Produktion bringt Musik aus Computerspielen in Alte Oper

„Video Games Live“: Daddel-Soundtrack zur Kunst erhoben

Frankfurt - Computerspiele sind Kunst. Eine steile Behauptung, die Tommy Tallarico in der Alten Oper Frankfurt zu Beginn von „Video Games Live“ ins Publikum brüllt. Von Eva-Maria Lill

Er muss es wissen: Der Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde für über 250 komponierte Spiel-Soundtracks weist ihn als Experten aus. Ein Szenekenner ist er zumindest.

Seit 2005 tourt Tallarico mit verschiedenen Orchestern durch die Welt, in Deutschland ist er ein gern gesehener Gast. Besonders auf der Messe Gamescom in Köln jubeln ihm Massen zu. Das Frankfurt-Debüt war entgegen Tallarico-Standards jedoch alles andere als ausverkauft.

Im Foyer reihen sich Sakkos an Nerd-Shirts, gegelte Tollen an wildgewachsene Bärte. Unterhaltungen kreisen nicht um Beethovens Fünfte, sondern um Kojimas „Metal Gear Fünf“, dazwischen ein paar verlorene Damen mit Stiftrock. Und ambitionierte Teens und Tweens, die ihre Eltern mit strahlendem „Komm, wirst schon sehen, ist klasse“ in den Großen Saal ziehen. Computerspieler sind in erster Linie Fans. Und die müssen nicht überzeugt werden, dass ihr Lieblingshobby eine Kunstform ist.

Auf der Bühne ordnet sich das Kodály Philharmonie Orchester Prag plus Chor – zumindest in kleiner Besetzung. Streicher, ein paar Bläser und die E-Gitarre von Tallarico, ein bisschen zu wenig, um Beben im Besucherbauch und echte Nerd-Tränen herauszukitzeln. Am stärksten die Kompositionen, bei denen der Chor mit Machtstimme das bisweilen schwachbrüstige Orchester unterstützten darf: etwa bei „League Of Legends“ oder dem bombastisch-brachialen „Dragonborn“ („Skyrim“). Unterstützt von einer spaßigen Show mit Lichteffekten und Spielszenen-Videos, füllen Orchester und Tallarico gut zwei Stunden.

Die größten Momente zaubert die sehnsuchtsvolle Violine bei „Chrono Trigger“, markiert die aggressiv-schreiende Gitarre beim Klassiker „Command & Conquer: Red Alert“. Sobald die ersten Töne von „Zelda“ erklingen, blinzelt das Publikum gegen Melancholie und Kindheitserinnerungen an. Eine nette Geste: Auf die Setlist hat es auch ein Titel des Frankfurter Entwicklerstudios „CryTek“ geschafft. Schade nur, dass „Crysis“ zu den schwächeren Arrangements zählt.

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Die leichte Ernüchterung nach dem Rausschmeißer „One Winged Angel“ („Final Fantasy VII“) liegt nicht am Kulturgut Videospiel, nicht am Wert von Soundtracks wie etwa „Halo“ oder „Mass Effect“, sondern an fehlender Sound-Qualität. Das ist keine Schwäche von „Video Games Live“ per se – bei anderen Konzerten des Projekts sitzen doppelt so viele Musiker auf der Bühne.

Ohne Frage haben Computerspiel-Soundtracks längst Hollywood-Standard erreicht. In der Alten Oper feiert sich eine Szene selbst, die noch immer um Anerkennung buhlen muss. „Seid stolz, Gamer zu sein“, ruft Tallarico mehr als einmal und erntet viel Applaus. Ein bisschen weniger Geschwätz des Rockstar-Gesten verteilenden Amerikaners hätten vielleicht geholfen. Und Platz für schmerzlich vermisste Titel wie „Tetris“ und „Super Mario“ gelassen. Computerspiele sind Kunst. Mit einem größeren Orchester und mehr Druck auf den Ohren hätte Tallarico das vielleicht auch den Zweiflern in der Alten Oper beweisen können.

Quelle: op-online.de

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