Viel Stress vor dem abendlichen Zeitlimit

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Im Lufthansa-Hub-Center am Frankfurter Flughafen werden sämtliche rund um Starts und Landungen von Lufthansa-Maschinen anfallenden Aufgaben koordiniert, um einen möglichst reibungslosen Flugbetrieb zu gewährleisten. Das Nachtflugverbot hat diese Arbeit nicht unbedingt leichter gemacht.

Frankfurt -  Jürgen Bernges steht locker vor seinen Computermonitoren, die eine Menge rote, grüne und gelbe Balken anzeigen. Mit einer Videokamera zoomt der 45-Jährige einen Airbus A 380 heran, der gerade auf dem Vorfeld des Frankfurter Flughafens die letzten Koffer aufnimmt. Von Christian Ebner (dpa)

Der Flugzeug-Koordinator hat alles getan, damit die Lufthansa-Maschine mit der Flugnummer LH 720 pünktlich um 17. 05 Uhr nach Peking abheben kann. Reibungslos ist die Maschine betankt, beladen, und gereinigt worden, fast alle Umsteiger haben den Flieger erreicht, die Balken zeigen grün.

In der Vergangenheit galt Frankfurt unter Vielfliegern nicht gerade als idealer Umsteigeplatz, der Flugbetrieb an der Auslastungsgrenze führte häufig zu Verspätungen, Ärger, verpassten Anschlüssen. Das habe sich mit der im Oktober in Betrieb genommenen neuen Landebahn schlagartig geändert, berichtet Lufthansa-Stationsleiter Andreas Döpper. Mit Pünktlichkeitswerten weit über 80 Prozent sieht die Kranichlinie ihren Heimat-Hub nun in der Spitze europäischer Flughäfen und auf Augenhöhe mit Zürich, Paris oder München.

Strenges Wetter sorgt für Verspätungen

Natürlich kommt in den komplexen Abläufen immer noch manches durcheinander: Schneefall in der Türkei hinterlässt auf der großen Anzeigetafel im Terminal seine „Verspätet“-Spuren ebenso wie der kalte und scharfe Nordwind, der seit Tagen die Abflüge von der Startbahn West behindert oder sogar - wegen des zu starken Rückenwindes - ganz unmöglich macht.

Die von Bernges betreute LH 720 nach Peking musste ausnahmsweise auf dem Vorfeld beladen und abgefertigt werden, weil der zugewiesene Platz direkt am Terminal zu lange von einem anderen Flieger blockiert wurde. Dort wollte ein Passagier aus gesundheitlichen Gründen wieder aussteigen. Allein seinen Koffer aus dem startklaren Jet zu suchen, dauerte locker eine halbe Stunde.

Passagiere sollen möglichst schnell umsteigen

Es gehört zu den Aufgaben des Aircraft-Koordinators, die Umsteigerströme im Blick zu haben. Die Peking-Passagiere sind zuvor von rund 70 verschiedenen Flughäfen nach Frankfurt geflogen. Auf Einzelne warten kann der riesenhafte A 380 nur in seltenen Fällen, etwa bei großen Gruppen oder zu unkritischen Tageszeiten. Bernges hat zudem einige Hebel zur Verfügung, um den Umsteigeprozess zu beschleunigen. Im Extremfall setzt er ein Auto in Bewegung, das Passagiere und ihr Gepäck über das Rollfeld direkt von Flieger zu Flieger bringt, Zoll- und Passkontrollen werden in einem Schnellstopp am Vorfeld erledigt.

Mit der neuen, von Anwohnern heftig kritisierten Landebahn hat sich zwar die Zahl der Passagiere, die ihren Anschlussflug verpassen, um ein Viertel reduziert. Doch am späten Abend macht die neue strikte Nachtfluggrenze um 23 Uhr den Lufthanseaten Sorgen. 19 Maschinen mit zusammen mehreren tausend Passagieren sind in den ersten drei Nachtflugverbotsmonaten stehengeblieben. Schon beim geringsten Schneefall wären es noch weit mehr gewesen, weil dann die Jets direkt vor dem Start aufwendiger hätten enteist werden müssen.

Stationsleiter Döpper findet die strikte Regelung zu pauschal und fordert vom Land eine flexible Handhabung von verspäteten Starts. „Schon heute ist die letzte Abflugzeit der Lufthansa bereits 35 Minuten vor der Nachtfluggrenze. Dennoch reicht dies manchmal nicht aus. Bei einer zu restriktiven Auslegung müssten wir weitere Flüge am Abend streichen, um die Abflugzeiten der zeitkritischen Flüge noch weiter nach vorne verlegen zu können.“

Nicht länger warten auf verspätete Umsteiger

Die Lufthansa hat in einigen Details vorgesorgt, damit ihre wichtigen Flieger nicht ins Nachtflugverbot rutschen: Interkontinentalflüge wurden vorverlegt und warten am Abend prinzipiell nicht mehr auf verspätete Umsteiger. Um technischen Problemen vorzubeugen, steht zudem ein zusätzlicher Jumbo in „heißer Reserve“, falls bei einem anderen Jet Probleme auftauchen, die früher kurzerhand mit einem geringen Zeitverlust beseitigt worden wären, heute aber den gesamten Abflug gefährden. Bereits um 16.30 Uhr läuft dazu eine erste Abfrage.

Über den 55 hoch spezialisierten Arbeitsplätzen wacht „Hub Duty Officer“ Tanja Christmann, die in allen Zweifelsfällen des Passagierbetriebs die Entscheidung fällt. Bis zu 50 Starts in der Stunde werden hier abgewickelt, 21 Dienstleister und Prozessbeteiligte für jeden Flieger koordiniert. Wenn es dicke kommt, bildet sich zudem ein Krisenstab, dessen oberstes Ziel es ist, das Gesamtsystem zu stabilisieren.

Bis zu 5000 Leute mussten schon während schlimmer Schneenächte über Nacht in Frankfurt bleiben. Ein paar Tische weiter beginnen daher die Hotelexperten meist schon am Vormittag, sich für die kommende Nacht Kapazitäten am Markt zu sichern. Mit einigen Häusern hat die Lufthansa feste Verträge, doch nahezu täglich muss zugekauft werden, wie Chefin Despina Schmidt berichtet. Weit über 100 Hotels stehen in den Listen, im Extremfall wird bis Trier gesucht.

Quelle: op-online.de

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