Aus der Wanne direkt in den Flieger

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Bis zu fünf Meter pro Sekunde können die Plastikwannen mit Koffern, Taschen und Rucksäcken auf dem Schienensystem der Gepäckförderanlage des Frankfurter Flughafens zurücklegen.

Frankfurt - Wenn andere Menschen entspannt in die Ferne fliegen, herrscht bei Elena Elkhanova Hochbetrieb. Sie ist mitverantwortlich dafür, dass die Koffer der Passagiere am Frankfurter Luftdrehkreuz rechtzeitig in der richtigen Maschine landen. Von Monika Hillemacher (dpa)

Die Fäden laufen im Gepäckkontrollzentrum des Flughafens zusammen. Der Saal im „kleinen Cape Canaveral“ wird von einer wandfüllenden Kontrolltafel beherrscht. Dort verfolgen Elkhanova und ihre Kollegen die kilometerlange Reise der Koffer durch den größten deutschen Flughafen.

Die Tour startet an den mehr als 500 Abflugschaltern. Wie der Passagier „bekommt der Koffer eine Art Bordkarte“, erläutert die Mitarbeiterin Bodenverkehrsdienste des Airport-Betreibers Fraport. Der Strichcode auf der weißen Banderole verzeichnet Daten wie Gewicht, Ziel, Flugnummer, Umsteigemöglichkeit und Passagiername. Laserkameras scannen den Code, dann verschwindet der Koffer hinter dem Schalter in die Gepäckförderanlage (GFA).

In einer Plastikwanne sausen Koffer, Taschen und Rucksäcke dem Ziel entgegen. „Geliefert wird direkt an die Maschine. Es gibt an jedem Gate einen eigenen Gepäckraum“, sagt Elkhanova. Reisegepäck vom Vorabend-Check-in landet in einem separaten Lager, wo es bis kurz vor dem Abflug Runden dreht. Ein zeitsparendes und sicheres Aufbewahrungssystem. Elkhanova: „Solange es kreiselt, kommt niemand heran.“ In der Gepäcklogistik läuft fast alles automatisch ab. Hand legen die rund 4.500 Lademitarbeiter zum Beispiel noch beim Be- und Entladen der kleinen Gepäckzüge an, die Hab und Gut zu Ferienfliegern auf dem Vorfeld bringen.

74 Kilometer sind die Gepäckbänder lang

Die Bänder der GFA schlängeln sich fast 74 Kilometer durch Keller und Zwischendecken der Terminals. Die Transportbänder sind gespickt mit Lesegeräten. Sie identifizieren die Wannen anhand spezieller Kennzeichnungen. „Wir wissen zu jeder Zeit, an welcher Position sich das Gepäck im System befindet“, ist die für Infrastruktur zuständige Helen Sanzenbacher überzeugt. Mit Hilfe von Behälternummer und Gepäckcode lenken Computer die Koffer Richtung Mallorca, New York und Singapur.

Die Methode funktioniert nicht immer: Weltweit seien 2008 fast 33 Millionen Gepäckstücke verloren gegangen, an die 736.000 blieben ganz auf der Strecke, heißt es in einem Report des von der Luftfahrtindustrie getragenen Dienstleisters Sita. Das Unternehmen mit Ableger im hessischen Eschborn betreibt nach eigenen Angaben ein internationales Erfassungs- und Suchsystem, an das 400 Airlines und Dienstleister angeschlossen sind.

Es gibt eine ganze Palette an Ursachen dafür, dass nicht jeder Koffer zusammen mit seinem Besitzer am Zielort landet. Umbuchungen, Zollkontrollen, Fehler beim Verladen und Abfertigen, alte Banderolen und Aufkleber können die Scanner verwirren. Fehlende Namensschilder erschweren zusätzlich die Recherche nach den Eigentümern vermisster Stücke. Außerdem setzen die Airlines unterschiedliche Suchsysteme ein.

Statistisch gerieten zwei Promille der beförderten Taschen und Koffer auf Abwege - an Spitzentagen rasen an die 144.000 Exemplare mit bis zu fünf Meter pro Sekunde und unter ohrenbetäubendem Lärm durch die GFA.

Taschen weg - was tun?

Passagieren steht für verschwundenes, beschädigtes oder verspätet ankommendes Gepäck eine Entschädigung von bis zu 1.200 Euro zu.

Bei Verspätungen darf das Notwendigste auf Kosten der Airline gekauft werden.

Das Europäische Verbraucherzentrum in Kehl rät, vorher zu fragen, was eine Fluggesellschaft unter „notwendigen Gütern“ versteht.

Außerdem sollten sämtliche Quittungen aufbewahrt werden. Alternativ erhalten Passagiere einen Pauschalbetrag.

Sicherheitshalber sollten Verbraucher eine Liste der Gegenstände im Koffer erstellen.

Ein Namensschild im und am Koffer erleichtert die Rückgabe von verlorenem Gepäck.

Um Fehlleitungen zu vermeiden, sollten alte Flugbanderolen entfernt werden.

Passagiere müssen Schäden innerhalb von sieben Tagen schriftlich reklamieren, bei Verspätung bleiben 21 Tage Zeit.

Unregelmäßigkeiten sollten sofort am Lost-Luggage-Schalter gemeldet und bestätigt werden.

Sie passieren sie mehrstufige Sicherheitskontrollen. Sekundenschnell durchleuchten Röntgengeräte den Inhalt. Verdächtiges wird per Hand geöffnet. Laut Sanzenbacher fallen Rasierschaum und Gaskartuschen auf, ebenso mit Socken ausgestopfte Teekannen. Diesen Sommer kamen 63 Kettensägen zutage und „ein als Handgranate geformtes Feuerzeug legte erst einmal alles lahm“. Dass die Kontrolle den Passagiere verborgen bleibt, hat einen praktischen Grund: „Die Warteschlangen an den Schaltern wären sonst zu lang.“ Eine halbe Stunde vor Abflug macht die Abfertigung dicht, damit das Gepäck trotz Überprüfung rechtzeitig an Bord kommen kann. In die Maschine gelange ausschließlich Gepäck von Passagieren, die das Boarding direkt am Flugsteig passiert hätten, betont Elena Elkhanova. Eine Kennung auf der Bordkarte gebe grünes Licht. Ansonsten „schaltet das System auf Rot und der Koffer bleibt am Boden.“ Bei der Ankunft gibt es Prioritäten: Zuerst werden die Koffer der Umsteiger ausgeladen, dann die der Ersten Klasse. Findet sich bei nicht abgeholtem Gepäck nach drei Monaten kein Besitzer, kommen die Restposten unter den Hammer. Für Schnäppchenjäger eine Möglichkeit, günstig Strandliegen und Schwimmbretter zu ergattern.

Quelle: op-online.de

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