Warnung vor Kollaps in Heimen

Frankfurt /Offenbach/Hanau - Sozialverbände und Betreiber von Pflegeheimen wissen es schon lange, Politiker reden aber immer noch um den heißen Brei herum: Die „Pflegeheim-Branche“ steuert - vor allem in den Ballungsräumen - auf eine Katastrophe zu, wenn das Steuer in der Sozialpolitik nicht alsbald herumgeworfen wird. Von Peter Schulte-Holtey

Bundesweit gibt es derzeit mindestens 22.000 freie Stellen in den Pflegeheimen. Margot Käßmann, Bischöfin von Hannover, sagte angesichts der großen Not in der Altenpflege: „Ich bin manchmal ratlos, wie das da weitergehen soll.“

Auch Pflegeexperten und Arbeitsnehmervertreter in Hessen schlagen jetzt Alarm. Das Motto der Gewerkschaft ver.di: „Wir brauchen keine Sonntagsreden und keine leeren Versprechungen.“ Eine gestiegene Pflegebedürftigkeit der Heimbewohner steht einem eklatanten Fachkräftemangel gegenüber. Heime, die nicht mindestens 50 Prozent examinierte Pflegekräfte vorweisen können, müssen womöglich schließen. Überall fehlt es an examinierten Pflegekräften, um wenigstens die im Budget enthaltenen offenen Stellen wieder zu besetzen. Dieter Bien, Geschäftsführer der Alten- und Pflegezentren des Main-Kinzig-Kreises, fordert: „Es muss mehr Geld zur Verfügung stehen.“

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Mit Blick auf die Deckelung der Ausbildungsplätze in Hessen, sagte Pflegeexperte Friedhelm Menzel vom Landesverband des Diakonischen Werk unserer Zeitung: „Natürlich haben wir nicht nur deshalb im Rhein-Main-Gebiet einen Altenpflegekräftemangel, weil die Anzahl der vom Land finanzierten Ausbildungsplätze in Hessen auf 3.500 Plätze begrenzt ist. Dafür gibt es auch andere Ursachen, zum Beispiel relativ wenige Altenpflegeschulen hier im Gebiet - die Schulen sind in Nordhessen, ein Trend zu Anstellungen im ambulanten Bereich, hohe Belastungen durch Wochenend- und Schichtdienste, schwierige Vereinbarkeit mit Erziehung und Familie usw...“

Wenig attraktives Berufsbild

Von Heimleitungen wird auch immer wieder auf immer neue Aufgaben der Mitarbeiter hingewiesen; inzwischen gehe die Hälfte der Arbeitszeit für Pflegedokumentation drauf. Gleichzeitig wirkt das Berufsbild bislang wenig attraktiv. So sieht Stephan Brandenburg von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege auch im großen Frust vieler Mitarbeiter über fehlende Aufstiegschancen und geringe Entscheidungsspielräume deutliche Alarmzeichen.

Bei der Suche nach Therapien für die Misere ist Martin Glaub, Leiter des Diakonischen Werk Offenbach-Dreieich-Rodgau, pessimistisch: „Man geht mit diesem wichtigen sozialpolitischen Thema weiterhin nicht offen um“, kritisiert er. Auch wenn es jetzt Vorhaben bzw. Planungen seitens des Bundes und der Länder zur Verbesserung der Personalsituation in der Pflege gebe, reichten diese wohl nicht aus, um insbesondere in den Städten den Auswirkungen des demographischen Wandels im Bereich Pflege dauerhaft adäquat zu begegnen, erläutert Glaub.

Selbst wenn es gelinge, deutlich mehr Menschen für eine Pflegeausbildung oder Umschulung zu gewinnen, reiche dies nicht aus, meint auch der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. Verbandspräsident Bernd Meurer setzt deswegen in Zukunft unter anderem auf mehr Arbeitskräfte aus Osteuropa; er begrüßte die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für die neuen EU-Staaten ab 2011.

Quelle: op-online.de

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