Protest gegen Flugläm

Gedämpfter Krach vor dem Haus vom Fraport-Chef

Frankfurt - Sie lieben Moderne Kunst, absurdes Theater vielleicht? Dann haben Sie gestern ein tolles Stück versäumt. Titel: Fluglärmgegner beschallt Flughafenchef, der nicht da ist, mit Lärm, den man nicht hören kann. Von Michael Eschenauer

Der Blick schweift über Kornfelder, eine Kirchturmuhr schlägt. Das Rauschen der A 5 ist wie die ferne Brandung eines freundlichen Meeres, und die Wilde Kamille wiegt sich im Morgenwind. Ja, hier lässt es sich leben, hier am nordöstlichen Rand von Bad Homburg. Ach, da kommt ja schon Herr Schulte! Er ist der Chef des Frankfurter Flughafens und steht derzeit wegen Fluglärms mächtig unter Druck. Er wohnt in dieser Idylle und führt seine beiden Hunde aus. Nein, zu der bevorstehenden Aktion mag er nichts sagen. Die Hunde knurren ein wenig. Es ist 6.50 Uhr, am blauen Himmel ist kein Flugzeug zu sehen.

Ja, die Aktion. Es geht darum, jene Politiker und Repräsentanten des Flughafens, die man als Verantwortliche für den Krach am Himmel ausgemacht hat, morgens mit Fluglärm aus einem Lautsprecher zu beschallen. Die Idee ist, ihnen auf diese Weise eine Vorstellung davon zu geben, welche Belastungen sie durch den Flughafen-Ausbau für die Menschen geschaffen haben. Ausgedacht hat sich das Johannes Faupel. Der freie Werbetexter und Fachjournalist, der in Sachsenhausen unter der Einflugschneise schmachtet, hat schon diverse Leute genervt - Oberbürgermeisterin Petra Roth war schon dran oder auch Ex-Ministerpräsident Roland Koch (beide CDU). Über 80 Dezibel gibt seine Anlage her, der Lärm der Flugzeuge wird auf einem Dach in Sachsenhausen aufgenommen und live via Handy vor die Häuser getragen.

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Heute hat Herr Faupel kein Glück. Es ist exakt 7.35 Uhr als Schultes Chauffeur seine schwere Mercedes-Limousine vor der Bauhaus-Villa des Flughafenmanagers abbremst. Die Haustür öffnet sich, Schulte springt ins Auto, würdigt weder die Vertreter des Bad Homburger Ordnungsamtes noch die mit mehreren Einsatzwagen angerückten Polizisten oder das aus Ginsheim-Gustavsburg angereiste fluglärm-entnervte Ehepaar Christine und Wolfgang Trauwein eines Blickes - und ist weg. Vielleicht legt sein Fahrer jetzt Entspannendes von Chopin auf. Fluglärm wird es wohl nicht sein.

Und tschüss! Flughafenchef Schulte geht; Aktivist Faupel verpasst seinen Widersacher nur um Minuten.

Der trifft zwei Minuten später ein: In einem nach Diesel müffelnden roten Landrover - Aufschrift „Lärmwehr“ - holpern Faupel und sein Mitstreiter Bernd Mey die von noblen Anwesen gesäumte Straße entlang. Bevor er seinen Lautsprecher vor Schultes Gartentor anschließen darf, informiert ihn der nette 1. Polizeihauptkommissar Erwin Paske, wie die Sache abzulaufen hat. Das Gespräch verläuft ungünstig für Faupel: Er hatte gehofft, dass für seinen „Fluglärm“ rechtlich die „Geräte- und Maschinenschutzverordnung“ greift. „Da können wir von 7 bis 20 Uhr bis zu 80 Dezibel emittieren, denn bei Bau- oder Gartenarbeiten dürfen ein Bulldozer oder eine Heckenschere ähnlich laut sein“, so Faupel. So habe er das auf Verlangen anderer Ordnungsbehörden auch bisher gemacht.

Bei 50 Dezibel ist Schluss

In Bad Homburg stellen sie sich bockig. Polizeimann Paske: „Die Lärmschutzverordnung greift nur, wenn der Lärm ein Abfallprodukt anderer Tätigkeiten darstellt. Sie greift nicht, wenn er um seiner selbst Willen produziert wird.“ Genau das sei hier aber der Fall. Hätte Faupel ganz offiziell eine Demonstration angemeldet, läge die Sache anders.

Die Polizeigeduld endet damit bei 50 Dezibel. Das ist etwa so laut wie ein leises Gespräch und ergibt in der Bad Homburger Weltsicht durchaus Sinn. Paske: „Jeder hat ja auch das Recht, sich hier zu unterhalten. Alles andere ist unzulässiger Lärm in einem Wohngebiet.“ Faupel ist sauer, bleibt aber ruhig. „Abertausende stehen morgens ab 5 Uhr in den Betten, und bei Herrn Schulte darf man nur flüstern.“ Das Rechtssystem schütze die Falschen. Außerdem werde der Lärm gar nicht hier produziert, sondern von einem anderen Ort übertragen. Nichts anderes praktiziere Fraport: „Die machen auf ihrem Areal Krach, verlärmen die Gegend und deklarieren damit die umliegenden Wohnviertel zu Industriegebieten. „Wenn Fluglärm nicht hier sein darf, darf er auch bei uns in Sachsenhausen nicht sein.“ Faupels Vorschlag: Wenden wir die „Geräte- und Maschinenschutzverordnung“ doch an - und schließen die Nordwestbahn zwischen 20 und 7 Uhr. Der 46-Jährige stöpselt den Lautsprecher trotzdem ein. Während bei früheren Aktionen das Düsengetöse von 85 Dezibel deftig war, gibt es jetzt ein Geräusch, das Herrn Schulte an seinen Haarfön im Bad erinnert hätte. Wenn er denn dagewesen wäre.

Fluglärm zurück zum Absender. Na ja. Faupel auf jeden Fall ist tapfer. „Nein, enttäuscht bin ich nicht. Wir machen weiter. Dann melden wir künftig halt immer eine Demonstration an“, sagt er. „Nach den Sommerferien kommen wir mehrmals pro Woche - aber zu den richtigen Leuten. Bis die Landebahn geschlossen wird.“

Quelle: op-online.de

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