Verrenken in luftiger Höhe

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Völlig entspannt in 200 Metern Höhe.

Samstag, 6.30 Uhr. Der Wecker klingelt mich erbarmungslos aus dem Schlaf. „Warum tue ich mir das an?“, ist mein erster Gedanke. In anderthalb Stunden soll ich in Frankfurt auf dem Dach des Main Towers sein. Um dort an einer Yoga-Stunde teilzunehmen. Von Veronika Szeherova

Trüb und grau ist der Himmel, und mein Bett stellt die weitaus verlockendere Alternative zum bestimmt eiskalten und zugigen Dach in 200 Metern Höhe dar. Zumal ich aus großen Höhen lieber durch eine sichere Glasscheibe blicke als von einer offenen Terrasse aus. Aber Yoga verspricht ja Entspannung. Mehr noch als mein Bett? Ich wage es zu bezweifeln, zwänge mich in meine Sportklamotten und mache mich auf den Weg zum Maintower.

Dort wartet schon eine Gruppe ausgeschlafen wirkender, lächelnder Menschen mit Yoga-Matten unter dem Arm. Am meisten strahlen Ramona Lauer und Manuela Weiß, die Inhaberinnen des Studios „Samana Yoga“ in Offenbach und Organisatorinnen des „Rooftop-Yogas“ – einer in Deutschland einzigartigen Veranstaltung. „Heute spielt das Wetter mit. Toll, dass es diesmal klappt“, freut sich Ramona Lauer. War doch der ursprünglich angesetzte Termin buchstäblich ins Wasser gefallen. An dem Tag hatte es in Strömen geregnet und ein kalter Wind geweht, so dass die Verantwortlichen im Main Tower die Yogis lieber nicht aufs Dach ließen.

Nun scheint es, als könnte die Idee, den Sonnengruß direkt an die aufgehende Sonne zu richten, doch noch wahr werden. Und zwar ein Stückchen näher an ihr dran als sonst: Der Wolkenkratzer als besonderer Ort für ein außergewöhnliches Yoga-Erlebnis. „Vor allem in den USA gibt es Yoga-Events an den verschiedensten Orten, in Parks, auf dem Times Square, und sogar Yoga-Flashmobs“, erzählt Ramona Lauer. Sie wollte mit ihrer Yogaschule auch ein Event anbieten – und kam so auf die Idee mit dem Hochhausdach. „Was liegt in unserer Region näher?“, meint die gebürtige Frankfurterin lächelnd.

Immerhin drei Männer sind dabei

So stehen wir hier nun, 20 Teilnehmer, die sich in luftiger Höhe verrenken wollen, darunter immerhin drei Männer. Nach der Sicherheitskontrolle am Eingang, um die auch friedliebende und in sich ruhende Yogis nicht herumkommen, geht es mit dem Fahrstuhl hoch in den 56. Stock. Von dort noch ein paar Treppen zu Fuß, und schon sind wir auf der Besucherterrasse angekommen, zwei Stunden bevor sie offiziell öffnet. „Im Main Tower haben sie sehr positiv auf unsere Anfrage reagiert, es gab keine Probleme“, sagt Ramona Lauer zufrieden.

Ich lasse meinen Blick schweifen über den Nebel, durch den sich die Sonnenstrahlen langsam ihren Weg bahnen. Die Aussicht ist grandios. Besonders erleichtert bin ich, dass man nicht direkt in den Abgrund schaut – es gibt eine Zwischenetage. Sehr angenehm. So wird es vielleicht doch noch was mit Entspannen. Mutig platziere ich meine Matte direkt am Geländer und stelle mich drauf. Meine nackten Füße umweht eine kühle Brise.

Mit sanfter Stimme leitet Ramona Lauer die Yogastunde ein: „Spürt die besondere Umgebung. Lasst sie auf euch wirken.“ In der „Berg“-Position stehen wir der Sonne zugewandt. „Fühlt die Ruhe hier oben, lasst Prana (=Lebensenergie) in euren Körper fließen“, fährt die Trainerin fort. Ich atme tief durch. Das Ambiente ist schöner als in jedem Yoga-Studio.

Es wird schweißtreibend ...

Schweißtreibend wird es trotzdem. Schnell ist die Entspannungsphase vorbei. Nun geht es an den Sonnengruß, Surya Namaskar. Ramona Lauer lässt uns die Asana (Übung), die aus zwölf Bewegungen besteht, die ineinander übergehen, viele Male wiederholen. Immer wieder Liegestütz, Kobra, Hund, aufstehen, hinlegen... Ich habe definitiv nicht so viel Prana wie die geübten Yogis hier. Spätestens bei den darauffolgenden Asanas tropft mir der Schweiß. Der leichte Wind erscheint mir nicht mehr kalt.

„Jetzt die Position Krieger 1“, fordert Ramona Lauer. „Fühlt euch wie ein Held, stark und mutig.“ Äußerst heldenhaft fühle ich mich, als ich eine kleine Stechmücke ins Jenseits befördere, die es gewagt hat, bei ihrem Flug um die Frankfurter Skyline eine Pause auf meinem kriegerischen Arm einzulegen.

Nach einer Pause wäre mir allerdings auch zumute. Spätestens bei den Asanas, die eindeutig der Kategorie „fortgeschritten“ zuzuordnen sind. Meine Kraft lässt nach und lässt mich ein paar Mal das Gleichgewicht verlieren. Aber ich beiße mich durch. Wenn mein Körper sich zu sehr sträubt, nehme ich ganz bewusst die Aussicht wahr. Die winzigen Autos, den Hauptbahnhof, die pulsierende Stadt unter mir. Ich stehe sozusagen über den Dingen. Das hilft – und lässt die Schmerzen vergessen. Hat wirklich was hier oben.

Das gemeinsame, kraftvolle „ooom“ am Ende ist ein tolles Gefühl. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Ich blicke in lauter zufriedene Gesichter. Ramona Lauer möchte nächstes Jahr wieder aufs Hochhausdach steigen: „Mittsommerabend wäre toll.“

Quelle: op-online.de

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