Dem Hasen geht es nicht gut

So viel Wild wie nie in Hessens Wäldern

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Ein röhrender Rothirsch zusammen mit Hirschkühen seines Rudels.

Frankfurt - Zählen kann sie keiner, und zu sehen bekommt man sie selten - aber Hirsch und Reh vermehren sich im waldreichen Hessen prächtig. Der eigentlich nicht heimische Waschbär hat inzwischen das ganze Land erobert. Von Sabine Ränsch

In Hessens Wäldern lebt so viel Wild wie nie. Trotz dichter Besiedlung, Autobahnen und Schnellbahntrassen vermehren sich Hirsche, Rehe und Wildschweine rasant. Sie finden reichlich Nahrung, und nur selten ist der Winter so hart, dass er ihnen ernsthaft gefährlich wird. Viel bedrohlicher ist da der Straßenverkehr, dem jährlich tausende Rehe, Wildschweine, Hirsche und kleinere Wildtiere zum Opfer fallen. Aber der Straßenverkehr ist gleichzeitig ein Grund dafür, dass es überhaupt so viele Tiere gibt. Hauptgründe für den wachsenden Wildbestand seien der steigende Anteil der Laubbäume und die ständige Düngung aus der Luft mit Stickstoff, sagt Carsten Wilke, Abteilungsleiter Forsten und Naturschutz im hessischen Umweltministerium. Stickstoff ist in Autoabgasen und den Ausdünstungen des Viehs enthalten. Eichen und Buchen machen nach Angaben des Ministeriums inzwischen über die Hälfte des Waldes in Hessen aus - erklärtes Ziel der Forstpolitik. Bucheckern und Eicheln fressen alle Waldtiere besonders gern, die gehaltvolle Kost bringt sie gut durch den Winter.

Wegen des hohen Stickstoffeintrags aus der Luft tragen die Bäume viel häufiger viele Früchte als früher - die Forstleute bezeichnen das als Mast. „Seit 1990 haben wir alle zwei bis drei Jahre eine Mast“, sagt Wilke. Früher seien Abstände von etwa sieben Jahren normal gewesen. Folgen der ungewollten Stickstoffdüngung zeigen sich auch an anderen Pflanzen: Stickstoffhungrige Brennnesseln und Brombeeren breiten sich auf den eigentlich mageren Waldböden rasant aus. Zählen lassen sich Wildtiere nicht, aber die jährliche Jagdstrecke lässt Schlüsse zu. Die Zahl der von den Jägern erlegten Tiere wächst tendenziell seit Jahren: In der vergangenen Saison (April 2012 bis März 2013) gab es nach Angaben des hessischen Umweltministeriums Rekorde bei Hirschen und Rehen. Über 6300 männliche und weibliche Hirsche stehen in der Jägerbilanz, so viele wie noch nie. Auch die Zahl der erlegten Damhirsche - eine kleinere Hirschart, die vor allem in Südhessen vorkommt - habe mit gut 2000 einen neuen Rekord erreicht. Und auch bei den Rehen gab es mit fast 83.000 erlegten Tieren einen neuen Spitzenwert.

Wildschweine profitieren ebenfalls vom reichlichen Nahrungsangebot, aber sie hatten in diesem Jahr mit dem langen Winter und vor allem mit dem feucht-kalten Frühjahr zu kämpfen. Ihre Jungen werden schon im März geboren. Praktisch die gesamte Frischlingsgeneration sei dem Wetter zum Opfer gefallen, sagen Forstleute. Dennoch habe die Jagdstrecke mit fast 75.000 Tieren den bisher zweiten Platz in der Statistik erreicht. Nur 2008/09 seien mehr zur Strecke gekommen - knapp 78.000. Es sei zu erwarten, dass die Tiere sich weiter vermehren, denn es seien viel zu wenige weibliche Tiere erlegt worden, sagt Ministeriumsexperte Karl Apel. Hirsche können forstwirtschaftlichen Schaden anrichten, indem sie die Rinde junger Bäume abschälen. Rehe knabbern gern die Knospen junger Bäumchen ab. „Es besteht dringender Handlungsbedarf zum Schutz unserer Wälder“, sagt Apel.

Anders als Hirsche und Rehe geht es den Feldhasen zunehmend schlecht - jedenfalls gemessen an der Zahl der erlegten Tiere. Gut 7100 waren es in der vergangenen Saison. „Das ist ein Negativrekord seit Beginn der Erfassung 1959/60“, sagt Apel. Damals seien in Hessen 199 141 Hasen erlegt worden. Hauptgrund für den Rückgang ist nach Ansicht der Fachleute die intensive Landwirtschaft. Der Klimawandel dagegen müsste dem Steppentier eigentlich zu Gute kommen. Einen Siegeszug hat der eigentlich aus Nordamerika stammende Waschbär unternommen: Die etwa fuchsgroßen Tiere mit der schwarz-weißen Gesichtsmaske und buschigem, gestreiftem Schwanz haben sich über ganz Hessen ausgebreitet. Sie waren in den 1930er Jahren am Edersee ausgesetzt worden. „Kein Landkreis ist mehr ohne Waschbären“, berichtet Apel.

(dpa)

Quelle: op-online.de

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