Werde ich jemals wieder laufen?

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Ende einer Motorradfahrt. Fast ein Drittel aller Querschnittgelähmten hat einen schweren Verkehrsunfall hinter sich. In den vergangenen Jahren hat die moderne Medizin allerdings dafür gesorgt, dass die Chancen, dem Rollstuhl noch mal vom Sitz zu springen, gestiegen sind.

Frankfurt - Dr. Klaus Schnake ist Chirurg, Unfallchirurg, Orthopäde, Sportmediziner und Chirotherapeut. Der leitende Oberarzt im neuen „Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie und Neurotraumatologie“ arbeitet seit Anfang 2008 in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) in Frankfurt.  Von Michael Eschenauer

Er sagt: „Ich mache zirka 290 Rückenoperationen pro Jahr. Das heißt im Grunde eine OP pro Arbeitstag. Ich bin hier der Idiot für den Rücken, ich hab‘ das drauf.“

Es ist nicht sicher, ob dieses Zitat Herrn Schnake erfreut. Aber es ist wichtig. Denn es ist Teil der Antwort auf die Frage vieler seiner Patienten. Und die lautet: Werde ich jemals wieder laufen oder ein normales Leben führen? Es wird Sommer in Deutschland. Zeit, das Motorrad aus der Garage zu rollen, mit dem Mountainbike über Stock und Stein zu brettern, Inliner-Schuhe anzuschnallen oder mit dem Drachenflieger aufzusteigen. Es ist die Zeit der Rückenverletzungen. Allein am Pfingstwochenende sind auf Hessens Straßen vier Menschen bei Motorradunfällen getötet worden.

Sie reparieren Rücken: Dr. Frank Kandziora, Chefarzt des Zentrums für Wirbelsäulenchirurgie und Neurotraumatologie (links), und der Leitende Oberarzt des Zentrums, Dr. Klaus Schnake.

Mit dem Bike in den Taunus, mit dem Heli zurück.“ Der zynische Spruch hat einen tragischen Hintergrund: Jedes Jahr verletzen sich bundesweit 1 800 bis 1 900 Menschen so stark am Rücken, dass sie teilweise oder komplett gelähmt bleiben. Zwölf Prozent ereilt dieses Schicksal bei der Arbeit, 29 Prozent im Verkehr, vier Prozent beim Sport, drei Prozent beim Baden. Bei vier Prozent war ein Suizidversuch Auslöser, bei einem Prozent ein Tötungsversuch, bei 32 Prozent eine Erkrankung (Liste nicht vollständig). 30 Prozent der Opfer sind Frauen, 70 Prozent Männer, ein Prozent Kinder.

Schnake sieht insgesamt eine Verbesserung ihrer Situation. „Früher bedeutete eine Verletzung der Wirbelsäule oft eine Tragödie und den Verlust eines erheblichen Teils der Mobilität. Die Patienten lagen wochenlang in der Gipsschale. Zurück blieben oft Schmerzen und Fehlstellungen. Dies hat sich geändert.“ Die Chancen, dem Rollstuhl zu entgehen, haben sich gebessert. Es gibt neue Operationstechniken. Die Mediziner haben bessere Möglichkeiten, beschädigte Teile der Wirbelsäule unmittelbar nach der Verletzung zu stabilisieren. Dies bedeutet, dass die Phase der Rehabilitation viel früher einsetzen kann. Damit steigen die Chancen, Beeinträchtigungen wie Lähmungen ganz oder zumindest teilweise rückgängig zu machen. „Im Vergleich mit einer Zeit vor fünf bis zehn Jahren verläuft die Rekonvaleszenz bei der Hälfte der Patienten deutlich besser“, sagt Schnake. Dies gelte auch dann, wenn das Rückenmark verletzt sei. Schnake darf das sagen, denn die BGU zählt beim Rücken-Reparieren zur Spitzen-Liga. Hier werden pro Jahr 1 000 Operationen an der Wirbelsäule durchgeführt. Vor Einrichtung des „Zentrums für Wirbelsäulenchirurgie“ waren es 650. Laut Statistik von 2008 litten 137 Patienten unter unfall- oder krankheitsbedingten Verletzungen beziehungsweise Schädigungen des Rückenmarks. Am Standort Friedberger Landstraße wird Erfahrung bergeweise angehäuft. Der flapsige Ruf, der „Idiot für den Rücken“ zu sein, adelt den Träger.

Die Verletzung des Rückenmarks, also der für das Körpergefühl und die Steuerung der Muskulatur zuständigen Nervenbahnen, bildet den gefährlicheren Teil der Rückenverletzungen und macht zehn Prozent dieser Fälle aus. Von diesen erleidet ein knappes Drittel eine komplette Querschnittslähmung mit vollkommen durchtrenntem Rückenmark. Bei zwei Dritteln spricht man dagegen von einer inkompletten Querschittlähmung. Die Nervenbahnen wurden nur teilweise gekappt oder die Verletzung der Wirbelsäule hat sie gequetscht. Hier kann die moderne Medizin immer häufiger Nervengewebe retten.

Bei den „Kompletten“ aber ist die Leitung tot. Die Chancen, jemals wieder den Rollstuhl zu verlassen, stehen für sie weiterhin schlecht. „Die Möglichkeiten sind begrenzt“, so Schnake. Es gebe bislang keine verlässliche Strategie, Nervenzellen nachwachsen zu lassen. Es würden zwar immer wieder neue, revolutionäre Medikamente im fünfstelligen Dollarbereich angepriesen. Man sei aber noch weit entfernt von einer seriösen Therapie. Auch die Hoffnung der Mediziner, in 20 bis 30 Jahren „erhebliche Fortschritte“ zu machen, bezieht sich in erster Linie auf die „Inkompletten“. Der Fortschritt werde sich weniger auf chirurgische Techniken als auf neue Medikamente und die Stammzell-Therapie beziehen, glaubt Schnake.

Maximal sechs Stunden hätten die Mediziner nach einem Unfall Zeit, um geschädigte Nerven zu retten, sagt er. Spätestens eine Stunde nach seiner Einlieferung in eine Klinik müsse für jeden Patienten mit Verdacht auf Querschnittslähmung eine genaue Diagnose vorliegen, so dass er umgehend operiert werden kann. Der Hinweis führt den Rückenchirurgen direkt zu den Therapie-Chancen jenseits der Wunderheilung. Ausschlaggebend sei, diese Überzeugung vertritt auch Prof. Dr. Reinhard Hoffmann, Ärztlicher Direktor der BGU, die Beantwortung von zwei Fragen. Erstens: Wie hoch ist die Kompetenz des Krankenhauses? Zweitens: Wie gut funktioniert die Rettungskette?

Von großer Bedeutung ist ein durchgängiges, interdisziplinäres Behandlungskonzept durch eng zusammenarbeitende Expertenteams“, sagt Hoffmann. Er betont die gute Kooperation mit dem Klinikum Offenbach auf diesem Gebiet. Im „BGU-Wirbelsäulenzentrum“ arbeite seit Anfang 2008 eine Gruppe aus neun Spitzenmedizinern. Vier davon kommen direkt von der Berliner Charité. „Wir haben hier eine Fachabteilung, bestehend aus Unfallchirurgen, Orthopäden, Chirurgen und Neurochirurgen. Das ist deutschlandweit wahrscheinlich einzigartig“, so Hoffmann.

„Kathastrophale Therapieverläufe“

Der Unterschied zu kleineren Krankenhäusern sei eklatant: Die präsentierten zwar ebenfalls oft stolz ihren „Spezialisten für Wirbelsäulenverletzungen“, doch dieser sehe die Schadensbilder nur gelegentlich, kritisieren Hoffmann und Schnake. Die Auswirkungen können fatal sein. Denn wenn eingespielte Abläufe fehlten drohten unabgestimmte Behandlungen, ein Nebeneinanderher diverser Abteilungen und Spezialisten. „Katastrophale Therapieverläufe“ nennt Hoffmann das. Nach seinen Angaben verfügen im Rhein-Main-Gebiet nur die Universitätsklinik Frankfurt und das Josefs-Hospital in Wiesbaden über eine mit dem BGU vergleichbare Kompetenz in Sachen Rückenverletzungen.

Defizite sehen Schnake und Hoffmann auf Seiten der Teams auf den Rettungswagen. Immer wieder komme es vor, dass hinsichtlich der Auswahl der geeigneten Klinik Fehlentscheidungen getroffen würden „Bei einer Rückenverletzung entscheidet nicht die Nähe der Klinik, sondern die Frage, ob dies ihr Spezialgebiet ist“, so Hoffmann.

Quelle: op-online.de

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