Ventil für Martyrium

+
Feuer hat auf manche Menschen mit psychischen Problemen eine extrem anziehende Wirkung, die bis zu Brandstiftungen führen kann. Unser Foto zeigt eine Wand aus brennenden Heuballen in Hattersheim.

Darmstadt - Für eine lange Serie von Brandstiftungen im Odenwald müssen zwei Brüder jeweils sieben Jahre und neun Monate ins Gefängnis.

Die 26 und 32 Jahre alten Angeklagten seien „zwei schwer traumatisierte junge Männer“, sagte die Vorsitzende Richterin Ingrid Schroff gestern in der Urteilsbegründung vor dem Landgericht Darmstadt. Sie seien in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem ein „Klima des Terrors“ geherrscht habe. Mit den Bränden zwischen 2007 und 2011 in Erbach und Michelstadt hätten die Angeklagten „ein Ventil gesucht für ihr Martyrium“. Das Gericht sprach die Brüder wegen schwerer Brandstiftung und Körperverletzung in 23 Fällen schuldig.

Neun der ursprünglich 32 angeklagten Taten waren im Verlauf des sechswöchigen Verfahrens eingestellt worden. Angezündet wurden Keller, Schuppen und Gartenhütten. Etwa 20 Menschen hatten Rauchvergiftungen erlitten, der Schaden lag bei rund 1,4 Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft hatte für die Brüder zehn Jahre Haft gefordert, die Verteidigung eine Strafe, „die nicht über sieben Jahre hinausgehen“ sollte.

„Strafe zu finden, ist fast unlösbar“

„In diesem Fall eine Strafe zu finden, die beiden Seiten gerecht wird, ist fast unlösbar“, sagte Richterin Schroff auch mit Blick auf die Opfer. Die Brüder sowie ein psychiatrischer Sachverständiger hatten von Misshandlungen, Schlägen und Tyrannei berichtet. Einer der Brüder hatte laut einem Sachverständigen bereits als Zwölfjähriger versucht, sich das Leben zu nehmen.

Die Lebensgeschichte der Angeklagten habe „die Menschen auf der Richterbank tief berührt“, meinte Schroff - ebenso wie das Leid der Geschädigten, die durch die von den Brüdern gelegten Brände mitunter in Lebensgefahr geraten seien. Besonders in Erinnerung sei dem Gericht eine 88 Jahre alte Frau geblieben, die an einer Rauchvergiftung gestorben wäre, wenn sie nur zwei Minuten später aus ihrem Haus gerettet worden wäre.

Die Gefährdung von Menschenleben, die lange Dauer der Brandserie, der hohe Schaden und das „planerische Vorgehen“ habe gegen die Brüder gesprochen. Die frühen Geständnisse sowie die Reue der Brüder und der Wille, sich therapieren zu lassen, seien aber anzuerkennen. „Wir möchten Ihnen eine Perspektive lassen, aber auch zeigen, dass es keine Lappalie ist“, sagte die Richterin. In seinem letzten Wort hatte sich der ältere der Brüder unter Tränen entschuldigt und Reue gezeigt. Der jüngere hatte betont, froh zu sein, dass die Brandserie und der Prozess zu Ende sind.

dpa

Quelle: op-online.de

Kommentare