Wie werden Sie stimmen?

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Abgeordnete aus der Region zu ihrem Votum im Bundestag über Embryo-Gentests.

Offenbach - Morgen fällt die Entscheidung: Soll der Bundestag Paaren mit schweren Vorerkrankungen die Gen-Diagnose von künstlich erzeugten Embryonen erlauben? Und so den Weg zum Kind ebenen? Oder geht medizinischer Fortschritt hier zu weit? Von Peter Schulte-Holtey 

Wir fragten bei Bundestagsabgeordneten aus der Region nach: Wie werden Sie sich entscheiden - bei der Präimplantationsdiagnostik (PID)?

Uta Zapf (SPD/Offenbach):

Uta Zapf

„Es geht um die die uns vom Bundesverfassungsgericht auferlegte Klarstellung, ob die PID mit dem Embryonenschutzgesetz vereinbar ist. Diese Entscheidung müssen wir in Abwägung der schwierigen Lage mit erblichen Krankheiten belasteter Paare, die sich Kinder wünschen, und sachlichen Erwägungen sowie der Frage nach den gesellschaftlichen Auswirkungen der Entscheidung fällen. Diese Abwägung ist für mich zugunsten eines Verbots der PID ausgefallen. Unter anderem entscheidend sind für mich hierbei zwei Gesichtspunkte: Zum einen stellt die PID eine nicht zu unterschätzende Belastung für Paare – und in erster Linie für die Frauen - dar. Sie müssen sich einer künstlichen Befruchtung (IVF) und aller damit einhergehenden körperlichen und seelischen Folgen aussetzen – auch wenn sie eigentlich auf natürlichem Wege schwanger werden könnten. Denn die IVF ist Voraussetzung für die PID. Die Zahl der nach dieser Prozedur geborenen und überlebenden Kinder liegt bei weit unter 20 Pozent. Ist das verhältnismäßig? Ich meine Nein. Zum anderen sehe ich die Gefahr, dass die PID zu einer Selektion von Embryonen führen kann – was Berichte aus anderen Ländern, die die PID zunächst in engen Grenzen zugelassen haben, bestätigen. Wer will sich anmaßen zu entscheiden, was lebenswertes Leben ist und was nicht. Die Eltern, die Ärzte, Ethikkommissionen?“

Dr. Heinrich L. Kolb (FDP/Odenwaldkreis):

Dr. Heinrich L. Kolb

„Wir sprechen bei der Frage, ob mit Hilfe künstlicher Befruchtung entstandene Embryonen per Gentest auf Krankheiten untersucht werden dürfen, über eine ethisch sehr anspruchsvolle Frage, in der sich mehrere hochrangige Güter wie das Leben und die körperliche Unversehrtheit gegenüberstehen. Eines ist dabei unstreitig: Wir brauchen eine klare gesetzliche Regelung, ob und in welchen Fällen die Präimplantationsdiagnostik zulässig ist und welche Verfahren angewendet werden dürfen. Derzeit gibt es dazu drei fraktionsübergreifende Gesetzentwürfe. Ich selbst werde mich dem Gruppenantrag, der u.a. auf meine Fraktionskollegin Ulrike Flach zurückgeht, anschließen. Er entspricht meinen Anforderungen, die ich in einer verantwortlichen Abwägung nach bestem Wissen und Gewissen getroffen habe. Bei der Frage der Zulassung der PID geht es darum, Paaren mit genetischen Dispositionen für schwere Krankheiten zu helfen, ein gesundes und lebensfähiges Kind zu bekommen. Hier geht es um Menschen, die sich sehnlichst ein Kind wünschen, aber bereits eine Fehl- oder Totgeburt erlebt haben, in deren Familien es schwere Krankheiten gibt und die ansonsten kein Kind bekommen würden oder es später abtreiben müssten, wenn sich eine Erkrankung herausstellt. In dem Gesetzentwurf, den ich unterstütze, kommen dafür nur diejenigen Paare in Frage, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen und die eine genetische Disposition für eine schwere Krankheit darlegen, die zu einer Fehl- oder Totgeburt führt. Dabei soll jeder einzelne Fall von einer interdisziplinären Ethikkommission geprüft werden, deren Zustimmung zwingend notwendig ist. Der Personenkreis wird sich damit auf wenige hundert Paare im Jahr beschränken.“

Peter Wichtel (CDU/Offenbach):

Peter Wichtel

„Nicht zuletzt die kontroverse Debatte auf dem Bundesparteitag der CDU in Karlsruhe Ende des vergangenen Jahres hat verdeutlicht, dass sowohl Befürworter als auch Gegner des medizinischen Verfahrens durchaus plausible Argumente aufweisen können. Unabhängig von der anhaltenden Diskussion habe ich mir in der Frage der Präimplantationsdiagnostik bereits ein eigenes Urteil gebildet und mich festgelegt. Für mich ist die Präimplantationsdiagnostik (PID) nicht mit meinem christlichen Verständnis vom Menschen und auch nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Ich werde in der Abstimmung am 7. Juli im Bundestag daher für ein Verbot der genetischen Untersuchung an Embryonen stimmen. Der Wunsch von Paaren nach einem gesunden Kind ist verständlich und verdient Respekt. Gerade Eltern, die schon Tod- und Fehlgeburten erleiden mussten oder durch die Sorge um ein erkranktes oder behindertes Kind bis an die Grenzen belastet sind, brauchen Unterstützung, Hilfe und Beratung. Die PID ist dafür jedoch nicht der richtige Weg. Die Auswahl von Embryonen nach dem Kriterium der genetischen Belastung verletzt den Grundsatz, nach dem jedes Leben unabhängig von seiner Gesundheit oder Leistungsfähigkeit den gleichen Schutz verdient.

Die Einführung einer Technik, die nur darauf abzielt, genetisch belastete Embryonen auszusortieren, konterkariert das Verbot der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen (Art. 3 Abs. 3 Grundgesetz). Hinzu kommt, dass das Verfahren der In-Vitro-Fertilisation für die betroffenen Frauen körperlich und emotional sehr belastend und mit Risiken verbunden ist. Zudem kommt es nach dem Verfahren nur circa in jedem fünften Fall überhaupt zur Geburt eines Kindes. Darüber hinaus würde die bisherige Regelung des Embryonenschutzgesetzes, nach der zum Herbeiführen einer Schwangerschaft nur drei Embryonen hergestellt werden dürfen, auch bei einer begrenzten Zulassung der PID aufgehoben und es würden überzählige Embryonen geschaffen. Nach reiflicher Überlegung bin ich daher zu dem Schluss gekommen, dass diese Gesichtspunkte sowie die unabsehbaren Folgen für die Gesellschaft einer - auch noch so begrenzten - Freigabe der PID entgegenstehen.“

Werner Dreibus (Linke/Main-Kinzig-Kreis):

„Ich sehe natürlich, dass es Paare gibt, die auch im Licht ihrer eigenen Erkrankung den drängenden Wunsch verspüren, dieses Schicksal bei ihrem Kind auszuschließen. Wir müssen aber bei der Gesetzgebung nicht nur individuelle Wünsche, sondern auch ihre gesellschaftlichen Auswirkungen betrachten. Mit der Ermöglichung einer gesetzlich legitimierten Selektion vor Beginn der Schwangerschaft würden wir unsere bisherigen Grundwerte aufgeben. Die Auswahl nach „lebenswertem“ und „nicht lebenswertem“ Leben verletzt die Menschenwürdegarantie nach Artikel 1 des Grundgesetzes. Daher wurde beispielsweise 1995 bei der Reform des § 218 StGB ein Schwangerschaftsabbruch allein aufgrund einer Behinderung oder Erkrankung des Kindes verboten. Viele Erbkrankheiten lassen sich heute bereits gut behandeln – und viele Betroffene, die mit einer Krankheit oder Behinderung leben, die mittels PID „aussortiert“ werden soll, empfinden dieses Verfahren als Diskriminierung und Stigmatisierung. Die PID würde nicht das Selbstbestimmungsrecht der Frau befördern, sondern vor allem einer reproduktionsmedizinischen Industrie Tür und Tor öffnen, für die die Notlage der betroffenen Frauen nur Mittel zum Profitzweck ist. Alle Versuche, die PID begrenzt zu erlauben, öffnen damit Grenzen und schaffen Grauzonen. Eine Abgrenzung zwischen „ethischen“ und „unethischen“ Gründen für PID ist dann nicht mehr möglich. Aus diesen Überlegungen heraus werde ich aus ethischen Gründen für die Beibehaltung des Verbots der Präimplantationsdiagnostik stimmen.“

Daniela Wagner (Grüne/Darmstadt):

Daniela Wagner

„Die Entscheidung über die eingeschränkte Zulassung oder den absoluten Verbot der PID ist wahrlich keine leichte. Bei der Regulierung der PID müssen nicht nur die rechtlichen Grundsätze der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch die ethischen Fragen und nicht zuletzt die emotionalen Belastungen der betroffenen Menschen in Erwägung gezogen werden. Die öffentliche Debatte und die vorliegenden Gesetzentwürfe haben diese Tatsache unterstrichen. Ich persönlich befürworte die Durchführung einer PID unter strengen rechtlichen Bedingungen. Nach dem Gesetzentwurf der Abgeordneten Jerzy Montag, Peter Hintze und Dr. Carola Reimann, den ich unterstütze, dürfen Eltern eine PID durchführen lassen, wenn auf Grund ihrer erblichen Vorbelastung die hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass das Kind ebenfalls eine schwerwiegende Erbkrankheit aufweist. Außerdem sollen genetisch vorbelastete Mütter und Väter bei denen die hohe Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt oder Totgeburt besteht, die Möglichkeit erhalten eine PID durchführen zu lassen. Die PID-Untersuchungen sollen nur in einem hierzu autorisierten Zentrum durchgeführt werden, und zwar erst nach einer vorausgehenden medizinischen und psychosozialen Beratung und Aufklärung. Nur so kann gewährleistet werden, dass Paare eine informierte und für ihre Situation angemessene Entscheidung treffen.“

Patricia Lips (CDU/Kreis Offenbach/Dieburg/Odenwald):

Patricia Lips

„Ich werde mich für ein Verbot der PID aussprechen. Dabei bin ich mir der Situation betroffener Eltern durchaus bewusst. Vergleichbare Situationen durchleben jedoch auch Eltern, die auf natürlichem Wege Kinder bekommen. Der soziale Druck, bei künstlicher Befruchtung dann quasi nur „gesunde“ Kinder haben zu dürfen, würde steigen. Gleichzeitig bleiben Zweifel, inwieweit Eingrenzungen auf besonders schwere zu erwartende Defekte einzuhalten sind. Am Ende ist es womöglich doch der sprichwörtliche Fuß in der Tür, der gesetzlich erlaubte Vorentscheidungen zu „lebenswertem und –unwertem Leben“ in einem frühen Stadium zulässt und die Tür immer weiter öffnet. In Ländern, in welchen die PID zulässig ist, zeigen sich bereits Ausweitungen der Indikationen. Hinzu kommt, dass die Diagnostik und Heilung von Krankheiten in einem hohen Maße zunimmt. Krankheiten, die heute noch für unheilbar oder schwer heilbar gelten und damit für eine Entscheidung gegen das Leben sprechen, sind in Jahren oder Jahrzehnten womöglich beherrschbar. Damit wird eine Abgrenzung aufgrund einer prognostizierten Lebenserwartung in meinen Augen auch vielfach willkürlich.“

Dr. Sascha Raabe (SPD/Main-Kinzig-Kreis):

Dr. Sascha Raabe

„Seit langem setze ich mich als Politiker und Katholik mit dem Thema PID auseinander. Der Staat hat eine besondere Verantwortung für den Schutz geborenen und ungeborenen Lebens. Dieser Verantwortung stelle ich mich. Dabei bezieht sich der zu achtende Schutz zum einen auf den ungeborenen Embryo. Zum anderen gilt es Frauen vor schweren physischen wie seelischen Belastungen bei einer möglichen Spätabtreibung oder einer lebenslangen Intensivbetreuung eines schwerstbehinderten Kindes zu schützen. In beiden Fällen ist es eine Entscheidung des Gewissens. Außer Frage steht für mich, dass ein schwerstbehindertes Kind genauso liebens- und lebenswert wie ein nichtbehindertes Kind ist. Viele Paare, die gerne Kinder bekommen möchten, aber genetisch vorbelastet sind, befinden sich in einem Konflikt. Ihren Wunsch nach einem eigenen, gesunden Kind müssen sie gegenüber dem Risiko einer Schwangerschaft und möglichen Lebensrisiken für das Kind, verursacht durch schwere Krankheit, gegeneinander abwägen. Eine Entscheidung, die nicht leicht fällt und eine hohe Belastung für das Paar darstellt. Gerade im Vergleich zur extrem problematischen Spätabtreibung stellt für mich die PID eine Chance dar ein kleinstmögliches Risiko für Kind und Mutter einzugehen. Eine Schlüsselfrage der PID liegt in der Beantwortung der Frage, wann Leben entsteht. Für mich ist die Beantwortung schwierig. Wenn ich aber abwägen soll, ob einem bereits im Mutterleib heranwachsenden Embryo durch die Möglichkeit der Spätabtreibung die Chance auf Leben genommen wird oder ob eine in einem Reagenzglas befruchtete Zelle nicht in den Mutterleib eingesetzt wird, dann halte ich zweites für ethisch vertretbarer. Daher bin ich der Meinung, dass die PID in Ausnahmefällen zulässig sein soll.“

Quelle: op-online.de

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