Die Wächter der dunklen Stunden

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Gregory Roush ist Patient in der Schlafklinik. Er will mit Hilfe einer genauen Analyse seines Schlafverhaltens herausfinden, warum er neuerdings ständig unter bleierner Müdigkeit leidet.

Frankfurt - Gregory Roush sitzt entspannt im Sessel und liest ein Buch. In der Ecke stehen Zimmerpflanzen, und in der Mitte des Raums plätschert ein kleiner Wasserfall. Lediglich die Elektroden an Gregory’s Körper verraten, dass er nicht in einem Wohnzimmer sitzt, sondern in der „American Sleep Clinic“, einer Schlafklinik mit Standort in Frankfurt. Von Melanie Gärtner

Ich bin behängt wie ein Weihnachtsbaum.“ Gregory grinst übers ganze Gesicht. An seinem Oberkörper baumeln bunte Kabel, und an Brust und Kopf kleben kleine Saugnäpfe. Gregory trägt diesen Schmuck schon seit einer ganzen Weile. Die ganze Nacht hat er in der Schlafklinik verbracht und seine Schlafaktivität messen lassen. Nun stehen noch einen Tag lang kurze, über den Tag verteilte Nickerchen an. Mit denen hat der 31-Jährige gewiss kein Problem. Obwohl es helllichter Tag ist und er putzmunter lacht und scherzt, ist er sich sicher, dass er mit dem Einschlafen kein Problem haben wird.

Seit zwei Jahren leidet der junge Mann an extremer Tagesmüdigkeit. „Obwohl ich wirklich viel schlafe, bin einfach immer kaputt“, erzählt er. Der Amerikaner führte zuvor ein ganz normales Leben. Er war den körperlichen Anforderungen in seinem Beruf gewachsen, ging an Abenden mit Freunden aus, konnte bis in die Nacht in Kneipen sitzen. All dies ist heute für ihn nicht mehr möglich. „Als ich gestern hier in die Schlafklinik kam, bin ich um neun Uhr abends ins Bett gegangen und auch gleich eingeschlafen. Für mich ist das die normale Bettzeit.“

Hier ist der mit einer Nachtsichtkamera gefilmte Patient Ernst Sauer zu sehen.

Auch nun ist es wieder Zeit für die nächste Mütze Schlaf. Daniela Andries von der Schlafklinik begleitet Greogry ins Schlafzimmer und lässt die lichtundurchlässigen Rollos herunter. Auch in diesem Raum sieht man auf den ersten Blick nicht, dass sich hinter der gemütlichen Einrichtung modernste Technik versteckt, denn die ist dezent im hölzernen Bettkasten verstaut. „Hier ist es fast wie im Hotel. Heute Morgen haben mir die Mitarbeiter sogar das Frühstück gemacht.“ Gregory zupft die Kabel zurecht und bettet sich zur Ruhe. Daniela Andries schließt leise die Türe und geht zurück an die Computer im Nebenraum, an denen sie gemeinsam mit Prof. Dr. Hartmut Schneider Gregory’s Schlaf beobachten wird. Ihr Kollege sitzt schon vor den Bildschirmen. „Hier, an diesen Messungen können wir Augenbewegungen, Herzschlag-Frequenz und Atmung unseres Patienten ganz genau beobachten.“ Der Mediziner schaut konzentriert auf die Ausschläge, die die Elektroden an Gregory’s Körper auf den Bildschirm senden. Eine Nacht sichtkamera, die im Schlafzimmer über dem Bett hängt, sendet Gregorys Bild auf den Computer. Der war bereits nach zwei Minuten eingeschlafen.

American Sleep Clinic

Die American Sleep Clinic nahe der Friedberger Warte in Frankfurt gibt es seit März dieses Jahres. Sie wird geleitet von Prof. Dr. Hartmut Schneider, tätig an der John Hopkins University in Baltimore und an der Philipps Universität in Marburg, sowie von Dr. Riccardo Stoohs von der Stanford University in Kalifornien, Geschäftsführer der Somnolab Schlafzentren in Dortmund und Essen. Beide Wissenschaftler haben sich auf die Diagnostik und Therapie von Schlaf- und Atemwegsstörungen spezialisiert und internationale Anerkennung erlangt. Ihre Mitarbeiterin Daniela Andries ist Expertin für die Betreuung von Patienten mit Schlafapnoe und hat auf internationaler Ebene in Schlaflaboren gearbeitet.

Es ist faszinierend, was die Technik uns heute ermöglicht.“ Dr. Schneider ist begeistert von der Technologie, mit der er arbeiten kann. „Wir können die Messungen übers Internet hochladen, so dass ich selbst im Ausland den Schlafprozess hier live verfolgen und meine Patienten betreuen kann.“ Dr. Schneider ist Schlafmedizinexperte an der amerikanischen Johns Hopkins Universität in Baltimore. „In Amerika ist die Sensibilität für Schlafstörungen und ihre Auswirkungen schon viel weiter ausgeprägt“, so Schneider. „Da besteht in Deutschland einfach noch viel Aufklärungsbedarf.“
Dabei sind Schlafstörungen ein weitverbreitetes Phänomen. Rund 30 Prozent der deutschen Bevölkerung leiden hierunter. Die Gründe dafür können verschiedener Natur sein: restless legs, also Kribbeln und Bewegungsdrang in den Beinen, die das Einschlafen verhindern, Schlafzeiten, die sich gegen den individuellen Biorhythmus richten. Schnarchen und damit verbundene Atemstörungen und Atemstillstände, die sogenannte Apnoe.

Das Schlafzentrum American Sleep Clinic bietet moderne Technologie in Diagnose und Therapie sowie ein gemütliches Ambiente für Patienten, die hier übernachten, um sich ihr individuelles Schlafprofil erstellen zu lassen. Privat- und Zusatzversicherte können sich direkt anmelden, Kassenpatienten müssen sich von einem mit der Klinik kooperierenden Facharzt überweisen lassen. Mehr Informationen gibt es unter der Telefonnummer 069/ 808 807 777 oder auf der Internetseite

Hartmut Schneider hat sich auf letzteres Phänomen spezialisiert und diagnostiziert diese Störung bei rund zwei Drittel seiner Patienten. Bei der Therapie der gefährlichen Atemaussetzer setzt er ganz auf die „TNI-Methode“, die Therapie mit Nasaler Insufflation. Dabei wird durch zwei feine Schläuche ein leichter Strom angefeuchteter Luft in die Atemwege geblasen, der dafür sorgt, dass die Schlundmuskulatur nicht abfällt und die Atemwege frei bleiben. Diese sogenannte Nasenbrille, wie sie auch bei Gregory eingesetzt wird, ist leicht und bequem und wird deshalb gerade bei Kindern mit Atemaussetzern gerne eingesetzt. Alternativ dazu gibt es die Nasenmaske. Auch diese erzeugt beim Patienten einen Druck auf die Atemwege, so dass es nicht zu dem gefährlichen Schnarchen kommt.

Früher war es Ernst Sauer wegen permanenter Müdigkeit fast unmöglich, am sozialen Leben teilzunehmen. Seit er eine Atemmaske trägt, die ihn gegen nächtliche Atemaussetzer und Herzrasen schützt, geht es ihm blendend.

Die Nasenmaske gilt als die effektivste Form zur Therapie von Schlafapnoe und auch bei Ernst Sauer funktioniert sie wunderbar. Auch er litt jahrelang an enormer Müdigkeit, die es ihm fast unmöglich machte, am sozialen Leben teilzunehmen. „Wenn ich früher aus dem Büro gekommen bin, hab ich mich erstmal in den Sessel gesetzt hab geschlafen wie ein Toter“ erzählt er. „Abends hab ich um 22 Uhr auch schon wieder auf die Uhr geschaut. Ich habe den Großteil meiner Lebenszeit geschlafen und war trotzdem ständig müde.“ Da Ernst Sauer immer schon viel schnarchte, kam er auf die Idee, sein Schlafprofil testen zu lassen. Es stellte sich heraus, dass er nachts Atemaussetzer von bis zu 45 Sekunden und dementsprechend einen nächtlichen Puls von 110 hatte.

Professor Hartmut Schneider ist einer der beiden Chefs der American Sleep Clinic. Hier zeigt er die verschiedenen Atemmasken, die den Schlaf seiner Patienten verbessern sollen.

Bei einem solchen Schlafprofil wie dem von Herr Sauer ist es unmöglich, gesund zu bleiben“, sagt Dr. Schneider. Er verschrieb seinem Patienten die Therapie mit der Nasenmaske. Heute geht es Ernst Sauer blendend. Sein Schlaf ist seit Jahren wieder erholsam, er schläft nicht ständig ein und kann wieder das Leben eines Mannes führen, der mitten im Leben steht. Auch mit der Maske kommt er gut zurecht. Er möchte das Gerät dieses Jahr sogar mit in den Urlaub auf die Skihütte nehmen. „Ich bin schon gespannt, was meine Begleiter sagen. Ich war ja sonst immer der größte Schnarcher im Raum.“

Sauer freut sich über seine neugewonnene Lebenskraft – und darüber, dass die Nasenmaske sorgt nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen Zimmergenossen für einen erholsamen Schlaf sorgen wird.

Die Gefahr des Schnarchens

Beim Schnarchen ist die Luftzufuhr durch die erschlaffte Muskulatur im Schlundbereich eingeschränkt, so dass zu wenig Luft eingeatmet werden kann. Zu einer Gefahr für die Gesundheit wird Schnarchen aber erst dann, wenn es zu Unregelmäßigkeiten oder Atemaussetzern kommt. Im Extremfall werden bei manchen Patienten bis zu 400 Atemaussetzer pro Nacht festgestellt.

Durch das Abfallen des Sauerstoffgehalts werden Weckimpulse ausgesendet und Adrenalin ausgestoßen. Dadurch kommt es zu einer körperlichen Belastung, deren Intensität mit dem Fahrradfahren vergleichbar ist. Der Schlaf bewirkt keine Erholung, und der Patient leidet unter dauerhaften Ermüdungszuständen. Auch typische Volkskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Schlaganfälle können mit dem nächtlichen Stress in Zusammenhang stehen.

Übergewicht und Schlafstörungen können einander bedingen. Viele Patienten fühlen sich für kalorienverzehrende Aktivitäten zu erschöpft und halten sich mit zusätzlichem Essen bei Kräften. Gleichzeitig begünstigen die überflüssigen Pfunde die Atemaussetzer weiter, weil sie beim Liegen auf das Zwerchfell drücken und damit die Muskelspannung im Schlund verringern. Rund die Hälfte der Menschen mit Übergewicht haben Atemstörungen. 30 Prozent der Patienten mit Schlafapnoe sind übergewichtig.

Quelle: op-online.de

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