In Südhessen verdurstet die Natur

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Der Grundwasserspiegel wurde gesenkt. Jetzt reichen die Wurzeln der Bäume nicht mehr bis zum lebensnotwendigen Nass. Hinzu kommen aber auch noch andere Probleme wie die Versauerung des Bodens und starker Maikäferbefall

Darmstadt - Im hessischen Ried sind einige Waldgebiete regelrecht verdurstet. Die Probleme hängen mit der Trinkwasserentnahme zusammen, dadurch sank der Grundwasserspiegel. Hoffnung verspricht ein Projekt, mit dem Wasser anders verteilt wird. Von Joachim Baier

Aus Darmstadt raus, dann gleich abbiegen - schon fällt der Blick auf „Geisterbäume“. Der Wald im hessischen Ried ist eine Katastrophe. Bäume sind vertrocknet, ihre Wurzeln haben das abgesunkene Grundwasser nicht mehr erreicht. Vor 50 Jahren war damit begonnen worden, Wasser zur Trinkwasserversorgung der wachsenden Bevölkerung und für Unternehmen abzupumpen.

Das Wort „Ried“ ist laut Lexikon eine süd- und mitteldeutsche Bezeichnung. Sie steht eigentlich für „Moor“. Tatsächlich war die Ebene zwischen Rhein und Bergstraße früher sumpfig, obwohl relativ wenig Niederschlag fällt. Immer wieder überschwemmte Hochwasser ganze Landstriche. Erst nach künstlicher Entwässerung war in einigen Teilen des Gebiets Landwirtschaft möglich.

Durch die jahrzehntelange Grundwasserentnahme für die öffentliche Wasserversorgung ist der Grundwasserspiegel aber an einigen Stellen so stark gesunken, dass der Wald vertrocknet. Die Gemüsefelder werden großflächig künstlich beregnet.

Die verkrüppelten Äste sind wie erstarrt und leblos. „Das sind Leichen. Denen können Sie nicht mehr helfen“, sagt der Leiter des Forstamtes Darmstadt, Hartmut Müller, und deutet auf die Buchen. Es muss aber eine Lösung her. Wo kein Wald mehr ist, können Bäume die Luft nicht mehr reinigen und das Klima ausbalancieren. Ein 2007 begonnenes Projekt im benachbarten Weiterstadt könnte Modell sein, wie auch woanders neu bepflanzte Flächen mit Wasser versorgt werden können.

Das hessische Ried liegt zwischen Rhein und Bergstraße. Rund 10 000 Hektar - eine Fläche grob gerechnet annähernd so groß wie Darmstadt - gelten als besonders geschädigt. Das Weiterstädter Projekt „Bebauung schützen, dem Wald und der Landwirtschaft nützen“ bezieht sich zwar auf nur 500 Hektar. Für äußerst vielversprechend hält es Weiterstadts technischer Leiter Klaus Wigand. „Einen Gewinn haben alle Beteiligten“, meint er.

Brunnen zapfen Grundwasser an, wo es für Häuser zu hoch gestiegen ist und Keller deshalb nass werden. Es wird durch Rohre gepumpt, im Wald durch Gräben geleitet. Das Wasser wird dorthin gebracht, wo es gebraucht wird. Die Vorteile nach Ansicht der Befürworter gegenüber dem Anheben des Grundwassers: Bauern haben keine nassen Felder, stattdessen sogar noch Wasser in heißen Sommerzeiten. Keller oder Souterrain-Wohnungen sind trocken. Aber Bäume haben wieder genügend Wasser.

Das Grundwasser einfach überall wieder anzuheben, hält auch die Umweltschutzorganisation BUND nicht für die beste aller Lösungen. „Zurück zu früher geht nicht mehr“, meint der BUND-Naturschutzexperte Thomas Norgall. „Wir würden uns wünschen, dass Wasser aus Brunnen für trockene Bereiche benutzt wird.“ Damit könnten bebaute Gebiete geschützt werden.

Im Waldgebiet „Triesch“ - eigentlich ein alter Begriff für „feuchte Weide“ - wird deutlich, wie sehr den Betroffenen die Suche nach einer Lösung unter den Nägeln brennt. Die toten Bäume verbreiten eine apokalyptische Stimmung. Wenn sie gefällt werden, ist ihr Holz auch höchstens noch zum Heizen zu gebrauchen, der Preis fällt aber in den Keller. Einige Baumstämme tragen ein großes helles X. „Die werden zum Heizen verschenkt“, sagt Förster Michael Göbel. Mit diesem Holz kann gar kein Geld mehr verdient werden.

Die Bäume im Ried haben aber nicht nur mit dem „Trockenstress“ zu kämpfen, sondern auch mit dem Maikäfer. „Er ist ein Gegenspieler“, meint Müller. Und auch das hänge mit dem gesunkenen Grundwasser zusammen. Die Engerlinge - die Larven der Käfer - wandern im Boden im Winter auf der Flucht vor Frost weiter nach unten. Dort lauert keine Gefahr mehr - denn das für sie tödliche Grundwasser liegt noch tiefer, die Engerlinge überleben. Sie sind aber die Totengräber der Bäume, denn sie ernähren sich von Baumwurzeln.

Das Aufforsten der toten Flächen sei eine Mammutaufgabe, sagt Müller. Was jetzt noch zu sehen ist, sei kein Wald mehr, meint sein Kollege Göbel. Bäume müssten zum gesunden Wachsen so dicht stehen, dass sie sich berühren und unter ihren Ästen ein anderes Klima herrscht. Der Begriff „Wald“ stehe im Ried nur auf dem Papier.

dpa

Quelle: op-online.de

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