Adieu Bockenheim

Eine ganze Universität zieht um

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Der AfE-Turm in Bockenheim.

Frankfurt - Büros werden ausgemistet, Bibliotheken verschwinden in Kartons, ganze Fachbereiche wandern in neue Räumlichkeiten. Auf dem Frankfurter Universitäts- Campus Bockenheim herrscht Aufbruchstimmung. Von Christian Krug

Das ist kein Wunder, findet dort doch der „größte Uni-Umzug statt, den es je in Deutschland gegeben hat“, wie Olaf Kaltenborn, Leiter der Abteilung Marketing und Kommunikation an der Goethe-Universität, sagt. Der Umzug hat Anfang Februar begonnen und soll Ende März, Anfang April, jedenfalls zu Beginn des Sommersemesters, beendet sein. Dann werden auch die Fachbereiche Psychologie, Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften, die im AfE-Turm untergebracht sind, auf den Campus Westend umgezogen sein und mit ihnen knapp 10 000 Studierende sowie mehrere hundert Mitarbeiter und Wissenschaftler. Die Fachbereiche residieren dann gemeinsam im neuen PEG-Gebäude – PEG steht für Psychologie, Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften.

„Hervorragende“ Bedingungen im Westend

Die Studienbedingungen auf dem Westend-Campus beschreibt Kaltenborn als „hervorragend“. Die Gebäude seien auf dem neuesten Stand der Technik, „und das sagt auch einiges über die Qualität eines Studiums aus. Mit dem Laptop in den Park gehen und auf der Wiese lernen - das kann man an kaum einer anderen Uni in Deutschland. Die Studierenden werden sich auf diese Weise stärker mit ihrer Uni identifizieren. Bei Führungen höre ich oft begeisterte Ausrufe wie: Mein Gott, da würde ich gern selber nochmal studieren wollen!“ Der Campus Bockenheim hingegen sei eher zweckmäßig und nicht für die Ewigkeit erbaut worden.

Nichtsdestotrotz ist die Stimmung unter den Studierenden gespalten. Denn der alte Campus ist so manch einem ans Herz gewachsen. „Ich halte von dem Umzug ehrlich gesagt gar nichts“, äußert sich kritisch Stefan Ploetzel, Pädagogik-Student im fünften Semester. „Der Bockenheimer Campus entspricht trotz – oder gerade wegen – seiner Optik sehr viel mehr meinen Vorstellungen von einem Studium als die ehemalige Zentrale von IG Farben, die an Sterilität kaum zu übertreffen ist. Abgesehen davon frage ich mich, wie eine derart hohe Anzahl an Studierenden dort Platz finden soll.“

Neue Mensa bleibt in Benutzung

Zur kurzfristigen Überbrückung sollen zunächst auch weiterhin Seminarräume und Hörsäle in der Neuen Mensa und dem Hörsaalgebäude auf dem Bockenheimer Campus genutzt werden. Außerdem ist geplant, bis zum Sommersemester 2015 ein Seminarhaus auf dem Campus Westend in Betrieb zu nehmen.

Der ein oder andere betrachtet den Umzug hingegen mehr von der ästhetischen Seite. „Ich habe ja mal eine Zeit lang Architektur studiert und dadurch auch einen speziellen Blick auf den AfE-Turm wie auch den Westend-Campus“, erklärt Soziologie-Student Philipp Birkenfeld. „Auf der einen Seite hat der Turm schon irgendwie einen Kult-Status, andererseits finde ich ihn einfach nur grottenhässlich und frage mich jedes Mal erneut, was sich der damalige Architekt dabei gedacht hat. Was Schönheit angeht, kann‘s ja eigentlich nur besser werden – und bei Architektur kommt Schönheit eben auch von außen. Deswegen, ja, ich freu mich aufs Westend. Da ist zwar auch nicht alles schön, aber man gibt sich zumindest Mühe, ein gescheites Gesamtbild zu schaffen.“

Und was meinen die Dozenten? „Im Hinblick auf eine Vereinfachung und Vertiefung des Austausches zwischen Lehrenden und Forschenden am Fachbereich begrüße ich den Umzug auf den Campus Westend vorbehaltlos“, verrät Phil C. Langer, Juniorprofessor für Soziologie. „Im Hinblick auf eine Verbesserung der Lehrsituation bin ich auf die räumlichen und technischen Möglichkeiten, die vorhanden und in Planung sind, gespannt.“

Bockenheim ist vielen ans Herz gewachsen

Manch ein Studierender betrachtet den Umzug mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Einerseits finde ich den Campus Westend sehr ansprechend und modern. Das Gelände ist geräumig und schön gemacht. Immerhin ist der Campus einer der modernsten Campi Europas“, meint Georgi Gogichev, der Soziologie sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert. „Doch der Uni-Campus Bockenheim, wo ich fast jeden Tag mehrere Stunden verbringe, ist mir ans Herz gewachsen. Die Atmosphäre dort, die Studierenden, die Räume und Gebäude tragen zur Einzigartigkeit bei. Ich glaube, dass mein ganzes Studium ganz anders abgelaufen wäre, wenn der Campus anders ausgesehen hätte – ohne den Turm, das KOZ-Café oder die Neue Mensa. Sie haben uns den Freiraum gegeben und dazu verholfen, Spaß am Studium zu haben.“ Genau das fehle aber im Westend. „Es mag sein, dass alles viel moderner sein wird, aber das Studentenleben wird sich meiner Meinung nach sehr verändern.“

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Solche etwas wehmütigen Stimmen kann auch Olaf Kaltenborn verstehen. Immerhin stecke im Campus Bockenheim eine „Menge an kultureller Identität“. Trotz Nostalgie: Den AfE-Turm weiter in Betrieb zu halten sei unmöglich. Das Gebäude befände sich in äußerst schlechtem Zustand. Neue Auflagen beim Brandschutz oder der Betonsanierung forderten Investitionen in Höhe von mehreren Millionen Euro. Weiterhin genutzt werden in Bockenheim hingegen Juridicum, Hörsaalgebäude, Hauptbibliothek, Mensa und Cafeteria. Der Fortbestand von Einrichtungen wie dem studentischen Café TuCa ist den Fachbereichen überlassen.

Bilder vom Campus-Umzug

Uni-Campus Bockenheim zieht um

Die Uni-Verwaltung ihrerseits plant ein neues Studierendenhaus im Bereich des Hauptzugangs im Norden des Campus Westend. Weitere Bauvorhaben sind bis 2015 geplant, etwa der Semesterpavillon. Bis 2017 sollen alle noch verbliebenen Fächer wie Musik, Kunst und außereuropäische Sprachen ins Westend umgezogen sein.

Quelle: op-online.de

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