Untersuchung

NSU-Mord: Verfassungsschützer konnte Leiche sehen

Halit Yozgat wurde 2006 in seinem Internetcafé in Kassel vom rechtsextremen NSU ermordet. Ein Verfassungsschützer war zur Tatzeit dort, will aber nichts bemerkt haben. Dem widersprechen nun britische Forscher.

Der frühere Verfassungsschützer Andreas Temme muss nach Ansicht von britischen Forschern den NSU-Mord in Kassel bemerkt haben. Er habe die tödlichen Schüsse auf Halit Yozgat, den Besitzer eines Kasseler Internetcafés, hören und seine Leiche sehen müssen, erklärte Christina Varvia. Sie ist Forschungskoordinatorin der Gruppe Forensic Architecture der Londoner Goldsmiths Universität. Anlässlich des 11. Todestages von Yozgat wurden am Donnerstag Ergebnisse der Untersuchung in Kassel vorgestellt. Sie sollen auch Thema im NSU-Prozess werden.

Temme war laut Ermittlern zur Tatzeit Gast im Café, hatte aber bisher bestritten, etwas von dem Mord durch die rechtsextreme Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) mitbekommen zu haben. Dem widersprechen die Forscher. Laut Varvia haben sie auf Grundlage von im Internet enthüllten Ermittlungsinformationen und Zeugenaussagen den Ablauf der Ereignisse am 6. April 2006 rekonstruiert. Versuche mit einer 3D-Computersimulation und einem Nachbau des Tatortes in Berlin hätten ergeben, dass Temme die Schüsse auf Yozgat trotz Schalldämpfers hören und seine Leiche beim Verlassen des Cafés sehen konnte. Ob er auch den Geruch der abgefeuerten Waffe habe wahrnehmen können, wird noch geklärt.

In Auftrag gegeben hatte die Untersuchung das bundesweite Aktionsbündnis "NSU-Komplex auflösen". Es sieht sich als Vertreter der Opferfamilien. Die daran beteiligte Kasseler Initiative "6. April" veröffentlichte nun die ersten Ergebnisse. Der Rest soll im Mai in Köln folgen. Finanziert wurden die Untersuchungen unter anderem durch Forschungsgeld der Gruppe Forensic Architecture. Diese untersucht nach eigenen Angaben auch Morde und Menschenrechtsverletzungen für die Vereinten Nationen und Nichtregierungsorganisationen.

NSU-Ausschuss: Bilder zum Skandal

NSU-Ausschuss in Hessen: Bilder zum Skandal
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Ermittlungsbehörden kommentierten die Untersuchung wegen des laufenden NSU-Prozesses in München nicht. Sie könnte dort aber Thema werden, bestätigte das zuständige Oberlandesgericht: Ein Nebenklagevertreter hat beantragt, im Mai ein Mitglied von Forensic Architecture als Sachverständigen zuzulassen. Der Generalbundesanwalt habe sich dagegen ausgesprochen, nun entscheide der Senat. Zum Todestag Yozgats gab es am Donnerstag auch eine Demonstration in Kassel: 350 Teilnehmer, darunter auch Familien der Ermordeten, zogen durch die Stadt und erinnerten an die Opfer des rechtsextremen NSU. (dpa)

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