Wenn Scheine angebrannt sind

Im Analysezentrum: Geldretter helfen Bürgern

Mainz - Die deutschen Geldretter kommen aus dem Rhein-Main-Gebiet. Aus Burkina Faso genau wie aus Castrop-Rauxel senden Menschen ihre mitunter völlig zerstörten Euro- oder D-Mark-Geldscheine ins Mainzer Analysezentrum. Von Axel Wölk 

In den weitaus meisten Fällen erhalten die Betroffenen ihr Vermögen zurück. An einem überdimensional großen Mikroskop sitzt Geldretter Frank Herzog. Regelmäßig hilft er Menschen aus aller Welt bei Schicksalsschlägen – wenigstens finanziell. Gerade analysiert er ein ganzes Bündel kaum noch als Geldscheine erkennbarer Euronoten. Die Katastrophe ereignete sich in Kroatien: Ein Reisebus wurde völlig überschwemmt. Der Laie denkt: Das Geld ist dahin. Fachmann Herzog winkt ab. Klarer Fall von Stockflecken durch das eingedrungene Wasser. Der Kroatien-Urlauber kann sich freuen. Er bekommt sein Bares in Höhe von mehr als 500 Euro auf Heller und Pfennig zurückgezahlt.

Niemand wird zurückgewiesen

Betrug sei die Ausnahme, erläutert Herzog. In vielen Fällen bekommen die Betroffenen sogar mehr Geld zurück, als sie beantragt hatten. Oft entdecke er bei der Analyse noch Banknoten, von denen deren Eigentümer gar nichts gewusst hatten. „27.000 Fälle haben wir im Jahr“, sagt der Leiter des Nationalen Analysezentrums der Bundesbank, Rainer Elm. Die meisten Vorfälle sind reine Routine. Innerhalb von nur wenigen Minuten haben die acht Geldretter die Echtheit überprüft. Das Geld wird erstattet und die beschädigten Banknoten aus dem Verkehr gezogen, damit sie den reibungslosen Fluss des Bargeldes nicht aufhalten. Was nicht jeder weiß: Wann auch immer jemand aus Versehen einen seiner Geldscheine verbrannt, geschreddert oder bis zur Unkenntlichkeit verwaschen hat, müssen die Geldretter der Bundesbank bei Anfrage auf den Plan treten. Kosten fallen für die Betroffenen nicht an. „Wir weisen niemanden zurück und erstatten jährlich über 30 Millionen Euro“, berichtet Elm. Fast 95 Prozent des annähernd vernichteten Geldes, das die Menschen einreichen, überweisen Elm und seine Mannschaft später wieder zurück.

Das Geld im Backofen

In eine Notlage geraten jedes Jahr weitaus mehr Bundesbürger als erwartet. Ein klassischer Fall: Ein Ehepaar, das in Urlaub fährt und seine gehorteten Ersparnisse in einer Keksdose aus Metall zum Schutz vor Einbrechern im Backofen versteckt. Kaum wieder zu Hause hat der Ehemann den für so einmalig gehaltenen Schutzort vergessen und schiebt ein Baguette in den E-Herd. Neben dem Tiefgefrorenen verkohlt das schöne liebe Geld. Für Herzog vom Arbeitsaufwand her ein gravierender Fall: „Schlimmer ist nur geschreddertes Geld.“ Da sitzen die Experten manchmal tagelang am wertvollen Bargeld und rekonstruieren mühsam Strukturen und Nummern der immer einzigartigen Noten.

Elm empfiehlt den Bürgern dringend: „Das Geld sollte immer so eingereicht werden, wie die Menschen es vorfinden. Im Backofen-Fall wäre die ganze Dose ideal.“ Ansonsten nähmen die Moneten noch mehr Schaden und im Zweifel müsste selbst Herzog die Flügel strecken. Das Geld ließe sich nicht mehr zweifelsfrei identifizieren und wäre für immer futsch. Interessanterweise besteht Geld überhaupt nicht aus Papier. Der Begriff Papiergeld ist insofern schlichtweg falsch. „Geld setzt sich aus Baumwolle zusammen“, erklärt Elm. Unter Hitze und beim Waschen schrumpfen die Noten – ganz wie Baumwollwäsche.

Ganze Mäusenester im Posteingang

Immer wieder werden nach Mainz auch ganze Mäusenester geschickt. Opa und Oma hatten auf dem Dachboden ihr Vermögen in einer Schachtel aufbewahrt. Die Kinder finden den Schatz Jahrzehnte später. Inzwischen haben Mäuse das Baumwoll-Geld als beliebtes Material zum Nestbau für sich entdeckt. Gelegentlich geht es auch in anderer Hinsicht nicht ganz appetitlich zu. Hunde verschlucken Bargeld, das im verdauten Zustand eingereicht wird. „Manchmal brauchen unsere Leute eine ganze Menge Widerstandsfähigkeit“, berichtet Elm. Jeder Arbeitsplatz der Geldretter ist mit einem Mikroskop und einem Belüftungsabzug ausgestattet. In Zeiten von Internetwährung, Kreditkarten und Blitzüberweisungen ist gedrucktes Geld keineswegs passé. „Die Bargeldmenge wächst jedes Jahr“, stellt Elm lapidar fest. Immer noch ist vielen Bundesbürgern der Gang zur Bank suspekt. Unter Kopfkissen, auf Dachböden, selbst unter Sitzstühlen deponieren sie ihr Vermögen. Nicht immer stammt das Geld jedoch aus legalen Quellen. „Gelegentlich kommen wir Tätern auf die Spur“, freut sich Gruppenleiter Michael Erbert vom Nationalen Analysezentrum. Auf diese Weise decken die Mainzer beispielsweise auch manchen Fall von Geldwäsche auf.

„Unsere Geldretter haben detektivisches Gespür“, verdeutlicht Elm. Sie verfügten über ein feinmechanisches Grundgeschick und könnten mit Pinzette ebenso wie mit Mikroskop umgehen. Einem Mordfall sind die Geldretter zwar noch nie auf die Schliche gekommen. Doch sie prüfen die Angaben, die die Betroffenen zu den annähernd zerstörten Geldscheinen dazuschreiben. Klingt es widersprüchlich oder verdächtig schauen die Bundesbanker akribisch hin. Auch Bankräuber wenden sich immer wieder an die Mainzer. Denn wenn der Tresor einer Bank gesprengt wird, fließt sofort Farbe aus und macht die Banknoten unbrauchbar. Die Verbrecher sind mitunter so naiv, sich vom Analysezentrum Hilfe zu erhoffen. Doch die spüren den schweren Raub sofort auf und schalten die Polizei ein. Die weit überwiegende Mehrheit der Betroffenen sind aber unbescholtene Menschen. Inzwischen kennen immer mehr Bundesbürger die Mainzer. Von 2012 bis 2014 schoss die Zahl der eingereichten Fälle von 21.000 auf 27.000 nach oben.

Quelle: op-online.de

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