Wenn Turnvater Jahn das gewusst hätte

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Heiner Henze, Chef-Organisator des Internationalen Deutschen Turnfestes, präsentiert ein Plakat mit „Struwwel“, dem Maskottchen der Veranstaltung.

Frankfurt - Ein Sport- und Volksfest für Hunderttausende Menschen verspricht vom kommenden Wochenende an das Internationale Deutsche Turnfest in Frankfurt zu werden. Zu dem einwöchigen Programm erwartet der Deutsche Turnerbund (DTB) als Veranstalter allein 65 000 aktive Teilnehmer. Er spricht von der größten Breitensportveranstaltung der Welt.

Unter dem Motto „Wir schlagen Brücken“ sind bis zum 5. Juni über 1000 Wettkämpfe geplant. Unter anderem tritt mehrmals Turnstar Fabian Hambüchen an.

Das Fest wird am Samstag (30. Mai) mit einer Feierstunde in der Paulskirche, einem Turner-Umzug durch die Innenstadt und einer groß angelegten Feier am Mainufer eröffnet. Bei der spektakulären Eröffnungsschau auf und entlang des Mains rechnen die Veranstalter am Abend mit 200 000 bis 400 000 Besuchern. Die größte Attraktion, eine 40 Meter hohe und 200 Meter breite Wasserwand als Projektionsfläche, wird auch an den übrigen Abenden zu sehen sein.

Die „FlussFestMeile“ am Main soll zum Treffpunkt für Besucher und Turner werden. Zur Abschlussfeier am 5. Juni hoffen die Organisatoren auf über 50 000 Besucher in der Commerzbank-Arena, zugesagt hat bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Der Deutsche Turnerbund investiert in das einwöchige Programm knapp zwölf Millionen Euro, größtenteils aus Beiträgen der Teilnehmer. Die Stadt Frankfurt stellt die Veranstaltungsorte und Leistungen im Gegenwert von 24 Millionen Euro bereit.

Nähere Informationen gibt‘s auch unter http://www.turnfest.de.

Ort der meisten Veranstaltungen und Wettkämpfe sind das Frankfurter Messegelände sowie die Ballsport-, Jahrhundert-, Fest- und Eissporthalle. Neben zahlreichen Deutschen Meisterschaften und der Champions Trophy mit der Turn-Weltelite steht vor allem der Breitensport im Mittelpunkt des Deutschen Turnfestes.

Die Nahverkehrsunternehmen im Rhein-Main-Verkehrsverbund verstärken in der Zeit des Festes das Angebot an S- und U-Bahnen. Für die Teilnehmer gibt es Kombi-Tickets für alle Busse und Bahnen.

Frankfurt hat eine lange Turnertradition. Einst floh hier Turnvater Jahn vor aufgebrachten Bürgern durch die Hintertür einer Kneipe. Er hatte sich ihren Zorn 1848 als konservativer Abgeordneter des Paulskirchen-Parlamentes zugezogen. 161 Jahre sind seitdem vergangen.

Zwar sitzt auch in der Turnerfamilie das Geld nicht mehr so locker, weshalb 15 000 Sportler weniger kommen als beim letzten Turnfest 2005 in Berlin. Chef-Organisator Heiner Henze erklärt dies mit der Wirtschaftskrise. Manche Familie sei knapp bei Kasse. Dies habe besonders im Mannschaftssport zu Absagen geführt. Doch der Deutsche Turnerbund (DTB) spricht weiter in Superlativen von seinem Turnfest.

Als Maßstab für die Stimmung hat sich der Deutsche Turnerbund (DTB) die Fußball-WM 2006 gewählt. Damals war das Mainufer ebenfalls bunter und internationaler Treffpunkt. Henze, einst Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees, verspricht: „Wir versuchen, ganz Frankfurt mit Leben zu erwecken.“ Das blonde Maskottchen Struwwel soll jedermann zu Leibesübungen verführen. DTB-Präsident Rainer Brechtken sagt: „Das Entscheidende ist: Mitmachen!“

Das Programm umfasst Wettkämpfe von der Champions Trophy der Weltelite mit dem hessischen Turnstar Fabian Hambüchen bis zum Wertungsmusizieren der Vereinskapellen. Für Brechtken hat die Veranstaltung auch politische Bedeutung: Er will für ein solidarisches Sportsystem werben, in dem wirtschaftliche starke Sparten andere, die schwächer dastehen, unterstützen. Die Vereine sollen darum mit Seminaren und Informationen fit für die Konkurrenz mit kommerziellen Sportstudios gemacht werden.

Den größten organisatorischen Kraftakt haben Heiner Henze und sein 50-köpfiges Team bei Eröffnung des Festes schon hinter sich. Rund 40 000 Gäste werden in 150 Schulen der Region schlafen. Das sorgte für doppelten Ärger: Erst galt es, genügend Quartiere zu finden. Nun aber kommen weniger Teilnehmer als erwartet und der Unterricht fällt in vielen Schulen aus, obwohl dort niemand übernachtet. Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) verfügte eine Betreuungsgarantie für Schüler, um verstimmte Eltern zu beruhigen.

Insgesamt erhoft sich die Bankenstadt Frankfurt in der Finanzkrise nun vor allem einen Imagegewinn und fröhliche Bilder - so wie 1983, als das Deutsche Turnfest zuletzt in Frankfurt zu Gast war. Auch 1880, 1908 und 1948 hatte sich die Turnerfamilie in Frankfurt getroffen. Einblick in diese Geschichte gibt eine kleine Ausstellung in der Paulskirche.

Das Deutsche Turnfest wurde im Jahre 1860 aus der Taufe gehoben. Zur Premiere trafen sich die Turner in Coburg. Seither findet die Großveranstaltung in wechselnden Städten Deutschlands statt. Frankfurt ist bei der 41. Auflage vom 30. Mai bis 5. Juni zum fünften Mal Gastgeber. Die Rekordbeteiligung gab es 1923 in München mit 197 510 Teilnehmern, darunter waren erstmals auch Frauen.

In den Anfangsjahren war das Turnfest auch eine politische Veranstaltung, sollten doch alle Teilnehmer im Sinne von Turnvater Jahn nach der Einheit Deutschlands streben. Mit der Reichsgründung 1871 verlor dieser Aspekt seine Bedeutung.

Parallel zum Deutschen Turnfest fand zwischen 1954 und 1987 in der DDR achtmal das Deutsche Turn- und Sportfest statt. Ausrichter der seit 1990 im Vier-Jahres-Rhythmus stattfindenden Veranstaltung sind traditionsgemäß der Deutsche Turner-Bund sowie die jeweilige Gastgeber-Stadt, die in der Regel etwa zwei Drittel der Gesamtkosten trägt.

dpa

Quelle: op-online.de

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