Voll der Kraft und Inbrunst

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„Hava Nagila“, das weltberühmte israelische Volkslied, ist das Lieblingsstück der kleinen Sänger und auch von Leiterin Sabine Mittenhuber^.

Frankfurt - Konzentriert beugt sich Anna Luisa über ihr Schulheft. Ihr Stift flitzt über die Seiten, geschwind löst die Neunjährige ihre Rechenaufgaben, die sie für den nächsten Tag aufhat. Von Sonja Thelen

Wie immer am Mittwoch erledigt Anna Luisa ihre Hausaufgaben nicht daheim in ihrem Kinderzimmer in Rödermark, sondern an einem Tisch im Kasino des Hessischen Rundfunks (hr) in Frankfurt. Dort probt einmal in der Woche – nämlich mittwochs von 15.30 bis 16.30 Uhr - der Vorchor im Kinderchor Frankfurt mit dem Hessischen Rundfunk. Weil die Zeit zwischen Schulschluss und Probenbeginn zu kurz ist, packt Katharina Walsch ihre Tochter Anna Luisa nach dem Unterrichtsende ins Auto und düst mit ihr nach Frankfurt.

Im hr-Kasino erledigt Anna Luisa in aller Ruhe ihre Hausaufgaben. Seit drei Jahren singt sie im Vorchor – mit großer Begeisterung. Über ihre großen Geschwister, die damals das Frankfurter Lessinggymnasium besuchten, hatte sie von dem Vorchor gehört, den die Musiklehrerin Sabine Mittenhuber 1993 ins Leben gerufen hat, um möglichst früh Kinder vokal zu fördern. „Ich singe einfach gerne“, erzählt das aufgeweckte blonde Mädchen mit den bunten Zöpfen, das zudem seit einem Jahr Trompete lernt und bereits hervorragend Noten lesen kann. Woher sowohl Anna Luisa als auch ihre Geschwister das musikalische Talent haben, ist Mutter Katharina schleierhaft.

Gute Stimme, sicheres Gehör, Notenkenntnis und belastbares Interesse am Singen sind die Voraussetzungen, um beim Vorchor mitzumachen.

Denn weder sie noch ihr Mann Matthias Walsch, der Pfarrer an der evangelischen Kirchengemeinde Ober-Roden ist, seien musisch veranlagt, erzählt sie lachend. Im Gegensatz zu Anna Luisa, die bei jeder Gelegenheit Lieder anstimmen würde. Doch nicht jedes Kind, das gerne singt, kann im Vorchor mitmachen. Chorleiterin Mittenhuber legt Wert aufs Können. Immerhin wechseln viele Kinder aus dem Vorchor in den renommierten Kinderchor Frankfurt, der regelmäßig Beiträge für das Programm im hr einspielt, mit der hr-BigBand auftritt und anspruchsvolle Konzerte gibt wie etwa im März mit dem Star-Dirigenten Kurt Masur. Wer in dem anerkannten Kinderchor aufgenommen werden möchte, den Mittenhuber seit elf Jahren leitet, muss über eine gute und entwicklungsfähige Stimme, ein sicheres Gehör, Notenkenntnisse sowie ein generelles musikalisches Interesse verfügen und zuverlässig sein. „Ich erkenne das sehr schnell, ob ein Kind wirklich Lust am Singen hat oder ob es die Eltern sind, die möchten, dass ihr Kind im Chor mitmacht. Wenn ich das Gefühl habe, das Kind steht nicht dahinter, frage ich es beispielsweise ‚ Hast Du nicht mehr Lust auf Fußball?’ Denn im Chor brauchen wir Verlässlichkeit und Kontinuität“, erklärt die ausgebildete Sängerin, die „als Kind vom Singen infiziert wurde“.

Eine kleine Prüfung ist notwendig

Um das Niveau halten zu können, müssen schon die Mitglieder im Vorchor stimmliche Voraussetzungen mitbringen, betont Mittenhuber. Schließlich tritt auch der Vorchor regelmäßig in der Adventszeit in der Alten Oper und bei anderen Gelegenheiten auf. Kinder, die Interesse haben im Vorchor mitzumachen, müssen vorab eine kleine Prüfung absolvieren. Nachdem sie ein-, zweimal einer Probe beigewohnt haben, tragen sie ein selbst einstudiertes Liedchen vor und singen Töne nach, die die Chorleiterin am Flügel anstimmt: „Das Kind muss mit seiner Stimme auch zum Chor passen.“ Auf die Art und Weise erkennt die Musiklehrerin vor allem das vokale Potenzial eines Kindes. Und so kommen die Kinder aus dem Taunus, aus dem Kreis Offenbach, aus der Wetterau und aus Richtung Hanau jede Woche nach Frankfurt, um an der Probe des Vorchores teilzunehmen.

Ein erhebliches Talent hat auch die damals sechsjährige Anna Luisa beim Vorsingen erkennen lassen. „Sie ist sehr gut“, lobt Sabine Mittenhuber, die Anna Luisa bereits die ein oder andere Passage als Solistin singen lässt. Die Neunjährige hat ein sehr gutes Gehör, eine schöne Stimme und kann die Texte aller Lieder auswendig. Damit bringt sie alle Voraussetzungen mit, um nächstes Jahr, wenn sie zehn Jahre alt wird, in den Kinderchor wechseln können.

Von den 55 Mitgliedern sind zwei Drittel Mädchen

An diesem Mittwochnachmittag steht eine Generalprobe an. Allmählich trudeln die übrigen Kinder im hr-Kasino ein: Gut 55 Mitglieder hat der Vorchor. Zwei Drittel sind Mädchen. Anna Luisa ist mit ihren Hausaufgaben soweit durch und packt die Hefte in den Ranzen. Dann gesellt sie sich zu den anderen. Die Mädchen und Jungen stellen sich im Halbkreis um den Flügel. Vor den Tasten steht Sabine Mittenhuber und hat die Meute im Blick. In den nächsten 60 Minuten müssen alle Lieder für ein Konzert geprobt werden, das passend zur Ferienzeit unter dem Motto „Eine Reise durch die Welt“ steht. Einen internationalen Liederreigen wollen die Nachwuchssänger ihrem Publikum darbieten. Musikalisch wird ein Bogen über klassische wie auch volkstümliche und moderne Lieder gespannt. Zunächst einmal singen sich die Jungen und Mädchen ein. Dann folgt das Eröffnungslied „Viva la musica“, ein dreistimmiger Kanon. „Johann, Malte, Ilja, Oscar, Cedric und Tobias – Ihr singt die erste Strophe“, gibt Mittenhuber vor. Trotz kleinerer Ermahnungen am Rande geht die Probe sehr konzentriert vonstatten. Jubel bricht aus, als „Hava Nagila“ gesungen werden soll. Das weltberühmte israelische Volkslied ist auch Anna Luisas Lieblingsstück. Voll der Kraft und Inbrunst ertönt „Hava Nagila“ schließlich aus 55 Kehlen.

Nähere Informationen gibt es auf der Homepage

Aber es seien nicht nur die musikalischen Fähigkeiten, die das Singen im Chor fördere, betont Mutter Katharina. Das Singen steigere die Konzentrationsfähigkeit, fördere das Selbstvertrauen und die Sprache. Tatsächlich hat Anna Luisa für ihr Alter eine klare, wohl modulierte Stimme, gibt sich selbstbewusst, ist nicht zaghaft und verhuscht. Das zeigt sich ebenso in ihrer Körpersprache. Wie auch die anderen Jungen und Mädchen im Vorchor steht sie während der Probe gerade, um kraftvoll die Liedstücke anstimmen zu können. Auch unterstütze das gemeinsame Einstudieren eines Liedes die soziale Kompetenz, ergänzt Mezzosopranistin Mittenhuber. „All das sind positive Nebeneffekte“, unterstreicht Katharina Walsch. Eine andere Mutter erzählt, wie sich durch das Singen und das damit verbundene Lernen von Atemtechnik das Asthma ihres Kindes erheblich verbessert habe. In der letzten Zeit habe es so gut wie keinen schwer wiegenden Anfall mehr gehabt, freut sich die Mutter. Und schon ist die einstündige Probe vorüber. Nach dem Sommerkonzert ist erst mal Chorpause. Anschließend geht es ans Einstudieren der Lieder für das Weihnachtskonzert am dritten Advent in der Alten Oper.

Quelle: op-online.de

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