Verhandelt wird der Tod eines Sklaven

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Helga Fischer, mit einem Foto ihres getöteten Sohnes Thies.

Frankfurt/Rhein-Main/Kassel - Während der Verhandlung hat die Mutter als Nebenklägerin das Foto ihres Sohnes immer vor sich. Er wurde nicht einmal 30 Jahre alt - vielleicht doch, so genau weiß das niemand. Getötet, weil ein Ehepaar an die Sozialhilfe des geistig leicht behinderten Mannes wollte und ihn dabei misshandelte. Am Mittwoch begann der zweite Prozess um den Tod des Mannes vor dem Kasseler Landgericht. Von Chris Melzer (dpa)

Nach zwei Jahren muss der Prozess komplett neu aufgerollt werden. Vor einem Jahr hatten die obersten Strafrichter der Republik die Verurteilung des Hauptangeklagten zu acht Jahren und drei Monaten Haft und seiner Frau zu vier Jahren kassiert.

Das kaum fassbare Verbrechen wird so noch einmal dargestellt, auch vor der Mutter, die an jedem Verhandlungstag dabei sein will. Nach allem, was man weiß, begann das Martyrium des lernbehinderten Mannes Ende 2002, als er bei dem Ehepaar einzog. Dabei sei es dem heute 44-Jährigen und seiner vier Jahre jüngeren Frau nie um den Menschen gegangen, sondern immer nur um dessen Sozialhilfe. Damit davon etwas übrig blieb, durfte der Betreute nichts kosten: Normalerweise trug er nur Turnschuhe und eine Sporthose, schlief oft im Zelt und bekam kaum etwas zu essen. Damit das keiner mitbekam, durfte der junge Mann nicht raus, niemanden anrufen, keinen Kontakt zu Verwandten aufnehmen und wurde zuweilen gefesselt. Die Staatsanwältin spricht von einer „sklavenähnlichen Stellung“.

Der junge Mann ist nach Feststellung der Richter das unterste Glied in der Familie aus Grebenstein nördlich von Kassel. Ständig wird er geschlagen, von ihm, von ihr; alles vor den Augen der drei Kinder des Paares. Nach einem Familienstreit im Juli 2003 eskaliert die Situation. Als die Kinder weinend aus dem Zimmer laufen, fällt der Blick des Mannes auf das spätere Opfer, das wie üblich im Flur auf einem Hocker kauert. „Was glotzt Du so blöd“, fährt der gereizte Vater den jungen Mann an und schlägt seinen Kopf mehrfach gegen die Wand. Dann schlägt er zu, erst mit den Fäusten, dann mit dem Hocker. Der völlig Abgemagerte kann sich nicht wehren und selbst als Schädel und Knochen splittern, lässt der andere nicht von ihm ab.

Stundenlang bleibt der Schwerstverletzte ohne Hilfe. Erst viel später kümmern sich das Ehepaar und ein befreundetes Paar um ihn - nicht um zu helfen, sondern „weil er weg musste“. Der Sterbende sollte nach Thüringen gefahren werden, um einen Raubmord auf einem Parkplatz vorzutäuschen. Als man die verweste Leiche zehn Tage später in der Nähe von Eisenach fand, war nicht mehr herauszufinden, wann genau er gestorben war. Es war irgendwann auf der Fahrt, kurz vor oder nach Mitternacht. So bleibt unklar, ob der 8. Juli schon angebrochen war, als der Mann starb. Es wäre sein 30. Geburtstag gewesen.

Quelle: op-online.de

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