„Vorurteile endlich überwinden“

+
Vor allem die Kinderarmut ist dem Chef der hessischen Diakonie ein Dorn im Auge.

Offenbach - „Die Armutsquote in Hessen hat mit 13,2 Prozent und deutschlandweit mit 16,1 Prozent einen traurigen Höchststand seit der Wiedervereinigung erreicht.“ Darauf hat Dr. Wolfgang Gern, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen, zum „Welttag zur Überwindung der Armut“ hingewiesen.

 „Dieser Tag sollte für uns alle ein Anstoß sein, über die wachsende Anzahl der Menschen nachzudenken, die in unserer Gesellschaft ausgegrenzt werden“, sagte Gern, der früher Sprecher der Nationalen Armutskonferenz und zuvor Vorsitzender der Evangelischen Obdachlosenhilfe in Deutschland war. „Der Anteil der Menschen, die in Deutschland und auch in Hessen in den letzten 20 Jahren von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden, ist kontinuierlich gestiegen“, ergänze er.

Die Hauptursachen von Armut sind laut Gern Arbeitslosigkeit und Niedriglohn. In Hessen sind nach Berechnungen der Diakonie über 235 000 Menschen ohne Arbeit. Das sind 53 000 mehr als in der offiziellen Arbeitslosenstatistik, die bestimmte Personengruppen einfach herausrechne, zum Beispiel Arbeitslose, die älter als 58 Jahre sind oder sich in einer befristeten beruflichen Förderung finden, aber selbst damit keine dauerhafte Perspektive im Berufsleben haben. Darüber hinaus arbeite rund jeder fünfte Hesse im Niedriglohnbereich. Die meisten der von Armut Betroffenen gehören zur Gruppe der sogenannten Hartz IV-Bezieher. Zwei Drittel der Hartz IV-Bezieher seien Kinder, Erwerbstätige im Niedriglohnbereich, Alleinerziehende oder Menschen, die Angehörige pflegen, schilderte der hessische Diakonie-Chef.

„Wir müssen endlich die verletzenden Vorurteile gegenüber den Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, überwinden“, folgerte Gern. Diese Vorurteile seien auch in der Politik verbreitet. Die für das kommende Frühjahr geplante „Rechtsvereinfachung im Sozialgesetzbuch II“ zum Beispiel beinhalte weitere Möglichkeiten zur Aktivierung und Sanktionierung, die von Betroffenen oft als demütigend erlebt werden. Weiter sagte der Theologe: „Wenn das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 9. September festgestellt hat, dass die Hartz IV-Leistungen gerade noch verfassungsgemäß sind, dann ist dies mehr als bedauerlich, denn die Leistungen reichen schon lange nicht mehr für ein Leben in Würde aus.“

Allerdings habe das Bundesverfassungsgericht auch Nachbesserungsbedarf an einigen wichtigen Punkten angemahnt, so Gern. So muss der Gesetzgeber nun etwa mit Blick auf den Regelsatz für mehr finanziellen Spielraum sorgen, damit Betroffene Unterdeckungen ausgleichen können. Extreme Preissteigerungen, wie bei den Stromkosten, müssten zeitnah ausgeglichen werden. Und die Fahrten von Kindern zum Sportverein müssen laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts künftig erstattet werden. „Es ist traurig, dass viele Rechte armer Kinder in unserem reichen Land erst vor dem Verfassungsgericht erkämpft werden müssen. Es darf nicht sein, dass zum Beispiel das Turnen nur denen vorbehalten bleibt, die genug Geld für die Fahrt zur Sporthalle haben“, schloss der Vorsitzende der hessischen Diakonie.

Gern geht von folgender Armutsdefinition aus: Nach allgemeinem Verständnis gilt als arm, wer sich nicht hinreichend und angemessen mit Kleidung, Lebensmitteln, Wohnraum und anderen lebensnotwendigen Dingen versorgen kann. Die EU hat die relative Armut 1984 wie folgt beschriebenen: „Als verarmt sind jene Einzelpersonen, Familien und Personengruppen anzusehen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar sind.“ In Deutschland wird das durchschnittliche, gewichtete monatliche Netto-Einkommen als wichtigster Indikator zugrunde gelegt (dies bedeutet, dass auch die Anzahl der Personen im jeweiligen Haushalt berücksichtigt wird). Wer weniger als 60 Prozent davon zur Verfügung hat, gilt als arm.

(psh)

Quelle: op-online.de

Kommentare