Wandel ja, Niedergang nein

Das Vereinsleben in Hessen ist nach wie vor bunt: Rein rechnerisch hat sich jeder dritte Hesse organisiert - und die Neigung, etwas für die Gemeinschaft zu tun, steigt.

Frankfurt - Die einen lassen in der Freizeit gerne die Hüllen fallen, die anderen halten die Erinnerung an den King of Rock’n Roll wach. Wieder andere kämpfen gegen Fluglärm. Und eines verbindet doch alle: Sie sind Mitglied in einem Verein. Von Jan Brinkhus (dpa)

Alleine in Hessen sind Zehntausende Vereine registriert. Genau so groß wie ihre Zahl ist auch ihre Vielfalt.

Manche erscheinen auf den ersten Blick kurios: Der Bund für Freikörperkultur und Familiensport Orplid in Darmstadt etwa oder der Elvis Presley-Verein Bad Nauheim-Friedberg. Und der Klub Langer Menschen nimmt nur Frauen mit einer Körpergröße von mindestens 1,80 Meter und Männer mit mindestens 1,90 Meter auf - die Frankfurter Sektion veranstaltet ganz in diesem Sinne „ü180cm“-Tanzpartys. Und in Osthessen wetteiferten Freunde der Gesichtsbehaarung im Bartclub Steinau-Gründau sogar schon bei Bart-Weltmeisterschaften.

Vereine sind gut für die Gesellschaft

Ob zum Freizeitvergnügen oder auch mit ernsthafterem Hintergrund wie Kulturförderung, Selbsthilfe und Wohlfahrt: Vereine sind gesellschaftlich nicht wegzudenken. Aber auch sie müssen sich neuen Herausforderungen stellen - etwa dem Bevölkerungswandel mit sinkenden Einwohnerzahlen oder konkurrierenden Freizeitangeboten abseits der Vereine.

Dennoch: „Die Vereine spielen nach wie vor eine sehr viel größere Rolle als man so gemeinhin meint“, sagt Andreas Steinle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Kelkheim im Taunus. „Die öffentliche Wahrnehmung ist ja, dass die Gesellschaft immer mehr zerfällt, weil sie sich auch immer mehr individualisiert. Aber wir sehen keinen Zerfall von Gemeinschaft, sondern eher neue Gemeinschaftsformen.“ Etwa über soziale Netzwerke oder über Projekte auf Zeit - das Interesse, sich zu engagieren oder sich für Gesellschaft einzusetzen, sei dabei nach wie vor sehr groß.

Die Situation für die Vereine sei aber regional durchaus unterschiedlich. Gerade in Gebieten Nordhessens etwa gebe es eine Landflucht, weil in den Ballungszentren die besseren Jobs lockten. „Und dort sieht die Lage in den Vereinen mit Sicherheit problematisch aus, weil eben junge Leute wegziehen und den Vereinen dann der Nachwuchs fehlt“, sagt Steinle.

In Hessen gibt es bei rund sechs Millionen Einwohnern 47 557 eingetragene Vereine, wie Wolfgang Happes von der V & M Service GmbH in Konstanz im Sommer 2011 ermittelt hat. Er hat Einzelzahlen der Amtsgerichte zusammengeführt, eine landesweite Statistik wird nicht erhoben. Genaue Mitgliederzahlen sind nicht bekannt. Alleine die knapp 2800 hessischen Sportvereine haben aber nach Angaben des hessischen Innenministeriums zwei Millionen Mitglieder - rein rechnerisch wäre das jeder dritte Hesse.

Viele Vereine blicken auf eine lange Tradition und Geschichte zurück. Die Anfänge des Vereinslebens reichen 150 Jahre und länger zurück. „Mein Eindruck ist, dass gerade im 19. Jahrhundert sehr viele Vereine gegründet wurden auf der Basis von Ideen, die dann später zu unserem staatlichen Sozialsystem geführt haben, nämlich Solidarität“, sagt der freiberufliche Kulturwissenschaftler Wolfgang Fritzsche vom Kulturbüro AHB in Ginsheim-Gustavsburg. Prominentes Beispiel: Das Rote Kreuz.

Freizeit ist mitentscheidend

Heutzutage spielen aber auch Freizeitaspekte eine immer größere Rolle. Die Beweggründe für einen Vereinsbeitritt sind aus Sicht von Fritzsche aber die gleichen geblieben und eher banal: „Ich möchte singen - also trete ich in einen Gesangsverein oder Kirchenchor ein. Oder ich gründe einen Chor.“ Allerdings trete heute zunehmend der Erlebnischarakter einer Vereinsmitgliedschaft in den Vordergrund, findet Fritzsche. „Wenn mir ein Verein das nicht mehr bietet, gehe ich weg und zum nächsten.“

Der Zukunftsforscher Steinle sieht das ähnlich, formuliert es aber etwas anders: Für die Menschen spiele die Entwicklung ihrer Talente eine immer größere Rolle - und diese Erwartung hätten sie auch an die Vereine. „Aber das ist auch ein guter Anspruch, darüber schafft man ja Identifikation, Engagement und Begeisterung.“

Quelle: op-online.de

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