Der unfassbare Klang der Stille

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Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) probiert an der Edertalsperre ein Elektrobike aus. Bei der „E-Bike-Rallye“ wurden Zweiräder mit Elektroantrieb präsentiert.

Hemfurth - Das Motorrad sieht ganz normal aus, das Geheimnis ist sein Antrieb: Ein starker Motor mit strammer Beschleunigung. Kein Wunder, dass das Trio aus Kassel bei der legendären Tourist Trophy auf der Isle of Man gerade den zweiten Platz belegt hat. Das Besondere des Flitzers ist der Klang: Er hat nämlich keinen. VonChris Melzer (dpa)

Drei Kasseler haben mit kleinstem Budget ein Hochleistungsmotorrad mit Elektroantrieb konstruiert, gebaut - und fahren es natürlich auch. Bei der „E-Bike-Rallye“ am Edersee mit Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) waren sie gestern die heimliche Schau.

Während andere Teams aus Dutzenden Experten gebildet sind, besteht das Kasseler „XXL-Racing“ nur aus Techniker Marko Werner, Fahrer Thomas Schönfelder und Teamchef Thomas Schuricht. „Andere hatten im Etat viele Millionen“, sagt Schuricht, „wir hatten viel weniger.“ Von gerade einmal 35 000 Euro munkelt man, nur 13 Wochen hätten die drei Schrauber gebraucht. Das Ergebnis: Das nach ihren Angaben schnellste E-Motorrad der Welt. Die 240 Sachen, die ihr E-Bike bringt, schafften viele Benziner nicht.

Elektromotorräder haben ein unglaubliches Potenzial. Ich verstehe nicht, dass das noch so wenig genutzt wird“, sagt Minister Tiefensee. Am Edersee gab er den Startschuss zu der „E-Bike-Rallye“, bei der es allerdings nicht um Preise ging. Auf dem nur gut 20 Kilometer langen Kurs sollten sich die Zweiräder mit Flüsterantrieb beweisen. „Das Interessante sind die Kosten“, sagt Klaus-Dieter Maubach, Vorstandschef von Rennveranstalter E.ON Energie: „Beim Benzinauto kosten 100 Kilometer heute zehn, zwölf Euro. Beim Elektroauto sind es drei. Und beim Zweirad ist der Unterschied noch deutlicher.“

Patente kommen fast alle aus Deutschland

Noch hat die Technik aber auch ihre Grenzen. „In einem 1,5 Tonnen schweren Auto fallen die schweren Akkus natürlich längst nicht so ins Gewicht wie bei einem 100- oder 200-Kilo-Motorrad“, sagt Thomas Schmieder von der Zeitschrift “Motorrad“. „Und bei einem Bike ist natürlich auch viel weniger Platz, um alles unterzubringen.“ Tiefensee verspricht mehr Fördergelder, um letztlich einen neuen Markt zu erschließen. Die Patente kämen fast alle aus Deutschland. „Das ist die Nation der Ingenieure. Nutzen wir das also!“ Er ist selbst Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik. Erste Fahrversuche als Schüler: Auf einem Elektrokarren der DDR-Reichsbahn.

In einem Sportsegment sind die E-Bikes heimlich schon ganz vorn: „Motocross dröhnt und stinkt, dass ist mit Benzinern zum Aussterben verurteilt“, sagt Volker Zaborowski. Die Schweizer Firma, für die er arbeitet, verkauft geländegängige Motorräder und vergibt Lizenzen für Freizeitparks, in dem jeder sich mal versuchen könne: „Ohne Führerschein, einfach mal eine viertel Stunde ausprobieren. Und man hört nur den Schlamm spritzen.“ 15 Euro koste das. Dafür sei der Elektroantrieb besonders geeignet, nicht nur wegen des Umweltaspekts. „Normale Bikes kommen bei der Beschleunigung nicht hinterher.“

Für den Kasseler Schönfelder war der gut 60 Kilometer lange Rundkurs auf der Isle of Man in der Irischen See „ein Traum“. „Kein Getriebe, kein Schalten, einfach fahren und auf das Wesentliche konzentrieren.“ Das Tollste sei das Geräusch gewesen: „Nichts. Nur ein leises Surren und das Abrollen der Reifen. Und eine Beschleunigung, die sagenhaft ist.“ Aber irgendein Geräusch sei da doch noch: „Ich weiß auch nicht, aber irgendwie hört man den Strom fließen.“ Zuverlässig sei ihre Maschine auch, sagt Teamchef Schuricht: „Andere waren mit 15, 16 Leuten am Start. Wir Drei waren das kleinste Team, mussten aber auch nichts machen. Nur fahren. Und putzen.“

Auch in anderen Ländern wird an der Entwicklung von Elektromotorrädern gearbeitet. Firmen in Österreich, der Schweiz und den USA haben ebenfalls schon erste erfolgreiche Modelle präsentieren können.

Quelle: op-online.de

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