Die Vorturner... und wie sie ans Ziel kamen

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Vereinskrise, welche Vereinskrise? Peter Völker, hier mit seinem Sportlichen Leiter Boris Zielinski (rechts), leitet die TG Bornheim, den größten Sportverein Hessens.

Der Begriff „Stunde Null“ kann bei verschiedenen Menschen Verschiedenes bedeuten. Das ist auch bei Peter Völker, seit drei Jahrzehnten Vorsitzender der Turngemeinde Bornheim von 1860, so. Bei ihm bedeutet „Stunde Null“ das Jahr 1981. Von Michael Eschenauer

„Wir hatten 500 Mitglieder, einen Haufen Schulden, wenig Motivation, aber viele Kegelbahnen - vier insgesamt. Die hat aber kaum einer benutzt. Dazu kamen zwei Frauen-Sportgruppen, eine Prellball-Mannschaft, Kinderturnen, ein Chor und eine Akkordeongruppe. Das war alles. Der Verein war tot“.

Das Schöne an der Stunde Null von Herrn Völker ist, dass sie vorüberging. Heute ist die TG Bornheim mit 18 000 Mitgliedern der größte Verein in Hessen. Sie betreibt drei Sportanlagen in Frankfurt mit jeweils mehreren Hallen und Fitness-Studio, eine davon - die in Fechenheim - hat sogar ein Hallenbad. Das haben die TGler von der Stadt übernommen. Es heißt jetzt „Aqua Sports Fun“. Die beiden anderen, das „Sportcenter“ und die „TG-Halle“, befinden sich in Bornheim. Viele Angebote finden in Frankfurter Schulen statt.

Für neun Euro Mitgliedsgebühr kann ich alle Kurse machen

An diesem Mittwochabend geht die Eingangstür vor der Rezeption an der „TG Halle“, Berger Straße 294, ununterbrochen auf und zu. Der Betrieb erinnert an eine U-Bahnstation zur Rush-Hour. „Bitte Mitgliedsausweise unaufgefordert vorzeigen“, steht an einer Säule. Die Empfangsdame führt genau Buch, welche Kurse wie ausgelastet sind. 20 bis 40 Teilnehmer gilt als optimal. Sinkt die Zahl unter das kritische Level, wird der Kurs aufgelöst, kommen zu viele, gibt es einen zweiten - manchmal sogar noch am gleichen Tag. Ob „Kickboxen“ oder „Bodystyling“, „Bauch und Rücken“, „Step“, „Power Yoga“, „Judo“, „Pilates“, „Indoor Cycling“, „Aqua Jogging“, „Ganzkörper Workout“ oder „Fit mit Baby-Bauch“ - man denkt renditebewusst. Ausnahme: Kinder- und Seniorenkurse.

Los geht es immer zur vollen Stunde, jetzt ist es 17.50 Uhr. Laute Musik wummert aus der Sporthalle. Viele junge Leute schleppen Sporttaschen herum. „Für neun Euro Mitgliedsgebühr kann ich alle Kurse machen, das schafft kein Fitness-Studio, sagt Raquel (21). Arnold und Leo loben die freundlichen Mitarbeiter und das Angebot an Tanzkursen. „Es sind viele junge Leute hier, und es gibt zu jeder Zeit was Interessantes“, sagen die beiden 18- und 19-Jährigen mit schwarzer Hautfarbe, die vor dem Eingang warten.

Sportvereine sind in - Wachstum ist möglich

Wenn Vorsitzender Völker gemeinsam mit seinen Getreuen nicht die TG neu erfindet, arbeitet er im Vorstand der Frankfurter Volksbank. Jetzt rauscht er mit einem schweren, schwarzen Mercedes heran, parkt ein paar Meter von Arnold und Leon entfernt mitten im Hof der Vereinszentrale. Der Banker wird zum Vereins-Macher. Völker ist zusammen mit seinem Sportlichen Leiter und Trendscout Boris Zielinski gekommen. Minuten später knöpft er sich im Sitzungszimmer sein dunkelblaues Jacket mit weißem Einstecktüchlein auf, lehnt sich zurück und stellt klar, was zumindest für ihn offensichtlich ist: „Sportvereine sind in. Wachstum ist möglich.“

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Die TG biete jede Woche 800 Stunden an betreutem Sport, ohne die Fitness-Studios. Es gebe 150 unterschiedliche Kursangebote im Programm und täglich 1000 Besucher in den drei Sportzentren, bilanziert der Chef. Anfang Juni feiert die TG 150-jähriges Jubiläum mit einen zweitägigen Straßenfest, Empfang im Kaisersaal und einer großen Party, Motto: „Wir rocken den Römer“. Zum Neujahrsempfang erschien niemand geringeres als Ministerpräsident Roland Koch.

Die Bornheimer haben‘s geschafft - und so manch anderer Vereinsvorsitzender mag frustriert gen Bornheim blicken und sich fragen, wie zum Teufel es möglich war, dem Trend hin zum Einzelgängertum und weg von der „Vereinsmeierei“ von der Schippe zu springen.

Völker geizt nicht mit Wundertropfen aus seiner Apotheke. Ganz oben steht bei seiner Therapie für malade Sportvereine das Prinzip „Gaaanz langsam, aber dafür kontinuierlich.“

Und so sieht sie aus, die „TG Bornheim-Kur“:

  • Begeisterung bei den Aktiven wecken. „Ich habe große Hochachtung vor den Vorständen der Turnvereine. Ich weiß, wie schwer das ist“, sagt Völker. Für alles sei man verantwortlich, vom Festlegen der Trainingszeiten bis zur Sitzordnung bei der Weihnachtsfeier. „Die Aktiven der Vereine dürfen die Vorstände nicht alleine lassen. Da müssen sich ein paar zusammentun, die wirklich was bewegen wollen und dann dranbleiben, als Team“, rät er. So habe man es in Bornheim auch gemacht.
  • Auf die Mitglieder hören. Völker und Zielinski sind überzeugt davon: Ohne Feedback geht gar nichts. Das Ohr müsse ständig offen für neue Bedürfnisse und Ideen sein. Der Sportliche Leiter und Sportwissenschaftler Zielinski betätigt sich als Trendscout „Das Neueste ist ,Zumba-Fitness“. Das ist so eine Art einfacher Tanzbewegungen im Latino-Stil“ berichtet er.
  • Den Mitgliedern Flexibilität erlauben. „Nur einmal in der Woche um 18 Uhr Skigymnastik anzubieten und sonst nie - das läuft nicht mehr“, sagt Völker. Gleiche Kurse müssen zu verschiedenen Zeiten stattfinden. Die Menschen seien anspruchsvoll und verlangten von einem Verein, ihnen eine freie Zeitplanung zu gestatten. Geschlossene Türen am Wochenende oder eine Ferienpause? Undenkbar!
  • Wettkampfgruppen im Verein sind keine Insel der Seligen. Die TG „bittet“ ihre Wettkämpfer, auch im ehrenamtlichen Bereich ihren Beitrag zu leisten. Das Engagement für den Verein verlange auch von diesen Sportlern ehrenamtliche Tätigkeiten und große Offenheit für interessierte Hobby-Sportler, die tiefer einsteigen wollen.
  • Gute Sportanlagen und professionelles Personal. Mitte der 90er Jahre stellte die TG ihren ersten hauptamtlichen Mitarbeiter ein. Mittlerweile beschäftigt man 17. Es gibt 250 freiberufliche Übungsleiter, 50 Angestellte für die Empfangstresen, über 100 ehrenamtliche Helfer („motivieren, motivieren, motivieren!“), drei Zivildienstleistende und zwei Auszubildende. Die hohen Einnahmen durch die Mitgliedsbeiträge - 2,8 Millionen Euro pro Jahr - lassen genug Geld für Geräte. Das Personal schlägt mit 1,5 Millionen Euro zu Buche.
  • Controlling. Bei der TG schaut man genau, welche Kurse gut und welche schlecht besucht sind. Schwache Gruppen sind wegen der Fixkosten für die Trainer ein Zuschussgeschäft. Die TG Bornheim ist relativ unabhängig von Sponsoren oder der öffentlichen Hand und trägt sich fast vollständig aus Mitgliedsbeiträgen. Die Beitragsstruktur ist simpel. Das spart Verwaltungskosten. Die Beiträge sind günstig: Erwachsene zahlen 9, Kinder 7 Euro pro Monat.
  • Intensive Öffentlichkeitsarbeit. „Ohne die Medien, die über die neuen Ideen berichten, läuft gar nichts. Die müssen in einen Neustart eingebunden werden“, sagt Völker.
  • Prüfen einer Kooperation mit anderen Vereinen. Dies erlaubt es, Sportanlagen zu behalten oder neue hinzuzugewinnen, weil die Kosten auf mehrere Schultern verteilt werden. Denkbar ist dann vielleicht die Einstellung eines hauptamtlichen Mitarbeiters, was die Situation deutlich verbessert.

Familien kehren in Städte zurück - Singles suchen Kontakt

Völker und Zielinski sind optimistisch, was die Zukunft der Gattung Turnverein angeht. „Da greift ein Umdenken Raum“, sagt Völker. Seit Mitte der 90er Jahre gewinne der klassische Sportverein an Attraktivität zurück. Und dies habe nicht nur mit der Gesundheitswelle, sondern auch mit einem neu erwachten Bedürfnis der Menschen nach einem Gemeinschaftserlebnis zu tun. Die Familien kehrten in die Städte zurück und die Singles suchten Kontakt. „Das sollten die Vereine nutzen“, so Zielinski. Die TG hat 30 Prozent Mitglieder mit Migrationshintergrund und 3000 Senioren. „Viele junge Mütter haben hier die Möglichkeit, Kontakte zu knüpften“, so Völker. All dies seien Märkte, die es als Zielgruppe zu nutzen gelte.

„Sportvereine sind in, die Zeichen stehen gut.“ Der Mann mit dem Einstecktüchlein ist sich wieder mal total sicher.

Quelle: op-online.de

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