Von Übereinkünften und Umbrüchen

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Massimo Vitalis Fotografie „Picnic Allée“ zeigt die stille Masse.

Frankfurt - Demonstrationen lärmgeplagter Bürger jeden Montag im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens, protestierende Mitarbeiter des insolventen Druckmaschinenherstellers „manroland“ auf den Straßen oder vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt campierende „Occupy“-Aktivisten - die Bilder von diesen Handlungen sind in den Medien stark präsent. Von Christian Riethmüller

Auch die Revolutionsbewegungen in der arabischen Welt oder die Protestaktionen im Hinblick auf Finanz- und Eurokrise sind höchst lebendige Beispiele für die immerwährenden Auseinandersetzungen in menschlichen Gesellschaften über ihre Ordnungen und ihre Übereinkünfte.

Gesellschaften sind von einer Vielzahl von Vorschriften, Pflichten und Verabredungen geprägt. Diese Normen, die jeden Tag aufs Neue von zahllosen Praktiken, Ritualen und Konventionen bestätigt werden, geben vor, wie die Verhältnisse sein oder aber nicht sein sollen. Sie geben vor, was richtig und was falsch ist. Doch wie entstehen solche Ordnungen? Was bewahrt sie? Und welche Prozesse führen zu ihrer Ablösung? Mit solchen Fragen beschäftigt sich einer der größten geisteswissenschaftlichen Exzellenzcluster in Deutschland. Der an der Goethe-Universität Frankfurt angesiedelte und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Cluster versammelt etwa 180 Wissenschaftler aus den Disziplinen Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Philosophie, Ethnologie, Ökonomie, Theologie und Soziologie, die gemeinsam „Zur Herausbildung normativer Ordnungen“ forschen.

Diese Ordnungen werden immer wieder im öffentlichen Raum ausgehandelt, zu dem auch Kunstvereine gehören, in denen etwa darüber gestritten wird, was Kunst ist, was sie darf oder was sie sein soll. Vor diesem Hintergrund haben nun der Frankfurter Kunstverein und der Exzellenzcluster das gemeinsame Ausstellungsprojekt „Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen“ umgesetzt, das sich in historischen und zeitgenössischen Gemälden, Fotografien, Installationen, Videos, Soundcollagen und Performances mit dem Thema „Demonstrationen“ auseinandersetzt.

Demonstrationen von Macht und Protest

Mit Demonstrationen sind dabei nicht nur Protestkundgebungen gemeint. Die Ausstellungsmacher sind vielmehr vom lateinischen Wort „demonstrare“ ausgegangen, von dem sich sowohl der Akt des Zeigens als auch die wissenschaftliche Beweisführung und der Protest auf der Straße herleiten lassen. Also zeigen die verschiedenen Ausstellungsobjekte sowohl Demonstrationen von Macht wie etwa Krönungs- und Huldigungszeremonien, aber auch Protestbewegungen, ob nun im Zuge der Revolution 1848 in Deutschland oder als Aktion etwa gegen die G8-Gipfel unserer Tage.

Insgesamt werden die Werke von rund 40 internationalen Künstlern gezeigt. Wesentlich ergänzt wird die Schau durch ein umfangreiches Programm mit Diskussionsveranstaltungen, bei denen namhafte Forscher über die aktuellen gesellschaftlichen Umbruchsprozesse sprechen werden. Einer der Höhepunkte ist dabei das „Amt für Umbruchsbewältigung“, das von 27. bis 29. Januar ins Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt auf dem Römerberg einzieht und dort gut 40 Wissenschaftler interessierte Bürger in persönlichen Gesprächen zu Fragen des Umbruchs beraten lässt.

Die Ausstellung „Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen“ ist bis 25. März im Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Do, Fr 11 bis 19 Uhr, Mi 11 bis 21 Uhr, Sa, So 10 bis 19 Uhr. Zur Ausstellung ist ein empfehlenswerter Katalog erschienen. Informationen gibt es auch im Netz:

www.fkv.de

www.normativeorders.net

Quelle: op-online.de

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