Fluch der Sparsamkeit

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Kanalbetriebsarbeiter Jörg Münzdorf macht den Kamerawagen flott. Mit Hilfe spezieller Kunstaugen werfen er und seine Kollegen einen scharfen Blick in die im Untergrund liegenden Röhren.

Frankfurt - In kaum einem anderen Industrieland verbrauchen die Menschen laut Experten so wenig Wasser wie in Deutschland. Aber was gut gemeint ist, richtet vielerorts in Hessen Schaden an.

Denn weil Waschmaschinen immer sparsamer geworden sind und so gut wie alle Toiletten mittlerweile über Stopp-Tasten verfügen, fließt immer weniger Abwasser durch die Leitungen. So setzt sich der Dreck in den Rohren fest und verstopft sie. Die Folge: Die Kanalrohre müssen regelmäßig aufwendig und teuer gereinigt werden - mit Trinkwasser. In Kassel pumpen die Städtischen Werke Frischwasser nach, weil der Dreck ansonsten die Leitungen verkrusten würde. Vielerorts in Hessen steigen wegen des sinkenden Wasserverbrauchs die Wasserpreise.

Nach Angaben des Statistischen Landesamts Hessen ist der durchschnittliche Pro-Kopf-Wasserverbrauch im Land zwischen 1991 und 2010 von 186 auf 138 Liter pro Tag gesunken. In Frankfurt betrug der Wasserverbrauch 1985 im Jahr laut dem Versorgungsunternehmen Mainova noch rund 67 Millionen Kubikmeter. 2013 waren es nur noch gut 45 Millionen - und das obwohl die Stadt in diesem Zeitraum etwa 100.000 Einwohner hinzu bekommen hat. Im Gebiet der Energieversorgung Offenbach (EVO) sank der Pro Kopf Tagesverbrauch von 130 Litern in den 80ern auf aktuell 112 Liter. Nach Angaben von EVO-Sprecher Harald Hoffmann ging der Trinkwasserpreis seit 2005 um rund zehn Prozent zurück. Derzeit kostet der Liter Evo-Trinkwasser 0,2 Cent.

„Deutschland ist ein Wasserüberschussland“

Der Agrarwissenschaftler Hans-Georg Frede hat lange an der Uni Gießen zum Thema Wasser geforscht. „Seit Jahren wird uns suggeriert, dass Wasser in Deutschland ein knappes Gut sei, das man sparen müsse“, sagte er. „Das ist aber falsch.“ Zwar gehöre Wassermangel zu den größten Problemen der Welt. In Deutschland aber mache Wassersparen nur begrenzt Sinn. Denn: „Deutschland ist ein Wasserüberschussland.“ Und so komme es, dass Abwasserrohre immer häufiger kaputt gingen, weil sie zu wenig Wasser führten. In wachsenden Großstädten seltener als in strukturschwachen Regionen, die aufgrund der demografischen Entwicklung Einwohner verlieren.

„In Kassel sinkt der Wasserverbrauch seit Jahren kontinuierlich“, sagt der Sprecher der Städtischen Werke, Ingo Pijanka. So liege der Pro-Kopf-Verbrauch heute bei etwa 120 Litern täglich. „Wir haben aber teilweise Leitungen, die auf eine deutlich höhere Menge ausgelegt sind.“ So müsse das Unternehmen viel Geld in die Hand nehmen, um Ablagerungen durch Spülungen zu entfernen und Schäden vorzubeugen. Wie hoch die Kosten tatsächlich sind, will Pijanka nicht sagen. „Es ist aber eine große Leistung, dass wir den Wasserpreis in Kassel in den letzten Jahren stabil bei 2,14 Euro pro Kubikmeter halten konnten“, sagt Pijanka.

Viele andere hessische Kommunen haben das nicht geschafft. Dem aktuellen hessischen Frisch- und Abwassermonitor zufolge, der im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft hessischer Industrie- und Handelskammern entstanden ist, sind die Trinkwasserpreise in Hessen zwischen 2005 und 2014 um mehr als 13 Prozent gestiegen. Der Hauptgeschäftsführer vom Verband kommunaler Unternehmen, Hans-Joachim Reck, erklärt: „Wegen des Kostendeckungsprinzips, führt eine Verminderung der Wassernachfrage nicht zu einem niedrigeren Wasserpreis.“ Dies müsse man der Öffentlichkeit verständlich machen. Es sei ein Trugschluss, wenn man annehme, mit der Senkung des Wasserverbrauchs Geld sparen zu können, sagt Reck.

Michael Hoffmann kontrolliert an seinen Monitoren eine Kanalinspektion, die mit einer Kamera durchgeführt wird.

Allein dem Wachstum ist es zu verdanken, dass man in Frankfurt nicht die Probleme der Kasseler hat. Der Betriebsleiter der Stadtentwässerung Frankfurt, Ernst Appel, sagt, dass die Stadt in einer Sondersituation sei. „Weil ständig neue Einwohner hinzu kommen, verursacht das Wassersparen hier keine Probleme“, erklärt Appel. Zudem sorgten die vielen Menschen, die wegen ihres Jobs nach Frankfurt kämen, für einen höheren Verbrauch. Zwar wende sein Betrieb jedes Jahr zehn Millionen Euro auf, um das 1600 Kilometer lange Kanalnetz instand zu halten. Doch dieser Betrag sei in den letzten Jahren konstant geblieben.

(dpa)

Quelle: op-online.de

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