Viele Senioren im „akuten Rausch“

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Prost? Rauschtrinken ist sowohl bei Jugendlichen als auch bei Älteren ein Problem.

Berlin (dpa/apn) ‐ Das „Koma-Trinken“ wird bisher vor allem als ein großes Problem von Jugendlichen wahrgenommen. Fast 26.000 Kinder und Jugendliche mussten im Jahr 2008 ins Krankenhaus gebracht werden, weil sie im „akuten Rausch“ waren, elf Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Lesen Sie dazu den Kommentar von Ralf Enders:

Heuchelei und Selbstbetrug

Doch noch erschreckender ist der Trend bei Senioren: Mehr als 2 200 Menschen zwischen 70 und 75 Jahren wurden ebenfalls im Krankenhaus behandelt, weil sie sich teilweise bis zur Bewusstlosigkeit betrunken hatten. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt, dass bis zu 400.000 ältere Menschen ein Alkoholproblem haben. Das „riskante Trinken“ von Alkohol ist nach Zahlen des Ministeriums von 2008 vor allem bei 60- bis 64-Jährigen sehr hoch, gefolgt von der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen. Der Auslöser für eine Sucht kann zum Beispiel der Verlust eines Partners sein, der Übergang von der Berufstätigkeit in den Ruhestand oder ein anderes einschneidendes persönliches Ereignis.

Dem Jahrbuch 2010 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) zufolge, das sich auf die Zahlen von 2008 bezieht, konsumieren insgesamt 9,5 Millionen Bundesbürger Alkohol in gesundheitlich riskanter Weise. Davon spricht man, wenn Frauen mehr als 12 Gramm reinen Alkohol - etwa ein kleines Bier - und Männer mehr als 24 Gramm täglich trinken. Zwei Millionen davon konsumieren missbräuchlich, 1,3 Millionen sind vom Alkohol abhängig. Durch Alkohol verursachte Gesundheitsstörungen führten jährlich zu mehr als 73.000 Toten.

„Opfer vor allem Frauen und Kinder“

Die Vorliebe der Bundesbürger für Bier ging zurück. Jeder Deutsche trank 2008 durchschnittlich rund 111 Liter Bier, 0,6 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Dagegen wurde Sekt beliebter. Der Verbrauch von Schaumweinen stieg um 2,6 Prozent auf 3,9 Liter. Der Weinkonsum nahm um 0,5 Prozent auf 20,7 Liter zu.

Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Experten in diesem Jahr dem Thema Alkohol und Gewalt. Projektmanagerin Christina Rummel sagte, drei von zehn Gewaltdelikten wie schwere Körperverletzung, Totschlag oder Vergewaltigung würden unter Alkoholeinfluss verübt. Opfer seien vor allem Frauen und Kinder. Frauen schlügen in der Regel nicht, wenn sie getrunken hätten. „Frauen trinken, wenn sie geschlagen wurden“, sagte Rummel.

Auch die Abhängigkeit vieler ältererer Menschen von Medikamenten nimmt zu. Bis zu 2,8 Millionen der über 60-Jährigen nehmen nach Ansicht der so viele Medikamente, dass es problematisch ist. „Fünf Prozent aller verschriebenen Medikamente auf dem deutschen Markt besitzen ein Suchtpotenzial“, sagt DHS-Experte Armin Koeppe. Vor allem Schlafmittel würden gern von Älteren eingenommen. Dies kann nach seiner Einschätzung schnell zu Abhängigkeit führen. Das zieht weitere Probleme nach sich. So gibt es zum Beispiel mehr als eine Million Stürze von Senioren im Jahr.

Apotheker macht Hausbesuche

Die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans (FDP) kennt das Problem der Sucht von Senioren. Derzeit gibt es mehrere Programme, die Abhängigkeit von Alkohol oder Medikamenten im Alter bekämpfen sollen. Ein Pilotprojekt in Baden-Württemberg ist laut Einschätzung des Gesundheitsministeriums vielversprechend. Dabei wird ein Medikamentenentzug zu Hause getestet. Ärzte und Apotheker arbeiten hierbei eng zusammen.

Der Apotheker macht Hausbesuche und reduziert die Dosis des Patienten. Mehrere Modellprojekte in Deutschland vor allem in der Alten- und Suchthilfe sollen nach den Plänen des Gesundheitsministeriums gefördert werden, um die Vorsorge zu verbessern und leichter erkennbar zu machen, wer betroffen ist.

Oft unterschätzt wird der DHS zufolge die Zahl der tabakbedingten Todesfälle in Deutschland. Geschäftsführer Raphael Gaßmann bezifferte sie auf 110.000 bis 140.000 pro Jahr. Es sei erfreulich, dass der Tabakverbrauch 2008 zurückgegangen sei. Noch immer raucht laut Statistik jeder fünfte Bundesbürger. 3,8 Millionen gelten als abhängig. Gaßmann sagte, in den vergangenen Jahren habe sich die gesellschaftliche Einschätzung geändert. Rauchen gelte als „Zeichen der Unvernunft“.

Quelle: op-online.de

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