Weltneuheit in Frankfurt vorgestellt

Mein Haus ist mein Kraftwerk

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Oben: Zunächst galt das nur neun Meter breite Grundstück an der Speicherstraße als unbebaubar. Heute steht dort ein Meilenstein des umweltfreundlichen Wohnungsbaus. Links: In jeder Wohnung hängt ein interaktiver Bildschirm, mit dem die Mieter ihren Energieverbrauch kontrollieren und sich mit anderen Bewohnern vergleichen können. 

Frankfurt - Während die größten Industriestaaten immer wieder lediglich beschließen, weniger CO2 zu verbrauchen, lässt Frankfurt in Sachen Klimaschutz Taten sprechen: Am Westhafen ist nun das weltweit größte „Aktiv-Wohnhaus“ beziehbar. Das Besondere: Es erzeugt mehr Energie als seine Mieter verbrauchen. Von Sarah Neder

Nicht Autos, nicht Kühe, nicht Haarspray, sondern unsere Haushalte machen rund 40 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen aus. Mit Wärmedämmung und isolierten Fenstern versuchen Baufirmen, den Verbrauch zu reduzieren. Doch es geht noch umweltfreundlicher. Das zeigt das „Aktiv-Stadthaus“ der Aktienbaugesellschaft (ABG) Frankfurt Holding. Die 160 Meter lange und nur neun Meter breite Gebäude-Schlange trägt mehr als 1 300 Photovoltaikmodule unter der Fassade und auf dem Dach. Sie produzieren 300. 000 Kilowattstunden Solarstrom im Jahr. Auch der Aufzug des siebenstöckigen Wohnblocks fährt mit Sonnen-Power. Außerdem gewinnt das Haus Energie über die Abwasserkanalisation; der Überschuss wandert in einen Stromspeicher. Es spart also nicht nur Energie wie bei der Passiv-Bauweise, es produziert sogar mehr als dessen Bewohner verbrauchen.

Das sei in dieser Größe weltweit einzigartig, meint Barbara Hendricks, Bau- und Umweltministerin des Bundes, bei der offiziellen Eröffnung des Wohnschiffs im Gutleutviertel vor einigen Tagen. „Hier hat die Zukunft schon begonnen“, lobt Hendricks das Projekt, das zum Normalfall werden solle.

Das gelte auch für öffentliche Gebäude. Das „Aktiv-Stadthaus“ hat 74 Wohnungen mit einer Größe von 60 bis 120 Quadratmetern, die alle mit sparsamen Haushaltsgeräten ausgestattet sind. Die künftigen Bewohner zahlen durchschnittlich 13,50 Euro pro Quadratmeter – ein Budget an Strom- und Heizkosten inklusive.

Im Erdgeschoss stehen außerdem mehrere Elektroautos zum Carsharing bereit. Betankt werden sie mit überschüssigem Strom aus Eigenproduktion. Je nach Wohnungsgröße steht Mietern ein bestimmtes Kontingent an Energie zu Verfügung. Im Schnitt sind das 1 800 Kilowattstunden. Wer mehr verbraucht, zahlt drauf. Um das aber zu vermeiden, ist in jeder Wohnung ein interaktiver Bildschirm an der Wand installiert. Dort können Bewohner ihren Bedarf kontrollieren, sich aber auch mit den anderen Mietern vergleichen. Ein Ranking solle die Bewohner spielerisch zum Sparen bringen, erklärt Professor Manfred Hegger, Architekt des Pionierbaus.

"Earth Hour": Dunkelheit wirbt für den Klimaschutz

30 Wohnungen seien schon vermietet, gibt ABG-Geschäftsführer Frank Junker bekannt. Das „Aktiv-Stadthaus“ nennt er eine „revolutionäre Evolution“ und den nächsten konsequenten Schritt gegen den Klimawandel. Der Geschäftsführer zeigt sich bei der Eröffnung aber auch erleichtert, dass das Projekt, das insgesamt 23,8 Millionen Euro gekostet habe, überhaupt umgesetzt werden konnte. Denn das Grundstück galt wegen seiner geringen Tiefe und extremen Länge als unbebaubar. „Wir haben uns gefragt: Geht es, hat es Sinn?“, erinnert sich Junker. Es hatte. Am Freitag dieser Woche ziehen die ersten Mieter ein.

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann, gleichzeitig Aufsichtsratvorsitzender der ABG, findet, das „Aktiv-Stadthaus“ zeige, dass Ästhetik und Klimaschutz keine Gegensätze seien. Tatsächlich schmiegt sich das Gebäude mit seiner hölzernen Fassade und den gläsernen Balkonen wellenförmig an die benachbarte Architektur des Viertels an. Die Wohnungen sind großzügig geschnitten, die Räume dank der geringen Tiefe des Hauses vom Tageslicht geflutet.

Der erste Bau dieser Art, so Feldmann, sei ein kleiner, aber sehr wichtiger Schritt für den Klimaschutz. ABG-Chef Junker verspricht, dass es nicht bei dem einen Exemplar an der Speicherstraße bleiben soll. Die Baugesellschaft erhalte Anfragen aus ganz Europa, aber auch Korea, das größte Wohnhaus mit positiver Energiebilanz zu besichtigen.

Quelle: op-online.de

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