Wehrhafter werden gegen die Krankheit

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Am Montag startete im Institut für Sportmedizin der Goethe-Uni das Sportangebot für Krebspatienten. Claudia Schönfeld, Prof. Dr. Winfried Banzer, Dr. Marcus Bernhörster und Anja Lungwitz (von rechts) begrüßten die Teilnehmer.

Frankfurt - Sportliche Betätigung und physische Leistungssteigerung sollten mehr als bisher in der Krebstherapie genutzt werden. Diese Forderung hat Professor Dr. Elke Jäger, Chefärztin der onkologischen Klinik am Frankfurter Nordwestkrankenhaus, bei einer Informationsveranstaltung der Frankfurter Goethe-Universität erhoben. Von Michael Eschenauer

Elke Jäger ist zudem Vorstandsmitglied der Stiftung „Leben mit Krebs“. Vorgestellt wurde hier ein regelmäßiges, kostenloses therapeutisches Sportangebot für alle Krebspatienten im Rhein-Main-Gebiet. Im Kampf gegen die gefürchtete Krankheit stagnierten zwar die Quoten bei der kompletten Heilung, berichtete Jäger, der medizinische Fortschritt ermögliche aber eine immer längere Überlebenszeit. Es sei von großer Bedeutung, gegen die insbesondere in Deutschland verbreitete „depressive Grundhaltung bei Krebs“ anzugehen. „Wir dürfen die Sensibilität gegenüber den Patienten beim Umgang mit Krebs nicht verlieren, aber wir müssen offener gegenüber neuen Behandlungsansätzen werden“, so Jäger. Krebs sei eine chronische Krankheit und bei chronischen Krankheiten lasse sich Sport erfolgreich einsetzen.

Während bisher Krebspatienten nur fallweise mit Sportangeboten versorgt wurden, bietet seit Anfang dieser Woche die Goethe-Universität in Kooperation mit der Wiesbadener Stiftung „Leben mit Krebs“ ein neues, regelmäßiges Bewegungstherapie-Angebot für Krebspatienten im gesamten Rhein-Main-Gebiet an. Lesen Sie hier mehr.

Der von der Stiftung „Leben mit Krebs“ gesponserte Frankfurter Versuch, Schwerkranke durch Sport wehrhafter gegen ihr Leiden zu machen, steht unter der Schirmherrschaft des hessischen Gesundheitsministers Jürgen Banzer (CDU). Schon seit dem Jahr 2005 beschäftigt sich Krebsspezialistin Jäger mit der Integration kontrollierter sportlicher Leistungssteigerung in die Krebstherapie. Im Frankfurter Nordwestkrankenhaus existiert ein eigenes Sportprogramm für Krebspatienten. Die sind unter anderem in einer Rudermannschaft aktiv, joggen, betreiben Nordic-Walking und fahren Fahrrad. Jäger gilt in Deutschland beim Thema Sport und Krebs als die Medizinerin mit der meisten Erfahrung. Ihre Bilanz, basierend auf hunderten sportlich betreuter Krebspatienten: „Die Menschen vertragen die oft sehr belastende Behandlung durch Hormon- und Chemotherapie sehr viel besser.“ Ähnliches sei auch bei Strahlenbehandlungen festgestellt worden. „Wir haben deutlich weniger Behandlungsab- oder -unterbrechungen.“ Die Patienten benötigten ferner weniger Medikamente und seien in geringerem Maße depressiv. Der milde Ausdauersport verstärke die Bereitschaft, Probleme und Belastungen der Krankheit offensiv anzugehen. Nebenwirkungen wie Übelkeit, Müdigkeit, Durchfall oder Gewichtsverlust könnten deutlich vermindert werden.

Auch der Projektleiter und Chef der Abteilung Sportmedizin der Goethe-Universität, Prof. Winfried Banzer, sowie der Onkologe am Nordwestkrankenhaus, Olav Heringer, haben die positiven Auswirkungen von Sport festgestellt: „Bereits nach vier Wochen ist eine erhöhte Ausdauerleistung sichtbar, nach weiteren drei Monaten Training fallen therapiebedingte Müdigkeit und Abgeschlagenheit deutlich ab“, sagt Banzer.

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Unklar ist allerdings, inwieweit genau Sport den Therapieerfolg verbessert. „Dies anhand von Fallzahlen zu dokumentieren ist extrem schwierig, weil wir es hier mit den unterschiedlichsten Krebsarten in den verschiedensten Entwicklungsstadien zu tun haben“, so Jäger. Allerdings lägen aus den USA Studien vor, die eine Verbesserung der Heilungschancen bei Dickdarm- und Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium beweisen würden. „Die Befunde sind eindeutig. Wir gehen davon aus, dass dies bei anderen Tumorarten ähnlich ist“, so Jäger. Für Frankfurt sei eine klinische Studie in Vorbereitung. Jäger rechnet mit wissenschaftlich fundierten Ergebnissen in den kommenden zwei bis drei Jahren. Ein Erfolg auf diesem Gebiet könnte auch die Gespräche mit den Kostenträgern über eine Aufnahme in den Leistungskatalog beflügeln. Ziel ist hier, Sport als Therapiebestandteil festzulegen und damit eine Kostenübernahme zu sichern. Nach Angaben von Jäger haben bereits Gespräche mit der Barmer-Ersatzkasse stattgefunden. Man habe eine wohlwollende Prüfung des Konzepts zugesagt. Bei der Krankenkasse zeigte man sich gestern offen für diesen neuen Therapieansatz. „Es gab Sondierungsgespräche, wir stehen dem Vorhaben positiv gegenüber“, sagte die Sprecherin der Barmer-Ersatzkasse in Hessen, Brigitte Schlöter. Allerdings sei es sinnvoller, kassenübergreifend zu Übereinkünften zu gelangen. Denkbar sei eine Ausweitung des erfolgreich arbeitenden Netzes der Reha-Sportgruppen. Hierzu müssten noch Detailfragen geklärt werden, zum Beispiel bei der Qualifikation der Trainingsleiter. Man könne in Frankfurt auf die guten Kontakte zur Gruppe der Onkologen aufbauen.

Quelle: op-online.de

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