Quälende Ungewissheit

Offenbach - Eltern vermisster Kinder schöpfen nach der Befreiung entführter Frauen in Ohio wieder Hoffnung. Meist bleiben Langzeit-Vermisste jedoch verschwunden. In Deutschland werden jährlich etwa 1800 Kinder und Jugendliche dauerhaft vermisst. Von Joy Gantevoort

Im vergangenen Jahr sind in Stadt und Kreis Offenbach alle Vermissten wieder aufgetaucht.

Die Befreiung von drei jungen Frauen in den USA aus dem Haus ihres Entführers in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio vor etwa zwei Wochen hat die Eltern von vermissten Kindern in Deutschland aufgewühlt. „Solche Fälle, so selten sie auch sind, stellen für viele betroffene Eltern einen Hoffnungsschimmer dar“, sagte Lars Bruhns, Vorstand der Initiative „Vermisste Kinder“.

Viele Eltern hofften auch nach Jahren noch, dass ihre verschwundenen Kinder weiter am Leben sein könnten. Ähnlich sei es bereits im Fall von Natascha Kampusch in Österreich gewesen, die wie die Frauen in den USA jahrelang von ihrem Entführer gefangen gehalten und verborgen wurde. „Relativ schnell stellt sich dann aber wieder Ernüchterung ein“, sagte Bruhns. „Es ist für die Eltern keine einfache Situation.“

Jährlich verschwinden in Deutschland 100.000 Kinder

Jährlich verschwinden deutschlandweit etwa 100.000 Kinder und Jugendliche, das sind etwa 300 pro Tag. Häufig handelt es sich lediglich um Ausreißer, die nach kurzer Zeit zurückkehren. Leider bleiben jedoch mehr als 1 800 Kinder und Jugendliche dauerhaft vermisst, zum Teil seit Jahrzehnten.

Darin enthalten sind einige Fälle von Kindesentzug, in denen ein Elternteil Kinder mit sich genommen hat. Bei den meisten dieser Fälle ist jedoch anzunehmen, dass die Kinder einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind. „Es ist der unwahrscheinlichste Fall, dass sie lebendig wieder auftauchen“, sagte Bruhns. Am stärksten belastet seien die Familien durch die Ungewissheit um das Schicksal ihres Kindes.

In Hessen gibt es aktuell acht vermisste Kinder und 40 vermisste Jugendliche, wie das Landeskriminalamt (LKA) in Wiesbaden berichtet. 4 500 Fälle sind es etwa pro Jahr. 50 Prozent kehren in der ersten Woche wieder nach Hause zurück und weitere 47 Prozent innerhalb von zwei Monaten. Etwa 75 Prozent der Vermisstenfälle sind sogenannte Streuner. Meist laufen die zeitlich begrenzten Ausreißer von zu Hause weg, weil sie Streit mit den Eltern oder den Freunden haben, aus Abenteuerlust, wegen schlechter Schulnoten oder aus Liebeskummer.

„Es gilt: Je jünger das Kind ist, desto größer ist die dem Kind drohende Gefahr“, stellt Siegried Wilhelm vom LKA Hessen klar. Die Vermissten-Abteilung arbeitet stets mit Hochdruck an den Fällen um den betroffenen Familien in ihrer Sorge und Angst zu helfen.

Mädchen etwa dreimal so häufig weg

Laut der Polizei Südosthessen, verschwanden in Stadt und Kreis Offenbach im vergangenen Jahr 46 Kinder und 98 Jugendliche. Es sei auffällig, dass Mädchen etwa dreimal so häufig verschwänden als Jungen. Die Zahlen zeigen, dass vor allem Jugendliche im Alter von 14 Jahren häufig verschwinden und dies meist aus der Abenteuerlust. Allerdings spielen auch familiäre Probleme und Selbstmordabsichten eine Rolle. Alle Vermissten sind von der Polizei oder dem Jugendamt aufgegriffen worden oder von alleine zurückgekommen, heißt es bei der Offenbacher Polizei.

Die „Initiative Vermisste Kinder“ aus Hamburg ist seit 16 Jahren aktiv und wird von Lars Bruhn geleitet. Gegründet wurde sie 1997 anlässlich einer Aktion der Fernsehsendung Schreinmarkers TV „Wir helfen suchen“.

Heute hilft der Verein noch immer bei der Suche und hat hierzu im Internet auf Facebook die Aktion „Deutschland findet Euch“ ins Leben gerufen. Hier werden die Bilder der Vermissten veröffentlicht und durch die Nutzer schnell verbreitet. Die Chance, die Kinder wieder zu finden, steigt durch hohe Beteiligung der Öffentlichkeit.

„Vermisste Kinder“ unterstützt die verzweifelten Eltern bei der Suche auch durch Verbreitung der Vermisstenmeldung auf mehr als 1400 Infoscreens auf Flughäfen und Bahnhöfen in ganz Deutschland und über die App „Vermisst“. All dies sei innerhalb einer halben Stunde möglich, informiert die Initiative.

Quelle: op-online.de

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