„Wie ferngesteuert“

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„Ich habe dabei wohl an meine Mutter gedacht“: Der wegen der Tötung seines eigenen Vaters angeklagte Rasit Y. (r.) wird im Landgericht in Darmstadt in den Verhandlungssaal geführt. Er soll in Obertshausen seinen schlafenden Vater mit Messerstichen umgebracht haben. Dieser hatte im Jahr 2003 seine Ehefrau, die Mutter des Angeklagten, getötet und war seit Sommer 2008 wieder auf freiem Fuß.

Darmstadt - Verlobung, Hochzeit, ein neues Auto und ein neues Haus. Für das Jahr 2009 hatte sich Rasit Y. einiges vorgenommen. Der 19-Jährige mit türkischen Wurzeln wollte sich zudem um einen Ausbildungsplatz kümmern. Von Jörn Polzin

Doch dann kamen die Ereignisse in der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 2008, die nicht nur seine Pläne über den Haufen warfen, sondern sein gesamtes Leben beeinflussen werden.  Rasit Y., soll in jener Nacht in Obertshausen seinen 39-jährigen Vater niedergestochen haben, der 2003 in der selben Wohnung seine Mutter getötet hatte. Der Vater des Angeklagten war dafür zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren wegen Totschlags verurteilt worden. Im Sommer 2008 war er vorzeitig wieder freigekommen.

Seit gestern muss sich sein Sohn vor dem Landgericht Darmstadt für die ihm zur Last gelegte Tat verantworten. Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautet auf Mord aus Heimtücke.

An der Schuld des Angeklagten, der in Untersuchungshaft in Wiesbaden sitzt, gibt es keine Zweifel. „Ich habe mich ins Bett gelegt, war aber so aufgewühlt, dass ich nicht schlafen konnte. Daraufhin habe ich ein Küchenmesser genommen und auf meinen Vater eingestochen“,erzählt Rasit Y. mit zittriger Stimme. Er schlief im selben Zimmer wie der Vater, nur durch einen Schrank getrennt.

Immer wieder wird der junge Mann von Richter Thomas Sagebiel aufgefordert, lauter und deutlicher zu sprechen. Der 19-Jährige scheint zu resignieren, als er detailliert über den Vorfall ausgefragt wird. Nur bruchstückhaft kann er den Vorgang rekonstruieren. Kleinlaut erzählt Rasit Y., wie er das Messer in den Hals seines schlafenden Vaters rammte und es dort stecken ließ. „Es ging alles so schnell, ich war wie ferngesteuert.“

Nach dem sich sein Vater blutüberströmt und mit letzter Kraft erhoben hatte, habe er das Opfer mit Schlägen und Tritten niedergestreckt und gerufen: „Warum hast du das meiner Mutter angetan?“ Letztlich verblutete der Vater an der Verletzung der Halsschlagader

Auf die Frage, was er dabei gefühlt habe, reagiert Rasit Y. zögerlich. „Eigentlich habe ich nichts gefühlt“,stammelt er. Nach der grausamen Tat habe er zunächst regungslos verharrt und am ganzen Körper gezittert, ehe er die Polizei alarmierte und seine Freundin informierte. Es sei eine Kurzschlusshandlung gewesen, Hass auf seinen Vater habe er dabei nicht empfunden. „Ich habe ihn geliebt und hatte mit ihm schon die Zukunft geplant“, sagt Rasit Y.

Er habe ihn während dessen Haft regelmäßig besucht; auch nach der Entlassung sei das Verhältnis innig gewesen. Rasit Y. zog sogar wieder in die elterliche Wohnung, nachdem er nach der Tat des Vaters bei Verwandten untergekommen war. „Wir haben nie gestritten und viel zusammen unternommen“, sagt der junge Mann, der allerdings zugab, in der Vergangenheit häufig von seinem Vater verprügelt worden zu sein.

Vielmehr hätten den Angeklagten Schuldvorwürfe geplagt, den Mord an seiner Mutter nicht verhindert zu haben. „Dafür sind Sie nicht verantwortlich, Sie hätten es nicht ändern können“, betont Richter Sagebiel.

Das Urteil wird voraussichtlich am 20. Mai fallen.

Rasit Y. verfiel jedoch in Depressionen, bekam Medikamente und begann eine Verhaltenstherapie. Kurz vor der Tat im Dezember habe er die Arzneien allerdings abgesetzt, berichtet der Angeklagte, der wegen gefährlicher Körperverletzung schon mal vor Gericht stand. Damals hatte er mit seinem Cousin zusammen einen anderen Jugendlichen verprügelt.

Auf die Frage, warum er trotz des angeblich guten Vater-Sohn-Verhältnisses zugestochen habe, findet Rasit Y. keine klare Antwort. „Ich habe dabei wohl an meine Mutter gedacht.“

Dem Hauptschulabsolventen droht jetzt eine längere Haftstrafe. Für den Prozess sind insgesamt vier Verhandlungstage angesetzt.

Quelle: op-online.de

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