„Ich sauge alles auf wie ein Schwamm“

Frankfurt - Mit über 50 in den Hörsaal? An der Frankfurter Goethe-Universität ist das möglich. Der Verein Universität des dritten Lebensalters (U3L) bietet pro Semester mehr als 100 Veranstaltungen für Ältere an. Eine Studentin ist die 66-jährige Sylvonne Hartmann. Von Lena Marie Jörger

Plastik-Kaffeebecher, Blöcke und das eine oder andere Smartphone – auf den ersten Blick scheint Hörsaal V auf dem Bockenheimer Campus der Universität Frankfurt ein ganz normaler zu sein. Ist er aber nicht. Denn das Durchschnittsalter der Studenten, die dort den Vorlesungen lauschen, liegt bei weit über 50 Jahren. Unter den Zuhörern ist Sylvonne Hartmann. Die 66-Jährige ist seit gut einem Jahr an der Universität des dritten Lebensalters (U3L) angemeldet. Der Verein wurde 1982 gegründet, seitdem steigt die Zahl der Studierenden kontinuierlich. Im Wintersemester 2013/14 nahmen 3 535 Menschen an Veranstaltungen teil, ein Jahr davor 3 468. Das Durchschnittsalter lag bei 69 Jahren. Der älteste Student war 93.

Hartmann gehört demnach eher zu den Jüngeren. Sie besucht Seminare zu Frankfurter Geschichte, vergleichenden Religionswissenschaften, Kunstgeschichte und Philosophie. „Jetzt habe ich Zeit dafür und den Kopf frei“, sagt sie.

Konzentriert lauscht sie den Worten der Dozentin, das Kinn auf die Hand gestützt. Ab und an nickt sie, notiert mit Bleistift Stichworte oder murmelt: „Das ist ja interessant.“ Thema der Vorlesung ist Buddhismus. Der Hörsaal ist mit 200 bis 300 Studenten immer gut gefüllt, „die Dozentin ist beliebt und unglaublich kompetent“, weiß Hartmann. „Heute ist tantrischer Buddhismus dran“, freut sie sich. Auf dem Klapptisch vor ihr liegt ein roter Ordner mit den abgehefteten Seminarunterlagen, daneben ein Stapel karierter Blätter und ein lila Federmäppchen.

Noch vor zwei Jahren hätte Hartmann sich nicht vorstellen können, mal eine Universität von innen zu sehen. „Damals lebte ich im Wald“, erklärt sie und lacht. 20 Jahre lang wohnt sie zurückgezogen in einem kleinen Häuschen in der Nähe des baden-württembergischen Ortes Wüstenrot, arbeitet dort als Zeichnerin in einem Vermessungsbüro. Oft im Außendienst tätig, trotzt sie Wind und Wetter und klettert auf schlammigen Baustellen über wackelige Leitern und in Schächte. „Der tiefste war sechs Meter“, erzählt sie.

Seit zwei Jahren wohnt sie zwischen Hochhäusern statt unter Bäumen. Und sie fühlt sich wohl in ihrer neuen Heimat. „Auch geschichtlich und kulturell ist die Stadt äußert interessant und vielseitig“, schwärmt sie. „Mein Leben hat sich komplett geändert.“ Auch dank der U3L. Den Tipp, sich dort anzumelden, gab ihr ein Bekannter. „Da stand für mich sofort fest, dass ich das mache.“

Vom Angebot an Vorlesungen, Kolloquien und Seminaren war sie anfangs überrascht. „Ich hätte nicht gedacht, dass es eine so große Auswahl gibt.“ 119 Veranstaltungen gab es im Wintersemester 2013/14. „Die beliebtesten Fächer sind Psychologie, Theologie, Philosophie, Geschichtswissenschaften sowie Sprach- und Kulturwissenschaften“, resümiert Claudia Koch-Leonhardi von der U3L. „Dazu hat man während der aktiven Berufsphase keine Muse oder Gelegenheit.“

So ist auch Hartmanns Stundenplan vollgepackt: montags zwei Vorlesungen, dienstags eine mit anschließendem Kolloquium und mittwochs gleich vier. „Mittwoch ist mein langer Tag, da bin ich von 10 bis 18 Uhr an der Uni“, stöhnt Hartmann. „Da komme ich heim und bin erstmal platt.“

Interessant findet sie auch die Vorlesung „Zwischen Thales und Sokrates“, die sie montags von 12 bis 14 Uhr besucht. Dozent ist Prof. Dr. Dr. Günther Böhme, Gründer und stellvertretender Vorsitzender der U3L – und 91 Jahre alt. An den Ruhestand denkt er noch lange nicht. „Er schüttelt das einfach so aus dem Handgelenk, das ist faszinierend“, findet Hartmann. Dennoch gesteht sie schmunzelnd: „Ich bin auch schon mal eingeschlafen, aber meistens schreibe ich alles mit, was er sagt.“

Schwänzen kommt Hartmann nicht in den Sinn. Nur wenn dringende Termine dazwischen kommen, macht sie eine Ausnahme. Das Studium an der U3L ist für sie ein wahres Geschenk, wie sie immer wieder betont. „In der Schule war ich nie besonders gut, mit 16 habe ich dann die Ausbildung begonnen“, erinnert sie sich. Nun ist es Zeit, etwas für sich zu machen. „Das Studium hat mein Leben bereichert: Es strukturiert den Tag, vermittelt neue Inhalte und Anregungen“, sagt sie. „Ich sauge das Wissen auf wie ein Schwamm.“

Vor allem, wenn es um Geschichte geht – um Familiengeschichte. Vor einiger Zeit weckte eine Verwandte in Hartmann das Interesse für deren Großonkel. „Georg Hartmann war ein Frankfurter Industrieller, Kunstsammler und Mäzen von Max Beckmann und hat viel für die Stadt getan“, erzählt sie. Unter anderem hat er das Goethehaus zusammen mit Ernst Beutler nach dem Krieg wieder aufgebaut. „Dafür wurde er zum Ehrenbürger Frankfurts ernannt und erhielt auch das Bundesverdienstkreuz.“ Und er hatte eine Verbindung zum heutigen Unigelände. „Da stand einst seine Bauersche Schriftgießerei.“ Auch deshalb ist der Campus für sie ein ganz besonderer Ort.

Trotzdem: Hartmann freut sich schon auf die Semesterferien, die nächste Woche beginnen. „Vielleicht mache ich eine Studienreise in die Türkei“, überlegt sie. „Da könnte ich mein Wissen über die Philosophen Thales von Milet und Sokrates vertiefen.“ Fest steht jedenfalls: „Nächstes Semester mache ich weiter.“

‹ In der nächsten Folge: Lebenshilfe für Sorgenkinder, das Mentorenprojekt „Alt hilft Jung“ in Neu-Isenburg.

Quelle: op-online.de

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