So wird bei Lebensmitteln gemogelt

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Worauf sollte beim Lebensmittelkauf geachtet werden? Eine Untersuchung zeigt jetzt: Fast die Hälfte aller Bezeichnungen sind beschönigend. Bei 63 Prozent der Verpackungen haben sich wichtige Bezeichnungen nicht auf der Vorderseite befunden.

Offenbach - Ein Enten-Nudelsnack ohne Fleisch, eine Beerenauslese aus Tee ohne echte Früchte: Bei vielen Lebensmitteln können Käufer nur schwer erkennen, was sich wirklich hinter den Produkten verbirgt.

Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Untersuchung der Verbraucherzentralen. Zu viele Bezeichnungen von Lebensmitteln seien versteckt, beschönigend, schwer verständlich. Der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft betont dagegen, die Unternehmen hielten sich an EU-Vorgaben.

Die Verbraucherschützer hatten 119 gezielt ausgewählte Produkte untersucht. Sie wollten herausfinden, ob die gesetzlich vorgeschriebene Bezeichnung klar und eindeutig über wesentliche Zutaten informiert wird. Bei 14 Prozent wurden die rechtlichen Vorgaben nicht eingehalten, meistens wird beschönigt. Werden Verbraucher immer häufiger in die Irre geführt, beschweren sich mehr beim Internetportal www.lebensmittelklarheit.de? Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte Andrea Schauff, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale-Hessen:

Haben sie den Eindruck, dass die Zahl der Täuschungsversuche der Industrie zuletzt gewachsen ist?

Das ist schwer einzuschätzen - sicher lassen sich die Anbieter immer wieder neue Mogelvarianten einfallen und Verbraucher werden sicher auch durch das Portal Lebensmittelklarheit noch aufmerksamer und sensibler gegenüber irreführender Kennzeichnung und Bewerbung von Lebensmitteln. Die meisten bei uns gemeldeten Produktbeschwerden beziehen sich auf Zutaten, wie zum Beispiel ganze Früchte oder natürliche Vanille, die im Produktnamen oder in den Abbildungen auf dem Etikett hervorgehoben werden und erst im „Kleingedruckten „ auf der Rückseite entdeckt der Verbraucher, dass nur geringste Mengen der Zutat oder nur entsprechende Aromen enthalten sind. Zweite große Kampagne der Anbieter ist die „Ohne Zusatzstoff-Werbung“. Man stellt dann meist erst zu Hause fest, da sind ja doch Stoffe mit ähnlicher Wirkung enthalten.

Zum Beispiel?

Bestes Beispiel ist die Werbung „Ohne Geschmacksverstärker“, aber es ist geschmacksverstärkender Hefeextrakt enthalten. In den zehn Monaten, seit dem das Portal online ist, arbeiten wir den „Ist“-Zustand auf, und es stellt sich heraus, dass solche Täuschungsaspekte keine Einzelfälle sind. Die problematischen Kennzeichnungen bewegen sich auf einen zahlenmäßig hohen Niveau!

Was ärgert Sie besonders?

Besonders ärgerlich sind natürlich immer Kennzeichnungen, die zwar den gesetzlichen Vorschriften entsprechen, aber trotzdem viele Verbraucher in die Irre führen. Ein von Verbrauchern neu aufgegriffenes Thema mit alter Problematik ist die Kennzeichnung „alkoholfrei“ auf Bier, obwohl ein Restalkoholgehalt von bis zu 0,5 Volumenprozent Alkohol enthalten sein darf. Verbraucher erwarten bei der Werbung mit „alkoholfrei“ einfach keinen Alkoholanteil mehr - vor allem vor dem Hintergrund, dass es inzwischen Verfahren gibt, mit denen man wirklich Bier ohne Alkohol herstellen kann. Zum anderen bewerben zum Beispiel einige Hersteller von Baby-Nahrung ihre Getreidebreie in großem Schriftzug mit der Angabe „ohne Zuckerzusatz“. Leicht zu übersehen ist dagegen die Fußnote „Zucker aus aufgeschlossenem Getreide“. Erst im Kleingedruckten der Nährwerttabellen entdeckt man einen Zuckergehalt von rund 30 Prozent. Trotz korrekter Kennzeichnung entsprechen solche Produkte nicht der Verbrauchererwartung an einen Getreidevollkornbrei „ohne Zuckerzusatz“. Dass der Zucker je nach Herstellungsprozess aus Getreide entstehen kann, ist vielen nicht bekannt.

Welche Erfahrungen machen Sie im Internetportal für Verbraucherbeschwerden über Lebensmittel-Täuschungen?

Das Verbraucherinteresse und die Nutzung an www.lebensmittelklarheit.deist hoch. Seit Portal-Start im Juli 2011 haben fast 5 000 Verbraucher Produktbeschwerden an uns gerichtet. Wir halten alle Meldungen für wichtig, da sie das Ausmaß deutlich machen, in dem Verbraucher durch irritierende, unverständliche und täuschende Produktkennzeichnungen betroffen sind. Allerdings eignet sich nur etwa die Hälfte aller eingehenden Produktbeschwerden für eine Veröffentlichung auf Lebensmittelklarheit. Denn es handelt sich dann zum Beispiel um Fälle, in denen die Täuschung nicht nachvollziehbar ist, unterfüllte Packungen oder Mogelpackungen, für die das Eichamt zuständig ist, um falsche Preisauszeichnungen, die an das Ordnungsamt weitergeleitet werden, Qualitätsfragen usw. Natürlich haben wir auch zunehmend den Effekt, dass es sich um Produktmeldungen handelt, die bereits im Portal in den Rubriken „Getäuscht?“ und „Erlaubt!“ veröffentlicht sind. Gehen mehrere Anfragen mit der gleichen Problematik zum selben Produkt ein, werden bis zu fünf Verbraucheranfragen mit dem jeweiligen Produkt verknüpft. Die 200 eingestellten Produkte entsprechen daher 800 realen Produktbeschwerden, 1 150 weitere Meldungen sind vergleichbaren Thematiken zuzuordnen.

Was sind derzeit die Hauptthemen? Worüber regen sich viele Kunden im Supermarkt vor allem auf?

Es geht sehr oft darum, das wertgebende Zutaten im Produktnamen oder in den Abbildungen auf dem Etikett vorgetäuscht werden, obwohl die Produkte nur Spuren davon enthalten oder nur entsprechendes Aroma: Zum Beispiel sind auf der Müsli-Verpackung gefriergetrocknete und frische Erdbeeren abgebildet, tatsächlich enthält das Produkt lediglich ein Prozent gefriergetrocknete Erdbeeren.

Quelle: op-online.de

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