Viele Pläne, wenig Plan: Ein Fall für‘s TIZ

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Willkommen im TIZ Dieburg: Mathias Mundt, Berater von Existenzgründern und Geschäftsführern des Succeed GmbH, hat hier ebenfalls seine Büros.

Dieburg - Ende 20, frisch entlassen von der Uni, Notebook unter dem Arm, viele Pläne, aber wenig Plan – das ist das Klischee, das vielen zu Existenzgründern einfällt, die eine berufliche Selbständigkeit anstreben. Von Jens Dörr

Insofern passt Karl Schmitt mit seinen 53 Jahren schon vom Alter her nicht ins Bild. Und das Wort „Existenz“ darf man ruhig streichen und lediglich von „Gründer“ reden, denn eine Existenz hat sich Schmitt längst aufgebaut. 18 Jahre lang arbeitete er als Entwickler und zuletzt als Vertriebsverantwortlicher bei der R-Biopharm AG in Darmstadt – bis Schmitt mit der Gründung des eigenen Unternehmens „im Wesentlichen eine Möglichkeit sah, mehr Dinge zu bewegen.“ Mit einem Kollegen entwickelt Schmitt, der einen Doktortitel trägt, diagnostische Schnelltests, die überwiegend bei der Analyse von Lebensmitteln Anwendung finden sollen.

Personell werden wir im Laufe des Jahres aufstocken, wenn die Prototypen erfolgreich sind“,sagt Schmitt – Rezession und Wirtschaftskrise hin oder her. „Wir bewegen uns in einem recht stabilen Umfeld“, ist der Gründer, der seit September 2008 unter dem Namen Bioavid Diagnostics GmbH & Co. KG firmiert, überzeugt. Denn: „Lebensmittelsicherheit hat Zukunft.“

Hoch geschätzt sind die Fachvorträge bei den regelmäßig stattfindenden Gründerstammtischen.

Zukunft hat offenkundig auch der Ort, an dem sich Schmitts Büro befindet: das Technologie- und Innovationszentrum in Dieburg, kurz TIZ genannt. „Der Standort Dieburg ist ideal für viele Gründer“,sagt Ralf Möller. Er muss es wissen, ist er beim Landkreis Darmstadt-Dieburg seit einem Jahr doch Leiter der Abteilung für Wirtschaft, Standortentwicklung und Bürgerservice. „Die Nähe zur Hochschule, zu Unternehmen und mitunter auch zur Kreisverwaltung machen Dieburg attraktiv“, zählt Möller auf. Parallel dazu habe sich in Dieburg mit dem TIZ – malerisch gelegen zwischen Albinischem Schloss und Landratsamt, nur 300 Meter vom Marktplatz entfernt – ein wahrer Renner entwickelt: „Das TIZ Dieburg ist ein echtes Erfolgsmodell.“

TIZ Dieburg ist aktuell voll belegt

Der Anbau des Landratsamts wurde als Folge von Umstrukturierungen innerhalb der Kreisverwaltung in den 90er Jahren nicht mehr für den Zweck benötigt, für den er gebaut worden war. Aus dieser „Not“ heraus entwickelte man eine Tugend: Hier sollten Gründer rasch und unkompliziert Räume finden, um Ideen in die Tat umzusetzen. „Dieses Konzept ist zeitlos gut und richtig“, findet Möller. „Es hat meiner Ansicht nach daher auch Zukunft.“ Nachdem das TIZ Dieburg von 2005 bis 2008 als Außenstelle der Innovationsgesellschaft, die das TIZ in Darmstadt betreut, de facto mitverwaltet wurde, übernahm es Mitte 2008 wieder der Landkreis Darmstadt-Dieburg.

Armin Probst war lange leitender Personaldirektor, bis er irgendwann genug vom Konzern-Alltag hatte und sich mit Pferde- und Falkner-Seminaren für Führungskräfte selbständig machte.

Die Menschen, die das TIZ Dieburg inzwischen mit Leben füllen, sind wie Karl Schmitt mit Bioavid zu zwei Dritteln „echte“ Gründer, die restlichen arbeiten in diesem Umfeld und betreuen etwa Existenzgründer, die aus der Arbeitslosigkeit heraus eine Selbständigkeit angehen. Mittlerweile sucht man aber vorwiegend Gründer, die am Mediencampus Dieburg studiert haben – viele kommen aus der Region und kehren Dieburg und dem Umland auch nach dem Studium nicht den Rücken. Vor allem werden frische Unternehmen aus dem „innovativ-technischen Bereich“ ausgewählt, wie Möller es formuliert. Das Wort „suchen“ muss er nicht benutzen – das TIZ Dieburg ist aktuell voll belegt.

Gründe für die Beliebtheit bei den 18 Unternehmen, die im TIZ zurzeit ihren Geschäften nachgehen, gibt es viele: Das Angebot des Zentrums erstreckt sich von der kostenlosen Nutzung von Besprechungsräumen und der günstigen Nutzung von Konferenzräumen über eine kostenlose Mieterberatung bis hin zu Hausveranstaltungen. Die Mieten liegen unter den Durchschnittspreisen, die Büroeinheiten sind klein.

In der Summe ein attraktives Paket

Was die Mieter besonders schätzen, ist die moderne Atmosphäre“, sagt Möller. „Man kennt sich eben im TIZ, man gehört - wie in einer intakten Familie – zusammen und hilft sich gegenseitig.“Der Austausch mit anderen Gründern sei gerade in der Anfangsphase von immensem Wert. Das, addiert zu Punkten wie der guten Verkehrsinfrastruktur Dieburgs und der Anbindung ans Breitbandnetz, ergebe in der Summe ein attraktives Paket.

Sebastian Everling prägte das TIZ in den zurückliegenden Jahren entscheidend.

Von dem hat sich auch Lydia Goll überzeugen lassen: Mit aca.de.media konzipiert und produziert sie unter anderem Filme, zählt die Deutsche Forschungsgesellschaft und das ZDF zu ihren Kunden. „Wir sind aber auch ein Werkraum für Internet-Formate und liefern frische Ideen kombiniert mit solidem Handwerk“,so Goll. Den Kontakt zum Campus Dieburg der Hochschule Darmstadt, an der Goll selbst einmal als Professorin lehrte, hält die ehemalige ZDF-Mitarbeiterin dabei über gemeinsame Projekte mit Studierenden. „So arbeiten die mit erfahrenen Medienprofis zusammen“, sagt Goll. Und der Kontakt für später ist schon einmal hergestellt. Die Arbeitsbedingungen im TIZ Dieburg beurteilt Lydia Goll genau wie Karl Schmitt als „gut“.

„Gut“ ist wiederum der Eindruck, den Mathias Mundt von den Gründern im TIZ Dieburg hat: „Das sind qualifizierte Gründer, teilweise mit großem Potenzial.“Mundt ist Geschäftsführer der Succeed GmbH, die unter anderem junge Gründer berät und ebenfalls im Dieburger TIZ beheimatet ist. Doch natürlich sei eine Unternehmensgründung auch für hoffnungsvolle Start-Ups mit Anfangsschwierigkeiten und Fehleinschätzungen verbunden: „Oft fehlen kaufmännische Kenntnisse, werden laufende Kosten unterschätzt oder die Finanzierung ist unzureichend“, so Mundt. „Dennoch würden wir auch angesichts der Wirtschaftkrise nicht von einer Existenzgründung abraten.“ Die Erstellung eines Business-Plans sei aber immer mehr ein „Muss“, die externe Betrachtung der Geschäftsidee – etwa durch ein Beratungsunternehmen – könne vor großen Fehlern bewahren. Wer einmal die Entscheidung zur Selbständigkeit getroffen und im TIZ Dieburg begonnen habe, findet dort laut Mundt „ideale Start-Bedingungen“ vor. So gebe es hier repräsentative Räume, die Gründer normalerweise nicht zur Verfügung hätten, wenn sie Geschäftspartner empfangen würden.

Ein weiterer Bonus sind die Gründerstammtische am Campus Dieburg, die sich unter dem mehrjährigen TIZ-Leiter Sebastian Everling etabliert haben. Vor kurzem feierte die Gründer-Runde, in der es immer einen Fachvortrag – etwa zu Steuern, Vertrieb oder Public Relations – gibt, ihr 50. Treffen. Dies war auch der Abschiedstermin vom TIZ Dieburg für Everling, der das Zentrum mitprägte und nun andere Aufgaben wahrnimmt.

Das TIZ ist erreichbar unter: Innovationsgesellschaft Darmstadt mbH Schlossgasse 17 64807 Dieburg Telefon: 06071 / 82 76 10

www.tiz-dieburg.de

Im von Beratungsfirmen und IT-Dienstleistern dominierten TIZ Dieburg sollen die Unternehmen übrigens nur so lange bleiben, bis sie problemlos auf eigenen Beinen stehen können. Ein Unternehmen aus der Schienenfahrzeugtechnologie machte vor, wie es gehen kann: „Das wuchs so stark, dass es im Haus über seine drei Büros hinaus nicht mehr weiter expandieren konnte“,erklärt Ralf Möller vom Landkreis Darmstadt-Dieburg. Damit verließ es das TIZ, das damit seine Aufgabe in der Startphase erfüllt hatte.

„Der Erfolg des TIZ Dieburg ist aber kein Ruhekissen“,betont Möller abschließend. Die bessere Vernetzung der Akteure sei ein Schwerpunkt für die Zukunft: „Hierzu zählen die Mieter, die Hochschule Darmstadt mit dem Campus Dieburg, Unternehmen aus der Region, das Regionalmanagement, die Kreisverwaltung, die Innovationsgesellschaft und natürlich die potenziellen Gründer“, so Möller. Dieser Prozess soll bis zum Sommer abgeschlossen werden. Und vielleicht hat bis dahin auch Karl Schmitt mit Bioavid den Durchbruch mit einem seiner Prototypen geschafft – und macht im TIZ bald dem nächsten Gründer Platz.

Quelle: op-online.de

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