Isaak Dentler im Frankfurter Schauspiel

„Und jetzt brennt Wittenberg“

Frankfurt - Was für eine starke Angelegenheit! Ein Schauspieler allein auf der Bühne, gut eine Stunde lang. Er steht da und erzählt eine Geschichte. Ein Wams obenrum, unten schwarze Jeans und ein paar Gummistiefeletten. Von Stefan Michalzik

Die braucht er, denn gleich am Anfang geht ein nebliger Regen auf ihn herab, er wird klatschnass.

Ziemlich puristisch wirkt die Anordnung des „Kohlhaas“ mit Isaak Dentler an den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels. Ein schwarzer Bühnenkasten mit einigen vertikalen Gegenlichtscheinwerfern im Hintergrund. Vorn ein Haufen Heu. Dentler steht aus der ersten Reihe auf und geht nach oben. Ein unbeschädigter, ein unbescholtener Mensch. Einer wie wir alle - deshalb geht er aus unserer Mitte hervor. Das ist ein ganz simpler und uralter Theaterkniff. So gescheit einfach geht es weiter. Alles wirkt selbstverständlich und plausibel. Noch nicht einmal eine Regie führt der Programmzettel auf.

Zu erleben ist der Schauspieler und nicht viel mehr als der Schauspieler. Vollbärtig ist Dentler, sein Körper kraftvoll, die lockigen schwarzen Haare fallen auf die Schulter. Ein idealtypischer Kohlhaas. Wut, Ingrimm, Verstörung - jede Regung des Gefühls wird fasslich. In den wörtlichen Reden von Kleists auf das Jahr 1810 zurückgehender Novelle steigt Dentler markant in die jeweilige Figur ein. Gibt jeder einen Tonfall. Die Untertänigkeit des Knechts, der Hochmut des Burgvogts. Klar konturiert, nicht überzeichnet. So brillant sein Handwerk ist, er brilliert damit nicht. Spricht oft das Publikum direkt an, bleibt damit aber unaufdringlich.

Dem Brandenburger Pferdehändler Kohlhaas, von Kleist frei nach der historischen Figur aus dem 16. Jahrhundert in den Berichtston einer Chronik gefasst und zu Beginn als „einer der rechtschaffensten und zugleich einer der entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ charakterisiert, wird Willkür und Unrecht angetan. Er wird um zwei Rappen betrogen und ruft das Gericht an. Einer Intrige wegen wird seine Klage niedergeschlagen. Das verletzte Rechtsgefühl macht aus dem braven Bürger einen Brandschatzer und Mörder. Dentler überschüttet sich mit Theaterblut, bis er trieft. „Und jetzt brennt Wittenberg.“ Da blenden einen kurz schmerzhaft die Scheinwerfer. Am Ende bekommt Kohlhaas in seiner Sache Genugtuung - und wird seiner Untaten wegen hingerichtet.

Am Rande der Wahrnehmung ist die ganze Zeit ein gleichmäßiger Beat zu hören. Wie aus einem anderen Raum. Mal fährt er kurz hoch, setzt eine Zäsur, nun klingt er wie ein Herzschlag. Dann tauchen Fetzen eines dramatischen Gitarrenpops auf. Nur die Cello-Klänge hätte man sich sparen können. Am Ende Jubel, einhellig. Für ein kleines Theaterwunder braucht man das Theater nicht neu zu erfinden.

Quelle: op-online.de

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