hochgräber sind restauriert in die gotischen Kapellenbauten zurückgekehrt.

Gut bestückte Vinothek mit Rheingauweinen

Der generalsanierte „Konversenbau“ für die Laienbrüder, seit der Säkularisierung 1803 und der profanen Nutzung des Klosters als Lazarett und Gefängnis (bis 1912) sowie Psychiatrische Anstalt (bis 1973) heruntergewirtschaftet und vom Hausschwamm befallen, ist zum brandschutzsicheren Vorzeigebau geworden. Da wurde vom Fundament und den Kopfbauten bis zum Dach ganze Arbeit geleistet, wobei man sich nicht scheute, auch Stahlbaukonstruktionen zu Hilfe zu nehmen, um endlose Fluchten statisch zu sichern. Vollkommen authentisch wirkt normalerweise das 83 Meter lange Laiendormitorium, der längste romanische Profanbau nördlich der Alpen, wenn es nicht zur langen Tafel oder zum stilvollen Konzertsaal umgerüstet ist. Die gut bestückte Vinothek der Hessischen Staatsweingüter mit ihren charaktervollen Rheingauweinen ist in einen komplett sanierten Großraum im ehemaligen „Neuen Krankenhaus“ umgezogen, unweit der Kasse des Eingangsbaues. Der stimmungsvolle Kreuzgang mit dem urtümlichen Kapitelsaal und das einzigartige 73 Meter lange gotische Mönchsdormitorium, das romantische Brunnenhaus und die pittoreske Klostergasse zwischen Mönchsklausur und romanischem Laienrefektorium sind eine Freude für Augen und Seele. Und in uralten Gewölben mit mächtigen Keltern aus der Klostervergangenheit riecht es noch nach dem Wein, der den Rheingau weltberühmt gemacht hat.

Wie aus einem bunten Bilderbogen: die Klosterkirche und der Große Garten mit seinen herrlichen Blumenrabatten, exotischen Gehölzen und schlossparkartigen Barockwegen.

Auch im idyllisch angelegten Großen Garten mit seinen herrlichen Blumenrabatten, exotischen Gehölzen und schlossparkartigen Barockwegen kann man die hektische Welt des nahen Großraums Rhein-Main verdrängen. Bei der Erkundung der gesamten unverdorbenen Anlage öffnen sich dem Besucher ständig neue Ansichten und Blickachsen auf eines der schönsten Bauensembles Deutschlands. Wenn man Glück hat, trifft man im Grünen auf Überraschungen aus der Tierwelt: Grün gerahmte Schilder weisen auf die Ungiftigkeit der scheuen Äskulapnatter hin, die im Kiedricher und Eberbacher Tal letzte Refugien gefunden hat. Die Stiftung hat deshalb ihren Handwerkerfirmen eingehämmert, den naturgeschützten Reptilien nicht zu nahe zu treten, und ihnen eigene Schlupflöcher gelassen. Über die Einhaltung der Naturschutzvorschriften wacht neben einem ökologischen Berater auch ein Fledermausbeauftragter des „Nabu“. Das Kloster hat das Prädikat „Fledermausfreundlicher Bau“. Außerhalb der langen Klostermauern im Wald- und Wiesenrevier des Taunus finden weitere geschützte Tierarten ideale Lebensbedingungen. Doch bei aller Liebe zur Natur, das auf einigen Strecken brüchig wirkende Mauerwerk um die ausladende Klosterlandschaft tut der ehemaligen Abtei nicht nur gut. Deshalb ist man dabei, abschnittsweise die kilometerlange Klostermauer zu sichern und neu zu verfugen. Wie schön das aussehen kann, sieht man beim mauerbezogenen barocken Gartenhaus mit seinem geschwungenen Fachwerk und neu angelegten Blumenbeeten des davor liegenden Prälaturgartens.

Das Hospital wird ein Schmuckstück

Nicht ganz so schön wirkt derzeit die große Baustelle am weitgehend romanischen Alten Hospital, einem der letzten erhaltenen seiner Art in Europa. Seit über einem Jahr ist es eingerüstet und mit einem Zweitdach versehen, um bei der Dacherneuerung Nässe aus den Mauern fern zu halten. Am Dach, an den Wänden und am Boden arbeiten Fachfirmen aus ganz Deutschland. Schaut man sich die sanierten oder restaurierten Nachbargebäude an, glaubt man dem Baumanagement: „Auch das Hospital wird ein Schmuckstück, ohne dessen alten Charakter wesentlich zu verändern.“ Totrestauriert wird nichts.

Aber der politikerfahrene Vorstand Blach und der fachkundige Bauhüttenleiter Wilk haben so ihre eigenen Ideen für die Zeit nach der Wiederherstellung des Alten Hospitals: „Die Orangerie im Klostergarten hat sich abgesenkt, im Keller steht das Wasser. Da muss etwas geschehen.“ Auch das „Neue Krankenhaus“ mit seinem nicht einwandfreien Dachstuhl steht zur Sanierung an, denn die Besucher an der Kasse und die Weinverkoster der Vinothek will man auch bei Unwettern nicht im Regen stehen lassen. Und da gibt es noch die Basilika, das gewaltigste Kulturerbe des ehemaligen Zisterzienserklosters, das eine behutsame Restaurierung in mehreren Bauabschnitten verdient.

Stabil wirkende Basilika wird mit den vielen Konzerten gut fertig

Wie und wann das geht, bleibt angesichts der dort regelmäßig verweilenden Besuchermassen, eine offene Frage. Denn das riesige Kirchenschiff fasst über 1000 Zuhörer, die bei begeisternden Konzerten nicht wenig transpirieren. Denkmalschutz, Musikliebhaberei, Wirtschaftlichkeit und Natur zu vereinen, ist besonders hier nicht einfach. Aber Stiftungsgeschäftsführer Martin Blach glaubt, dass die sehr stabil wirkende Basilika mit den vielen Konzerten gut fertig wird. Sie habe auch die Plünderungen des Dreißigjährigen Krieges überstanden und nachfolgenden Konflikten und Verwahrlosungen getrotzt. Wenn da nur nicht die Fluten des verstopften kleinen Kisselbachs gewesen wären; aber der ist ja nun umgeleitet.

Infos zum Kloster finden Sie auf der Hompage .

Zum Rheingau Musik Festival gibt es hier mehr Infos.

Zur Freude vieler Konzertbesucher fühlen sich auch die Klosterfledermäuse wohl in ihren Schlupflöchern in der Kirche oder unter Klausurdächern. Ihre gelegentlichen Flugeinlagen bei Abendveranstaltungen der Basilika sind allein schon die Fahrt in den Rheingau wert. Da braucht Kloster Eberbach gar nicht mehr groß zum „UNESCO-Weltkulturerbe“ erklärt zu werden wie das württembergische Kloster Maulbronn oder die südhessische Klosterhalle Lorsch. Im Bewusstsein vieler Gäste und Besucher ist die zwar „verweltlichte“, aber wieder in voller Blüte auferstandene Klosterlandschaft schon Welterbe.

Quelle: op-online.de

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