Sprengung des AfE-Turms

Warten auf den großen Rumms

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Ein Job wie im Bleibergwerk: Die beiden Männer bereiten die Sollbruchstelle im Innern des Turms vor.

Frankfurt - „Keine Politik, keine Bullen, kein Staat, kein Geld!“ - „Luxus für Alle“ - „Für den Kommunismus“ - „Grundsicherung 1000 Euro für jeden“. Von Michael Eschenauer 

Frankfurts linkes Herz pocht noch - als Parolen an den Wänden des verwaisten Treppenhauses im AfE-Turm auf dem Campus der Goethe-Universität. Der nasse Winterwind pfeift durch die leeren Fensterhöhlen, wirbelt Betonstaub auf, lässt Trassierbänder flattern und macht sich durch den schwarz gähnenden Fahrstuhlschacht davon. Da fällt der Blick auf eine der nackten Betonwände: „Sprengt den Turm!“ heißt es da.

Ihr Urheber wird demnächst erhört werden. Ihr wollt den Turm sprengen? Könnt ihr haben! Am 2. Februar um 10 Uhr ist es soweit: Demolition Day in Bockenheim. Der AfE-Turm, früher Ort der gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Goethe-Universität, seit 1972 Schauplatz ungezählter politologischer, historischer und soziologischer Vorlesungen und Seminare, wird tatsächlich fallen. Doch es ist nicht der ungezähmte Raubtierkapitalismus, es ist die Kraft von 850 Kilogramm „Eurodyn“ vulgo: Dynamit, die die einstige Hochburg linker Kritik schleifen.

Der Termin 2. Februar ist allerdings noch nicht ganz sicher, denn derzeit liegt noch keine Genehmigung für die Sprengung vor: „Wir lassen durch externe Fachleute die Pläne prüfen, insbesondere zum Erschütterungsschutz“, sagt Michael Kummer von der Frankfurter Bauaufsicht. Insbesondere müsse untersucht werden, ob die umliegenden Gebäude und die U-Bahn durch die Erschütterung nicht beschädigt werden könnten, und ob die Art der Sprengung dem Stand der Technik entspreche. „Bis zum 24. Januar muss die Entscheidung vorliegen, denn sonst schaffen die es nicht mehr, alle Sprenglöcher zu bestücken“. sagt Kummer.

Sprengung Rekord in Europa

Noch niemals wurde in Europa ein derartig hohes Gebäude gesprengt. Diejenigen, die den 116 Meter und 36 Stockwerke hohen Riesen fällen wollen, heißen Rainer Melzer und Eduard Reisch. Beide, der seit Mitte der 80er-Jahre auf das Fachgebiet „Sprengabbruch“ spezialisierte Ingenieur mit einem eigenen Planungsbüro für Bauwerksabbruch in Leipzig und der Sprengmeister des Abbruch-Unternehmens AWR aus Weißenthurm bei Koblenz, machen seit rund einem dreiviertel Jahr nichts anderes, als den großen Rumms zu planen. „Es ist nicht nur die Höhe, es ist auch der äußerst begrenzte Raum, der uns zur Verfügung steht, die die Sache zu etwas ganz Besonderem machen“, sagt Melzer. Er und Reisch müssen supergenau rechnen. Wir befinden uns immerhin in der Frankfurter Innenstadt. Für die herabstürzenden Trümmer des 50.000 Tonnen schweren Monstrums aus Stahlbeton steht nur ein Raum von 100 Meter Länge und 50 Metern Breite zur Verfügung. Das sind etwa vier Tennis-Doppelspielfelder.

Gezündet wird mit Hilfe einer speziellen Maschine, die einen Funkimpuls an die Dynamit-Ladungen weitergibt. „Ich drück’ da keinen Knopf, das läuft vollautomatisch ab“, so Reisch.

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Und so geht’s: In den ersten drei Sekunden detonieren in Keller, Erdgeschoss und 5. Stock Sprengladungen, die in 1200 jeweils 3,5 Zentimeter durchmessenden Löchern der tragenden Teile versenkt wurden. Dies bewirkt, dass der äußere Gebäudeteil, der das aus zwei Aufzügen und zwei Treppenhäusern bestehende „Rückgrat“ des Turms im Innern umgibt, innerhalb von drei Sekunden kollabiert und bis zu 40 Meter absackt. Damit wird der harte Kern des Riesen teilweise freigelegt. Es folgen zwei schwere Explosionen im Innern - zuerst im 5. und dann im 17. Stock. Getroffen wird jetzt das Rückgrat des Hochhauses selbst. „Wir sorgen dafür, dass sich das Gebäude zweimal knickt und dann zusammenstürzt“, sagt Melzer. Das verringere den Platzbedarf am Boden und ermögliche eine genauere Planung des Falles. Wenn man ein Gebäude einfach umkippen lasse, habe man es mit viel größeren Unwägbarkeiten zu tun.

Fürs Knicken entschied sich Melzer auch, weil sich das Gebäude während des Einsturzvorganges quasi selbst zerstört und viel von der freiwerdenden Bewegungsenergie aufsaugt. „Deshalb werden am Baugrund weniger Schwingungen ankommen“, weiß Melzer. So oder so: „Nach zehn Sekunden ist alles vorbei“. 1 385 Sprengsätze plus die ebenfalls Sprengwirkung entfaltenden Sprengschnüre haben sich in puren Druck verwandelt.

Hochbetrieb am AfE-Turm

Derzeit herrscht Hochbetrieb am AfE-Turm. Wie Holzfäller, die bei dem zu fällenden Baum zunächst einen Keil aus dem Stamm sägen, fräsen Mitarbeiter von AWR mit schweren Presslufthämmern und Betonsägen an denjenigen Stellen des Gebäudekerns, an denen sich der Riese knicken soll, dreieckige Keile aus den Wänden. Hier, an diesen Schwachpunkten, werden später Ladungen mit Gelatine-Sprengstoff angebracht. Die keilförmigen Löcher in den Wänden, aus denen der Stahlbeton wie Spaghetti heraushängt, tragen unter Sprengfachleuten den Namen „Mäuler“. So lange das Gebäude steht, sind sie offen. Wenn sie sich zu schließen beginnen, fällt der Turm.

Während drinnen die Bohrhämmer arbeiten, schieben draußen Heinrich Bachert und seine Männer an den Baggern hohe Erdwälle auf. „Die fünf bis sechs Meter hohen Berge vor dem Marriott-Hotel befinden sich in der Fallrichtung. Sie sind sozusagen die kugelsichere Weste für die unmittelbare Nachbarschaft, der Schutz gegen umherfliegende Betonteile. Mehrere, jeweils etwa drei Meter hohe Erdwälle davor bilden das „Fallbett“. Es soll den Aufprall dämpfen. Die Sprengung an sich verursacht keine eigene Druckwelle. „Das ist nicht so spektakulär wie in den Western. Die Ladungen stecken ja in dem Beton“, erklärt Melzer.

Er ist ein erfahrener, besonnener Planer der Zerstörung. Aber am Sonntag, 2. Februar 2014, wird er schon „ganz schön aufgeregt sein“.

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Quelle: op-online.de

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