Weit draußen rauscht die Welt

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„CQ, CQ“ (come quickly - komm schnell): Amateurfunker Thilo Kootz findet mit etwas Glück Gesprächspartner in aller Welt - vorausgesetzt die Atmosphäre leitet gut genug.

Baunatal/Rhein-Main - Was verbindet den Astronauten Thomas Reiter mit dem Politiker Friedrich Merz? Beide sind Funkamateure. Von Susanne Scheerer (dpa)

Funkamateure gehören zu der Gruppe von Menschen, deren typischen Vertreter Thilo Kootz, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesverband für Amateurfunk in Deutschland, so beschreibt: 58 Jahre alt, Tüftler, Technikfreak, eigenbrötlerisch. Und es gibt ein Sprichwort, das den Funkamateur charakterisiert: „Ich hab Freunde in der ganzen Welt, nur nicht in der Nähe.“

Tatsächlich finden Funker Gesprächspartner in beinahe allen Teilen der Erde. Denn Menschen, die sich manchmal 20 Meter große Antennen in den Garten stellen, gibt es nicht nur in Deutschland. Hierzulande ist die Gemeinde sogar relativ klein: Nur 80 000 Funker zählt der Bundesverband, davon 45 000 Mitglieder. Mit 3567 Funkamateuren ist der „Distrikt“ Hessen dabei der mitgliederstärkste Landesverband des DARC. Doch das ist wenig im Vergleich: In den USA funken mehr als 500 000 Menschen, in Japan sollen es sogar zwei Millionen sein.

Es fehlt an Nachwuchs

Wie viele Vereine, so haben auch die deutschen Funkamateure ein demografisches Problem: Ihnen fehlt der Nachwuchs. „Die Jugendlichen nutzen die Technik, aber sie beschäftigen sich nicht damit“, beschreibt Kootz das Verhalten des „Steckdosenfunkamateurs“. Das ist einer, der sein erstes Funkgerät nicht nach alter Tradition selbst baut, sondern im Laden kauft - „plug and play“ eben. Bis in die siebziger Jahre habe es gar keine kommerziellen Geräte gegeben, berichtet Kootz, der mit 18 Jahren eher zufällig zum Funken gekommen ist, aber schon immer ein Faible für selbst gebaute Lichtorgeln hatte. Klar, dass so einer selbst Hand anlegt.

Im Internet-Zeitalter ist es zudem schwerer denn je, junge Leute für ein Medium zu begeistern, das recht nostalgisch daherkommt. Wer funkt, muss genau hinhören. Einer Generation, die mit störungsfreiem Telefonieren groß geworden ist, fällt das nicht eben leicht. Wenn Thilo Kootz sein Funkgerät im Tower des Deutschen Amateur-Radio-Clubs (DARC) in Baunatal einschaltet, hört der Laie vor allem eines: Knacken, Quietschen, Rauschen. Irgendwo da draußen lassen sich zwar menschliche Stimmen vernehmen, aber nur geübte Ohren hören, ob sich hinter den englischen Standardrufen ein Japaner, Chinese oder Australier verbirgt.

Funkpost aus der ganzen Welt

Bei dieser Tonqualität leuchtet ein, dass es nicht Ziel des Funkamateurs sein kann, sich minutenlang über Gott und die Welt auszutauschen. Der Ehrgeiz dieser Menschen, die oft stundenlang hinter ihren Geräten sitzen und dabei „CQ, CQ“ (come quickly - komm schnell) ins Mikrofon rufen, besteht vielmehr darin, sich über Kontinente hinweg bemerkbar zu machen. Als Anerkennung gibt es dann vom Gegenüber eine Postkarte. Mehr als fünf Millionen dieser „Funkbestätigungskarten“, kurz „QSL-Karten“ genannt, vermittelt die Poststelle beim Bundesverband pro Jahr.

Weitere Informationen gibt es beim Deutschen Amateur-Radio-Club

In den Ein- und Ausgangsfächern stapeln sich die bunten Grüße aus Fernost, Nordamerika oder Russland. Manchmal ist sogar eine Karte vom Polarkreis dabei. Dem Adressaten niemals zugestellt wurden indes zwei Grüße aus Düsseldorf und Oberhausen. Die Funker hatten es offenbar geschafft, einen Smalltalk mit Thomas Reiter zu halten. Das war 2006, und der deutsche Astronaut befand sich zu dieser Zeit auf der Internationalen Raumstation ISS.

Warum er trotz Mobiltelefon und E-Mail immer weiter funke? Der Freiheit wegen! Funken sei nun mal „ungerichtete Kommunikation“ - am ehesten noch mit dem Chatten zu vergleichen, erklärt Kootz. „An manchen Tagen habe ich Lust mit einem Südamerikaner zu quatschen. Das mach' ich dann einfach. Mit Telefon oder Handy klappt das nicht.“

Quelle: op-online.de

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