Übung macht den Azubi

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Die Betriebe werden mit erschreckenden Schwächen ihrer Auszubildenden konfrontiert

Nicht ausbildungsreif: Der „Berufsbildungsbericht 2010“ der Bundesregierung deckt erschreckende Schwächen vieler Schulabgänger auf. Unser Redaktionsmitglied Ralf Enders sprach dazu mit Friedrich Rixecker, Geschäftsführer für Aus– und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer Offenbach, und Helmut Geyer, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Stadt und Kreis Offenbach.

Dem Bericht zufolge sind viele Jugendliche nicht ausbildungsreif, weil ihnen elementare Fähigkeiten aus der Schule fehlen. Können Sie diesen Trend bestätigen?

Rixecker: Ja, im Rahmen einer Umfrage geben 86,7 Prozent der Ausbildungsbetriebe aus Stadt und Kreis Offenbach an, dass „viele Schulabgänger eine mangelnde Ausbildungsreife aufweisen“.

Geyer: Ja, auch wir stellen mangelnde Ausbildungsreife fest. Und manche Kandidaten kommen noch nicht mal zu den Bewerbungsgesprächen.

Wie viele Ausbildungsverträge werden in Ihrem Bereich vorzeitig aus diesen Gründen gekündigt?

Rixecker: Im Jahr 2009 sind im IHK-Bezirk Offenbach 371 (9,6 Prozent) Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst worden. Allerdings ist diese Zahl allein wenig aussagekräftig. So resultieren 15 % der Auflösungen aus einer Umfirmierung des Ausbildungsbetriebes, 14 % der Verträge wurden vor Beginn der Ausbildung durch den Azubi gekündigt, in 2 % der Fälle hat der Azubi die Ausbildung in einem anderen Beruf, jedoch im selben Betrieb fortgesetzt. Die pauschale Feststellung, wie viel Prozent der Verträge nicht bis zum Abschluss der Ausbildung bestehen bleiben, wird der Problematik also nicht gerecht.

Geyer: Wir gehen von zehn Prozent der Verträge aus, die wegen mangelnder Fähigkeiten gekündigt werden.

Was genau sind die häufigsten Klagen Ihrer Mitgliedsunternehmen über schlecht ausgebildete Lehrlinge?

Rixecker: Mängel in der Ausbildungsreife werden insbesondere bescheinigt hinsichtlich Belastbarkeit (42,9 %), Disziplin (51,4 %), elementarer Rechenfähigkeiten (60 %), Leistungsbereitschaft (54,3 %), mündliches und schriftliches Ausdrucksvermögen (58,6 %) sowie Umgangsformen (45,7 %).

Geyer: Da gibt es drei Mängelbereiche: Erstens fachliche Kompetenzen wie Deutsch und Rechnen. Zweitens persönliche Kompetenzen wie Zuverlässigkeit, Lern- und Leistungsbereitschaft, Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer und Sorgfalt. Und drittens soziale Kompetenzen wie Höflichkeit, Konfliktlösungsfähigkeit und Toleranz.

Erwarten Sie wegen der geburtenschwachen Jahrgänge schon bald einen Mangel geeigneter junger Menschen, die eine Ausbildung beginnen können?

Rixecker: Ja. Zwar sind die Zahlen der Schulabgänger in Stadt und Kreis Offenbach (noch) fast stabil, jedoch sinkt seit Jahren die Zahl der Bewerber um eine Lehrstelle, weil unreflektiert der Weg in weiterführende Schulen angestrebt wird und dort die Abbruchquoten massiv steigen: In Berufsfachschulen etwa 50 %, in Gymnasien 35 %.

Geyer: Angesichts der demografischen Entwicklung ist es in der Tat wichtig, dass wir eine ausreichende Zahl an Schulabgängern bekommen.

In welchen Berufen gibt es die größten Probleme?

Rixecker: Inzwischen sind fast alle Berufe, Betriebsgrößen und Branchen betroffen.

Geyer: Das gleiche Bild bei uns. Das zieht sich quer durch alle Berufe.

Was sind Ihre Vorschläge zur Verbesserung der Situation?

Rixecker: Seit einigen Jahren haben wir unser Engagement in den allgemeinbildenden Schulen massiv ausgeweitet, um dort auf die Bedeutung der Kernqualifikationen (Rechnen, deutsche Sprache, etc.) ebenso hinzuweisen, wie auf eine frühzeitige Berufsorientierung. Ergänzend bieten wir Berufswahltests an, die Hinweise auf die persönlichen Stärken und die dazu passenden Ausbildungsberufe liefern. Im Rahmen des Hessischen Ausbildungspaktes, der in diesen Tagen verlängert wird, soll zudem die Berufsorientierung an den Schulen als integraler Bestandteil des Unterrichts festgeschrieben werden - dies begrüßen wir ausdrücklich.

Geyer: Wir sind da schon mit einigen Maßnahmen aktiv. Da gibt es den Modellversuch „Quabb“, ein Projekt zur frühzeitigen Erkennung und Stabilisierung von Jugendlichen, die von Ausbildungsabbruch bedroht sind. Dann das Berufsorientierungsprogramm „Olov“. In der Seligenstädter Merianschule gehen regelmäßig Handwerksmeister und berichten den Schülern. Zudem gibt es ausbildungsbegleitende Hilfen und Programme.

Wir sollten nicht wie derzeit in Hessen über die Schulformen diskutieren, sondern über die Unterrichtsinhalte. Und wir wünschen uns in den Schulen mehr intensives Üben - eben bis die Schüler es können.

Quelle: op-online.de

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