Wagner geht auf die Stimme

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Simon Bode und Eun-Hye Shin, die Gesangsstipendiaten an der Oper Frankfurt, bereiten sich auf eine Karriere als Opernsänger vor. Fast immer dabei: Stimmen-Trainer Juri Masurok, hier am Flügel.

Frankfurt - Simon Bode zupft an seiner Socke und hebt seinen Fuß zu Eun-Hye Shins geringeltem Pulli: „Wir tragen heute das gleiche Muster“, sagt er und beide lachen. Von Martha Schmidt

Das geringelte Strickmuster ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen ihnen: Beide stammen aus Pastorenfamilien, wodurch sie schon früh mit kirchlicher Musik in Kontakt kamen und auch musikalisch von ihren Eltern gefördert wurden; beide haben Geige gespielt, Simon Bode auch noch Klavier; beide haben eine koreanische Mutter, Eun-Hye Shin auch noch einen koreanischen Vater; beide haben ein abgeschlossenes Hochschulstudium in Gesang; beide sind knapp 30, sehr talentiert und deswegen vom Intendanten der Oper Frankfurt, Bernd Loebe, als Stipendiaten ausgewählt worden. Damit gehören sie zu den insgesamt sechs Mitgliedern des Opernstudios Frankfurt.

Deutsch Lernen gehört auch zum Studienprogramm

Das gibt es in Frankfurt seit 2008. Getragen wird es von der Deutsche Bank Stiftung, der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und dem Frankfurter Patronatsverein. Was die bieten, ist sehr begehrt: Die drei Institutionen finanzieren den Stipendiaten ein Jahr Mitarbeit in den laufenden Opernproduktionen und persönliche Weiterbildung – dazu genügend Geld für den Lebensunterhalt. Für die Hochschulabsolventen ist es Gold wert, durch das Opernstudio erste Erfahrungen auf der Bühne zu sammeln und in Kontakt mit professionellen Opersängern zu kommen.

„Für mich ist das eine sehr große Chance“, bekennt Eun-Hye Shin in fließendem Deutsch. Deutsch Lernen gehört für sie auch zum Studienprogramm. Einmal in der Woche wird sie von einer VHS-Lehrerin in „Deutsch als Fremdsprache“ unterrichtet. Sie übt schon im zweiten Jahr täglich – das einjährige Stipendium ist, wie auch bei Simon Bode, um ein Jahr verlängert worden – im ehemaligen Ballett-Übungssaal im siebten Stock der Oper Frankfurt mit Blick über die Mainmetropole. Täglich, das heißt zweimal täglich drei Stunden.

So viel verlangt ihre Rolle. Zur Zeit ist das der Part der Nérine für die Premierenproduktion von Charpentiers Médée, die im Juni im Bockenheimer Depot aufgeführt wird. Doch das ist nicht ihr erster Bühnenauftritt. „Ich habe sehr viel Erfahrung auf der Bühne“, erklärt sie. „Und alles auf Deutsch.“ Diese Bühnenerfahrung hat sie bei den vielen Stücken gesammelt, die die Oper Frankfurt regelmäßig für Kinder gestaltet.

Technik, Ausdruck und Stimmbildung

Aussprache und Sprache – das sind eher die Nebensachen. Am wichtigsten sind die Einbindung in die Produktion, das damit verbundene Rollenstudium und das spezielle Weiterbildungsprogramm für die Stipendiaten. Eun-Hye Shin hat jeden zweiten Tag Coaching bei Juri Masurok. Dabei geht es um die Technik des Singens, den Ausdruck und die Stimmbildung. Dieses Coaching stimmt Masurok genau auf sie ab. „Die Sänger können sich selber nicht hören“, erklärt Eun-Hye Shin, und deshalb sei sehr wichtig, dass jemand sie kontrolliere und weiterentwickele.

Mit Masurok erarbeitet sie sich auch ein Repertoire für lyrischen Sopran, und baut damit ihre Zukunft als Sopranistin auf. Sie wünscht sich, lange gesund singen zu können. Auch Simon Bode wünscht sich das. Beide sind, nicht zuletzt durch das Opernstudio, dafür sensibilisiert, auf sich, ihren Körper und ihre Stimme zu achten. „Das sind ja nur zwei dünne Stimmbänder“, erklärt Simon Bode, „und wir Sänger spüren schneller als andere Einflüsse von außen, sei es eine Erkältung oder Reizung durch Pollenflug.“ Dann könne man nicht voll singen.

Eun-Hye Shin weiß damit umzugehen. Sie hat das „Makieren“ gelernt. So heißt es unter Sängern, wenn jemand seine Stimme schonen muss und deshalb nur soweit mitsingt, dass die anderen im Team ihre Probe machen können. Zum sorgsamen Umgang mit der Stimme gehört auch die Auswahl des Repertoires. Es gibt Stücke, die einem angehenden Künstler die Stimme versauen. „Eine große Wagner-Tenor-Partie macht eine junge Stimme kaputt“, erklärt Simon Bode. Er ist Tenor und weiß, wovon er spricht. Dass es für junge Sänger ein Tabu-Repertoire gibt, weiß natürlich auch der Coach. Ihm geht es nicht darum, alles aus den jungen Talenten herauszukitzeln, sondern deren Fähigkeiten auszubauen. Dass man sich dabei auch in Geduld üben muss, haben sowohl Eun-Hye Shin wie auch Simon Bode erfahren.

Zusammenarbeit mit renommierten Künstlerpersönlichkeiten

Manchmal kommt der ehemalige Ballettübungssaal auch in seiner ursprünglichen Funktion zu Ehren: Einmal in der Woche hat Eun-Hye Shin Tanz- und Bewegungsunterricht. In szenischen Improvisationen lernt sie, ihren Körper im Einklang mit der Stimme als Ausdrucksmittel einzusetzen. Für die Bühnenauftritte trainiert sie ihre Beweglichkeit. Allerdings hat Eun-Hye Shin hierin bereits Übung. Schon in Korea hat sie mit Yoga angefangen und das auch während ihrer vier Jahre am Conservatorio Guiseppe Verdi in Mailand beibehalten.

Soirée des Opernstudios - Eine kleine Nachtmusik, Montag, 14. März, 20 Uhr im Holzfoyer der Oper Frankfurt, Willy-Brandt-Platz.

Karten gibt es zum Preis von 15 Euro an den üblichen Vorverkaufsstellen oder auf der Internetseite der Oper sowie unter Tel.: 069/212-49494.

Neben dem Coaching und der Einbindung in die Produktion profitieren die Stipendiaten auch von der Zusammenarbeit mit renommierten Künstlerpersönlichkeiten in Meisterkursen. Das Opernstudio vermittelt ihnen Bühnenerfahrung, Kontakt zu zukünftigen Berufskollegen und damit Vernetzung mit der Arbeitswelt. Man wird also sicher noch von Eun-Hye Shin und Simon Bode hören, nicht nur kommenden Montag in der „Soirée des Opernstudios“, wo sie mit den anderen Stipendiaten Sun Hyung Cho, Nina Tarandek, Sharon Carty und Toby Girling singen werden, am Flügel begleitet von ihrem Stimmcoach Juri Masurok.

Quelle: op-online.de

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