Wenn Beats verboten sind

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Tanzen auf dem Römer: Protest-Flashmob gegen das Feiertagsgesetz an Karfreitag.

Kein durch den Körper pochendes Beben, kein dröhnender Bass und scheinbar keine Beats, die den Takt vorgeben – und doch tanzt die Masse, versunken in Musik. Von Katharina Skalli

Sie hüpfen über den Asphalt, heben ihre Arme zum Auf und Ab der Töne, die für andere unhörbar sind, denn jeder Tänzer hört für sich. Dünne Kabel verraten: Die Musik kommt von ihren MP3-Playern. Der Flashmob an Karfreitag macht nicht wirklich Lärm auf dem Römerberg – und doch sind die Aufregung und der Ärger groß, die das Partyvolk an dem Tag auslösen.

Eigentlich tanzen sie nur gegen den Frankfurter Ordnungsdezernenten Volker Stein und sein hartes Durchgreifen in Bezug aufs österliche Tanzverbot. Gestört fühlen sich aber andere: Eine Prozession kroatische Katholiken, die aus der benachbarten Kirche zieht. Beschimpfungen und Beleidigungen habe es gegeben, heißt es später. Auf beiden Seiten. Ein Mann fühlt sich so gestört, dass er die Organisatoren der spontanen Versammlung, die Grüne Jugend Hessen, später anzeigt. Doch bis heute ist bei der Landtagsabgeordneten Sarah Sorge und den beiden Vorsitzenden der Grünen Jugend Hessen, Benjamin Weiß und Ouasima Chami kein Anwaltsschreiben eingetroffen. Dabei hatte der kroatische Anwalt Tomislav Cunovic gegen das „Wir tanzen gegen das Tanzverbot-Trio“ aus lauter Ärger Strafanzeige gestellt.

Das Tanzverbot greife unnötig die Freiheitsrechte auch nicht-religiöser Menschen an, schreibt die Grüne Jugend Hessen in einer Stellungnahme zu den Vorfällen am Karfreitag. „Die GJH ist der Ansicht, dass dieses Tanzverbot nicht mehr zeitgemäß ist und das Feiertagsgesetz einer Änderung bedarf. (…) Sofern die Tanzveranstaltung Gottesdienste oder andere religiöse Veranstaltungen nicht stören, sollten diese erlaubt werden“, heißt es weiter.

Doch zumindest Tomislav Cunovic fühlte sich in der Ausübung seiner Religion durch die tanzenden Masse und die angeblich pöbelnden Jugendlichen gestört. „Wir sind keine Atheisten-Bande. Es ist uns wichtig, dass die christliche Andacht und ähnliche Veranstaltungen nicht gestört werden“, sagt Weiß. „Die meisten Tanzveranstaltungen finden jedoch in geschlossenen Räumen statt.“

Konkrete Vorschläge, wie die Gesetzesänderung aussehen kann, gibt es noch nicht, aber der Flashmob sollte die Diskussion darüber in Gang setzen. Weiß: „Dass es ein Gesetz gibt, das an gewissen Tagen das Tanzen verbietet, ist gerade jungen Menschen kaum noch zu vermitteln.“ Mittlerweile hat sogar Volker Jung, Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) Stellung zum Tanzverbot bezogen: „Ich halte es nicht für nötig.“

Andere Städte nicht so streng wie Frankfurt 

Die Einhaltung christlicher Werte sei etwas Privates, das nicht vom Staat überwacht werden sollte, sagt Benjamin Weiß von der Grünen Jugend. „Wir sehen das als Einschnitt in die Freiheitsrechte.“ Das Gesetz von 1952 (eine neue Fassung gibt es seit 1971) sieht vor, dass an Feiertagen nicht getanzt wird. Auch sportliche Veranstaltungen sind untersagt.

Frankfurts Ordnungsdezernent Volker Stein hatte in diesem Jahr ein besonderes Augenmerk auf die Einhaltung des Gesetzes. Während in anderen Städten großzügig über die fast 50 Jahre alte Bestimmung hinweggesehen wurde, kontrollierten in Frankfurt Mitarbeiter der Stadt in 76 Discos und Clubs. Beamte der Stadtpolizei stellten dabei jedoch nur sieben Verstöße fest.

An anderer Stelle hatte das Osterfest einen noch traurigeren Ausgang. Im Club U60311 wurde ein Gast von den Türstehern so zusammengeschlagen, dass er Tage später im Krankenhaus an seinen Verletzungen im Hals- und Kopfbereich starb. Der Club wird geschlossen. Die Stadt Frankfurt hat den Vertrag mit dem Betreiber bereits gekündigt.

Auch an Pfingsten drohen Bußgelder

Nun fragt sich das Partyvolk, ob ihm an Pfingsten wieder Stubenarrest droht. Das Feiertagsgesetz entfaltet an den nahenden „stillen Tagen" erneut seine Wirkung. Ungeklärt ist noch, ob das Ordnungsamt mit voller Härte durchgreifen wird. Dem Ordnungsamt in Frankfurt liegen derzeit laut Pressesprecher Ralph Rohr noch keine konkreten Hinweise von geplanten Vergehen vor.

Deshalb habe es auch kein Rundschreiben an die Clubbesitzer wie an Ostern gegeben, dass das Tanzverbot einzuhalten sei. „Es wird keine Sonderstreifen geben", erklärt Rohr. „Es werden nur routinemäßig Kontrollen des Jugend- und Nichtraucherschutzes durchgeführt." Falls die Kontrolleure jedoch bei Verstößen gegen das Feiertagsgesetz fündig werden, drohe den Betreibern ein Bußgeld in Höhe von maximal 1000 Euro.

Es stehen also harte Zeiten für Partygänger an, die die Feiertage zum Tanzen genutzt haben. Und es bleibt spannend, welche Erfolge Petitionen oder politische Jugendorganisationen erzielen.

Quelle: op-online.de

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