Graf im Ruhmestaumel

Unheilig verwandelt die Festhalle in Bollwerk der Aristokratie

Macht"s gut, tschüss, auf Wiedersehen: Der Graf verneigt sich ein mutmaßlich letztes Mal vor seinem Publikum.(c)Foto: Simon Rothschild

Frankfurt - Unheilig auf Abschiedstournee: In der ausverkauften Frankfurter Festhalle nahm „Der Graf“ Abschied von seinen Fans. Von Peter H. Müller 

Der Taschentuchverkauf soll Höchstwerte erreicht haben, und selbst die Friedhofskerzen in der Bühnenkathedrale scheinen Trauer zu tragen. Unheilig, das erfolgreichste Ein-Mann-Quartett der vergangenen Dekade, lädt in der ausverkauften Frankfurter Festhalle zur letzten Audienz. „Der Graf“ lässt auf ausgedehnter Abschiedstour noch einmal die Hüften kreisen – und pirouettiert im eigenen Ruhmestaumel auch um sich selbst. Die begeisterten Fans werden ihn wohl arg vermissen, die alten Gothic-Grufties weniger.

Seine Hiobsbotschaft kam via Homepage, im Oktober 2014, kurz nach dem „Gipfelstürmer“-Album, das nicht weniger als „die besten Unheilig-Songs“ versammelt haben soll. Der Aachener Adelsspross, der nach allem, was man nicht weiß, wohl Bernd Heinrich Graf heißt und in düsteren Gothic-Frühzeiten sogar weiße Kontaktlinsen trug, um als Nosferatu zu posieren, hat tatsächlich seine Demission verkündet. „Alles erreicht“, das Projekt auf den Höhepunkt gehievt, der Chef reif für Familie und Rente – noch ein letzter langer Tanz, das soll’s dann gewesen sein. Was der getreuen Graf-Gefolgschaft wie ein Horror-Orakel vorgekommen sein mag, wird nun konkret. Da heißt es, die Tränen für zwei Konzertstunden zu verdrücken und dem geheimnisumwobenen Glatzkopf ein allerletztes Geleit zu geben. Zumindest in Frankfurt, die Tourkarawane ist ja noch bis September unterwegs. Der Graf ruft zunächst mit dem ulkigen Tuten der Cover-Dampflok von eben jenem „Gipfelstürmer“-Album zur Abschieds-Messe, die mit einem Video-Intro eröffnet.

Dort steht er dann, „Der Berg“, im obligatorischen Bestatter-Outfit – schwarzer Gehrock, schwarzer Schlips, weißes Hemd – einsam auf einer Alpenwiese und sinniert mit ernstem Blick ein Loch in den Horizont, bevor es zu „Hinunter bis auf Eins“ quasi buchstäblich in die reale Konzertwelt geht. Unten, wo der Graf erst mal sein Revier im Laufschritt abscannt, gibt er ein schweißtreibendes „Best of“ seiner Hits: ohne Farewell-Sentimentalitäten, aber mit emotionsschwangeren Synthie-Pop-Songs, Nebelfontänen und großen Gesten, die sich wie selbstverständlich in das ihm eigene XL-Pathos reihen: „Als wär’s das erste Mal“, „Glück auf das Leben“, „Freiheit“, „Wie in guten alten Zeiten“ oder „Geboren um zu leben“ – geradezu ein Manifest der massenkompatiblen Unheilig-Antidepressiva.

Bilder: Konzert von Andreas Bourani in der Festhalle

Aus gebührender Distanz betrachtet, ist des Grafen hehre Bassbariton-Schauerromantik schon seit langem zu einer Art halbdunkler Melancholie der Mitte geworden: Schlager plus, Gothic light und Befindlichkeits-Pop in einem – wenn man so will, eine Therapie-Vollversorgung, die selbst Kalendersprüche der Songmarke „Weisheiten des Lebens“ ironiefrei auf die Bretter stellt. In der eingefleischten Schwarzkutten-Gemeinde hat ihm diese Mainstream-Einkehr frühestens nach seinem Carmen-Nebel-Besuch, spätestens nach seinem Helene-Fischer-Duett geharnischte Kritik eingebracht. Andererseits ist damit seine Fan-Basis inzwischen auf ganz breite Füße gestellt.

In der Festhalle dankt die jubilierende Menge denn auch jedes Grafsche „Dankeschööön“ mit einem ebenso lang gezogenen „Bitteschööön“ – das Ritual lebt. Und korrespondiert trefflich mit dem, was der Mann mit der Glatze und der durchdringenden Stimme souverän abfeiert: Vom Bowie-Wiedergänger „Lichter der Stadt“ über die Rammstein-Variante „Maschine“ (natürlich ohne verdorbene Lyrics und jedwede Provokation) bis zum seligen „Zeit zu gehen“-Finale: ein munter metapherndes Poesiealbum für Erwachsene. Der Weg von der Gänsehaut zum Schüttelfrost kann schon mal ziemlich kurz werden. Bleibt die Frage: Was soll nun werden, ohne all diese wohligen Moll-Botschaften? Ein Comeback muss her. Und möglichst bald.

Quelle: op-online.de

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