Szenen eines Ehe-Clinchs

Verdis „Stiffelio“ wird an Frankfurter Oper zum Achtungserfolg

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Krisenstimmung im Glashaus: Russell Thomas als Stiffelio und Sara Jakubiak als Lina in Benedict Andrews’ Neuinszenierung

Frankfurt - Giuseppe Verdis Oper „Stiffelio“ sorgte bei ihrem Erscheinen für einen Skandal. Es geht um den Ehebruch einer Pastorenfrau, den Regisseur Benedict Andrews als Psychothriller auf die Bühne bringt. Von Klaus Ackermann 

Schon zur Ouvertüre, wenn die geschundene Sünderin am Todeslager ihrer Mutter wacht, jede Menge echter Verdi. Als Psychothriller hat Benedict Andrews die frühe Scheidungsoper „Stiffelio“ in Frankfurt wiederbelebt. Und mit Russell Thomas als starkem Titelheld, der hingebungsvoll leidenden Sara Jakubiak und dem exzellenten Verdi-Dirigenten Jérémie Rhorer einen Achtungserfolg erzielt. Die Oper aufs Libretto von Maria Piave stand von Anbeginn unter keinem guten Stern, musste nach Problemen mit der Zensur umgearbeitet werden und verschwand in der Versenkung. Schließlich war der dort verhandelte Ehebruch einer Pastorenfrau im katholischen Italien schlicht ein Skandal.

Musikalisch mangelt es allerdings trotz des harten Stoffs, nicht an Leichtigkeit im Verdi-typischen „Hmtata“, an stimmungsvollen Chören und heftigen Affekten, von Rhorer und dem wachsweich, aber auch hochdramatisch agierenden Opern- und Museumsorchester piekfein intoniert. Besinnliche Orgeltöne und ein Chor-Miserere aus feinstem Klangsamt (Einstudierung: Tilmann Michael) weisen auf den religiösen Hintergrund der Tragödie um Schuld und Vergebung hin. Stiffelio, Pfarrer einer evangelischen Freikirche musste vor religiösen Gegnern fliehen, fand im Hause des betuchten Stankar Schutz und ist mit dessen Tochter Lina verheiratet. Während einer Reise des Predigers wird sie vom notorischen Don Juan Leuthold (Vincent Wolfsteiner mit geschmeidigen Tenor) verführt – und ihr unsäglicher Leidensweg beginnt.

Der australische Regisseur verhandelt dies in einer Art Pavillon, der sich drehend zur Wohnstatt des Paares wandelt und auf den Kopf gestellt ein riesiges Kreuz bildet. Eine weiße Mauer mit vielen Türen, hinter denen die Akteure verschwinden, schließt die Welt hermetisch aus (Ausstattung: Johannes Schütz). Victoria Behr hat die Helden in zeitgemäßes Tuch gesteckt, die Chordamen in bunt geblümte Kleider.

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An vorderster Front bei diesen an Ibsen-Dramen gemahnenden Szenen eines Ehe-Clinchs auf ständig bewegter Drehbühne steht die unselige Lina, vom Gatten an den Haaren gezogen und vom wütenden Vater derart sexuell bedrängt, dass ein Inzest möglich scheint. Sigmund Freud lässt grüßen. Und wenn nach verhinderten Duellen der zuvor seine verlorene Ehre in einer ausdrucksstarken Arie besingende Vater (Bariton Dario Solari) blutverschmiert seiner Tochter das abgeschlagene Haupt des Verführers in den Schoß legt, ist Straussens Salome nicht fern.

Gedemütigt, unter Zwang verführt und dennoch verzweifelt liebende Gattin ist Sopranistin Sara Jakubiak auch stimmlich stark präsent. Ihr Arien-Gebet am Grab der Mutter – Frauen sind da unter Plastikhauben kreisförmig aufgebahrt – gehört zu den berückenden Momenten dieser Oper. Als Stiffelio profiliert sich Russell Thomas mit kraftvoll-kernigem Tenor, ein leidenschaftlicher Mensch und Gottesmann, gewaltig bei Stimme in Verkündigung und Zorn, ein Rächer von Otello-Format. Final dann ein famoser Coup de théatre: Stiffelio schlägt auf Anraten seines Co-Predigers (Alfred Reiter) die Bibel auf. Ausgerechnet an der Stelle, wo Jesus der Ehebrecherin vergibt. Stiffelio mit Lina allein unterm Kreuz, sie in sündhaften Dessous – Ende offen. Noch am 4., 7., 13., 25., 28. Februar und am 3., 5., 12., März. Karten gibt es unter 069/21249494.

Quelle: op-online.de

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