Die Unverwüstlichen

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Halten an ihrem Projekt fest: Die Gründer des Hafen 2.

Man steht auf diesem weiten Gelände, umgeben von Lagerhallen, stillgelegten Schienen, einem alten Kran. Plötzlich dringt ein forderndes „Mäh“ an das Ohr, dicht gefolgt von lautem Geschnatter. Von Melanie Luke

Geräusche, die nicht in diese raue, unwirtliche Industrielandschaft passen. An dem nahe gelegenen Zaun der angrenzenden Wiese schauen zwei Schafe und drei Gänse erwartungsvoll drein. Aus dem Café des Hafen 2 kommt Andrea Weiß, auf dem Arm ihre zehn Monate alte Tochter Magda. Das „Hafenkind“, wie sie sagt. Auch die Kleine schaut neugierig. Die Idylle aus Mensch und Natur erscheint als Bruch in dieser industriellen Einöde im Offenbacher Hafen. Aber von Einöde kann keine Rede sein.

Seit Andrea und Alex Braun, der Vater von Magda, vor sechs Jahren den alten Lokschuppen auf dem Hafen-Areal übernommen haben, ist hier viel passiert. „Wir waren nie bestrebt, etwas so Großes zu machen“, sagt Andrea. Sie hat es sich mit dem Kind auf einem Sessel in ihrem Büro, der so genannten Kommandozentrale, gemütlich gemacht.

Geburtsstunde des Rotari

Angefangen hat alles in den 90-er Jahren mit illegalen Partys an ungewöhnlichen Orten. Immer schon ist es den beiden darum gegangen, sich öffentliche Räume anzueignen und diese nach eigenem Wunsch zu gestalten. Autobahnbrücken, Abbruchhäuser, Mainufer, Osthafen. Unter freiem Himmel, nur mit einem alten Lastwagen bespielt. Es ist die Zeit, als die House-Musik Clubs und Partyszene erobert.

Irgendwann wird Alex und Andrea, die beide Geisteswissenschaften an der Frankfurter Universität studiert haben, bewusst, dass sie einen festen Ort brauchen. Gleichzeitig die Geburtsstunde des Rotari. Zehn Jahre dient der Rotari Club als Anlaufstelle für Kreative, Nachtschwärmer und Kulturinteressierte. „Zu dieser Zeit hat es eine Aufbruchstimmung in Offenbach gegeben“, erinnert sich Alex an den Jahrtausendwechsel.

Aber bald wird es den beiden im innerstädtischen Rotari zu eng. Sie bewerben sich um das Hafengelände und setzen sich, auch durch ihre Referenz mit dem Rotari-Club, gegen die Mitbewerber durch. Sie gründen den Verein Süßwasser e.V., Kunst und Kultur im Hafen 2. Partys, Konzerte, Cafébetrieb, Ausstellungen - der Hafen 2 wird schnell zu einer festen Institution im Offenbacher Kultur- und Nachtleben.

Hafen 2 ist ein heterogenes Netzwerk

In den vergangenen drei Jahren ist auch die Mannschaft dahinter ständig gewachsen. Denn ein Projekt in dieser Größenordnung lässt sich kaum mit einer Handvoll Leute auf die Beine stellen. „Wir sind ein tolles Team, alle bringen sich ein“, schwärmt Alex von der gemeinsamen Arbeit.

Und genau das macht den Hafen 2 aus. Er ist nicht nur ein Ort zum Feiern, für Musik und Kunst und ein beliebtes Ausflugsziel im Sommer, wo die große Wiese an einem Tag schon mal bis zu 600 Leute beherbergt. Der Hafen 2 ist vor allem ein sehr gut organisiertes und heterogenes Netzwerk aus Personen, die sich für dieses Projekt einsetzen. Und das mit einem unbestimmten Ende vor Augen.

Denn keiner weiß, wie lange in dem Lokschuppen und den anderen Gebäuden des Hafen 2 noch Kunst und Kultur stattfinden wird. Auf dem Gelände soll ein Wohn- und Geschäftsviertel entstehen. Dezember 2007 ist das erste Mal beinahe Schluss gewesen. Alex, Andrea und ihr Team hatten sich bereits darauf eingestellt, keine Bands mehr gebucht und keine weiteren Veranstaltungen geplant. Dann die Nachricht: Ihr könnt bleiben, Zeitraum ungewiss, bis Ende 2012, vielleicht auch länger.

„Wir lieben das Gelände“

Seitdem gehen Alex, Andrea und ihre Helfer anders damit um. Sie denken nicht mehr dauernd an das Ende, sondern planen weiter, halten den Betrieb und die abwechslungsreiche Bandbreite ihres Programms aufrecht. „Wir lieben das Gelände“, sagt Andrea. Diese Mischung aus Ländlichkeit und Urbanität. Aber sie würden auch woanders weiter machen. Vielleicht auf einem Areal im Westen. Ein Umzug dorthin wäre ein Riesenkraftakt. „Aber auch ein Abenteuer“, sagt Alex.

Quelle: op-online.de

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