Vielerorts nur Scherben

Offenbach -

Als Dieter Idesheim vor ein paar Jahren eine große schwarze Mülltonne vom Festgelände geschoben hat, bis an den Rand gefüllt mit Glasscherben und leeren Schnapsflaschen, da hat er sich gesagt: „Jetzt ist Schluss.“ Der Vorsitzende der Freiwilligen Feuerwehr im Hanauer Stadtteil Steinheim schaut heute mit gemischten Gefühlen auf die früheren Tanzveranstaltungen in den 1. Mai zurück: „Als wir den Abend noch angeboten haben, sind in der Nacht vor dem Feiertag bis zu 1500 Besucher auf den Hof des Feuerwehrhauses gekommen. Entsprechend waren die Einnahmen. Die fehlen uns heute zwar. Aber dafür gibt‘s auch keinen Ärger mehr.“

Besoffene Jugendliche haben damals ihre Visitenkarte in dem Viertel rund um das Feuerwehrhaus hinterlassen: eingeschlagene Scheiben, abgebrochene Autoantennen und -spiegel, Beschwerden aus der Nachbarschaft. „Es gab Abende, da blieb kein einziges von tausend Biergläsern heil. Überall nur noch Scherben.“ Seit Mitte des Jahrzehnts haben die Steinheimer Florianjünger ihre Festivitäten umgestellt. Aus dem Tanzabend hat sich ein friedliches Familienfest am eigentlichen Feiertag entwickelt.

Gleich um die Ecke, in Klein-Auheim, hat die Feuerwehr ähnliche Erfahrungen mit „Selbstverpfleger-Jugendlichen“ gemacht. 2007 haben beim Pfingstfest an der Fasanerie drei Mädchen, zwischen 15 und 16 Jahre alt, sturzbesoffen vor der Hauptkasse gelegen. „Eine konnte später wenigstens wieder sitzen“, erinnert sich der Chef der Wehr, Stefan Heilmann. Mit Infusionen ist es dann ab ins Krankenhaus gegangen. „Seitdem probieren wir‘s mit Einlasskontrollen, laufen in Uniform übers Fest, um Präsenz zu zeigen.“ Die jungen Leute tränken mitgebrachten Schnaps auf den Festen, „das macht manche brutal“, so Heilmann. Und auch unter den Jugendlichen selbst achte man nicht mehr so sehr aufeinander wie ehedem. „Früher hat man mal einen Freund auf den Rücken genommen und nach Hause getragen. Sowas gibt‘s doch heute nur noch selten.“ Gleichwohl: Von ein paar Jugendlichen wolle man sich in Klein-Auheim nicht das Pfingstfest kaputtmachen lassen, gibt sich der Feuerwehrmann standhaft. Heilmann würde sich im Gegenzug darüber freuen, „wenn die Ordnungsbehörden mal ein paar Mitarbeiter übers Fest laufen ließen“.

Viele Vereine, Kirchengemeinden und Parteien können ihre Sommerfeste nicht mehr so frei planen und feiern wie einstmals, haben in den vergangenen Jahren auf die problematische Entwicklung bei den Trinkgewohnheiten gerade jüngerer Gäste reagiert. Eine Hanauer Kirchengemeinde hat vor wenigen Jahren ihren Dämmerschoppen vor Fronleichnam abgesagt, weil der Abend aus dem Ruder lief. Ein großer Sportverein aus Rodgau hat sein Fest nach etlichen Problemen mit komasaufenden Jugendlichen kurzerhand auf ein Sportgelände mit einem Zaun drumherum verlegt (siehe Interview links neben diesem Artikel).

Die Polizei in der Region nimmt das Problem „sehr ernst“, wie Pressesprecher Henry Faltin im Gespräch mit unserer Zeitung betonte. „Wir zeigen auf Volksfesten hier in der Region deutlich erkennbar Präsenz. Das trägt häufig allein schon zur Befriedung bei.“ Nur: Das Ansinnen eines Festbetreibers sei es eben auch, mit dem Verkauf von alkoholischen Getränken Umsatz zu machen. Und daraus erwächst oft eine Inkonsequenz: „Denn das eine - der Umsatz - wird gewollt. Das andere aber - die Konsequenzen des Trinkens -, lehnt man ab. Das passt oft nicht zusammen.“ Zudem legt der Beamte großen Wert darauf, dass Jugendliche in ihrem Verhalten „auf keinen Fall stigmatisiert werden dürfen. Oft genug kopieren die doch einfach nur das Verhalten der Erwachsenen. Und den Älteren ist das häufig gar nicht bewusst.“

    Die ganze Diskussion um dieses seit einigen Jahren erkennbare Phänomen um komasaufende Jugendliche auf öffentlichen Festen muss nach Ansicht des Polizeisprechers vor allem vor diesem Hintergrund gesehen werden. Eindringlich weist Faltin noch einmal alle Veranstalter darauf hin, dass das Gesetz zum Schutz der Jugend in der Öffentlichkeit auch auf Festen gilt. „Und wenn sich ein Verkäufer nicht an die Bestimmungen hält, kann ihn das bis zu 8000 Euro kosten.“

   Die am Wochenende zu Ende gehende Frankfurter Dippemess kennt derlei Probleme nicht (mehr). „Wir hatten dieses Mal erst einen Fall - bei immerhin rund zwei Millionen Besuchern“, sagte Cheforganisator Kurt Stroscher. Bis zu 20 Sicherheitsmitarbeiter, frühe Schlusszeiten, einen Angebotsschwerpunkt bei hochwertigen Fahrgeschäften und - man höre und staune - klassische Musik beim Autoscootern wirkten Wunder.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare