Kommentar: Wahrheit aufs Schulbrot

Frankfurt/Rhein-Main - Knick in der Optik! Auf der einen Seite keinen Plan, wie die Leute seit jeher ihren Lebensunterhalt bestreiten - nämlich durch Arbeit - auf der anderen hohe Ansprüche. Von Michael Eschenauer

„Große Wohnung und 5er BMW“, diese Antworten finden sich im zweiten Teil der Umfrage, die Förderschullehrerin Martina Franke unter ihren Schutzbefohlenen durchgeführt hat. Sie fragte, wie die Schüler später einmal leben wollten.

Lesen Sie hierzu den Bericht:

Wie die Nudel den Wahn heilt

Es ist Aufgabe der Schulen, neben Wissen auch Lebenswirklichkeit nahezubringen. Hier ist das Projekt „Hartz IV als Selbstversuch“ beispielhaft. Steuert es doch gegen den weit verbreiteten Reflex, Benachteiligte - hier die Förderschüler - a priori als Opfer von „Verhältnissen“ darzustellen und als Individuen, die ohne Umschweife zu alimentieren sind. Unterstützung ist gut und nötig - aber sie kann nur unter der Bedingung erfolgen, dass sich der Empfänger darum bemüht, sie überflüssig werden zu lassen. Dieser Teil des sozialstaatlichen Deals scheint des öfteren in Vergessenheit zu geraten.

Der Charme ehrlicher Arbeit existiert

Der Begriff „Hartz IV“ als Synonym für „Geld ohne Gegenleistung“ trifft bei manchem der jungen Generation auf offene Ohren. Man trägt das „Ed Hardy“-Shirt für 170 Euro, aber von der schönen Wahrheit, dass es Ziel eines jeden sein sollte, aus eigner Kraft zu leben, hat man nichts gehört. Und wenn, dann ist das nur was für Looser. Es kostet ja auch Kraft, sich abzurackern und mit knappem eigenen Einkommen die Unterschiede und Ungerechtigkeiten der Lebensbedingungen auszuhalten. Mit dem Schulprojekt, das die Kinder mit dem Leben der Armen konfrontiert, lässt sich gegensteuern. Klar, es sind nur Kinder, aber die Lektion ist ja auch einfach: All die schönen Lebenspläne scheitern und der 5er BMW rollt eben nicht, wenn man aufgrund eigener Trägheit mit dem absoluten Minimum auskommen muss.

Der Charme ehrlicher Arbeit, er existiert. Das sollte auf viel mehr Schulbrote geschmiert werden. Zu den Wahrheiten, über die die Grimm-Schüler nun womöglich grübeln, gehört aber auch: Das Hartz-IV-Individuum ist nicht nur arm, es ist auch unfrei. Ein schlecht bezahlter Wachmann hat zwar, nachdem man ihn - Sozialabgaben, Krankenkassenbeiträge, Miete - gemolken hat, kaum mehr auf der Naht. Er verfügt aber über ein Quäntchen Freiheit, kann mit seinem Geld machen, was er will. Der von Sozial transfers Abhängige dagegen wird komplett überwacht - in Geldangelegenheiten bis hin zu der Freundin, die, wenn sie bei ihm einzieht, seine „Stütze“ mindert.

Selbstversuch als Motivationsstoß

Der Selbstversuch mit Hartz IV dürfte den jungen Schülern einen Motivationsstoß in die richtige Richtung versetzen. Ungeachtet ihrer bescheidenen Chancen. Denn auch dies ist Realität in Deutschland: Hauptschüler bekommen schwer, Förder- oder Sonderschüler fast nie anständige Jobs. Wer mit Handikap ins Berufsleben startet, muss viel Motivationsbrennstoff zünden, um weiterzukommen. Klappt es trotzdem nicht, soll er Hilfe erhalten - das ist sein Recht. So herum haben wir unsern Sozialstaat zusammengeschraubt.

Quelle: op-online.de

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