Borgmann-Inszenierung weckt Eindruck von Beliebigkeit

„Warten auf Godot“ im Schauspiel als Assoziationsmaschine

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Jungs, die gern mit Farbe spritzen: Samuel Simon, Max Mayer, Isaak Dentler und Heiko Raulin (von links) in der eigensinnigen Frankfurter Inszenierung von „Warten auf Godot“.

Frankfurt – Die meisten Inszenierungen von „Warten auf Godot“ gleichen sich. Am Frankfurter Schauspiel versucht Regisseur Robert Borgmann was anderes. Ob das klappt? Von Stefan Michalzik

„Landstraße. Ein Baum. Abend.“ Über Jahrzehnte haben Samuel Becketts Regieanweisungen für sein 1953 in Paris uraufgeführtes Stück „Warten auf Godot“ die Inszenierungen geprägt. Bis heute wird dieser für das Theater der Nachkriegszeit fundamentale Klassiker vielfach im Sinne einer applaussicher Kunstübung für Schauspielvirtuosen angegangen.

Davon will Robert Borgmann, bekannt dafür, dass er gern andere Texte assoziativ in die Klassiker pflanzt, nichts wissen. Was ja gut ist. Als Bühnenbildner für die Inszenierung am Frankfurter Schauspiel hat er einen hohen und nicht besonders in die Tiefe gehenden weißen Kunstraum geschaffen, dessen drei Wände mit einem schnörkeligen Neonschriftzug von Textfetzen aus Becketts Roman „Molloy“ überzogen sind, mit einem variablen Emoji in der Mitte.

Schon während des Einlasses balanciert Samuel Simon als Estragon auf der Rampe herum. Die rechte Hälfte des Theatervorhangs führt ein Eigenleben, sie geht zu und öffnet sich, sie hebt und senkt sich. Diese kuriose Choreografie wiederholt sich später.

Simon und Isaak Dentler als Wladimir sowie der im Hintergrund eine dezente filmmusikalische Textur hervorbringende Gitarrist Philipp Weber tragen weibliche Blondhaarperücken, mit untuntiger Selbstverständlichkeit. Am Anfang stülpt Dentler mal für einen Moment einen Turban und einen arabischen Männerrock über, der, entsprechend beleuchtet, wie ein Fels aussieht. Zeichen über Zeichen, eine assoziative Flut.

Mit einem klanggewaltigen musikalischen Aplomb tauchen Heiko Raulin als Pozzo und der mit einer langhaarigen Perlenperücke angetane Max Mayer als sein Trägersklave Lucky auf, und es gibt erst mal ein wenig Action-Painting-Furor auf den weißen Wänden. Ansonsten gebärdet sich Raulin schnöselig herrschaftlich. Der Abend ist schauspielerisch frappierend läppisch. Sie sagen den Text daher, inmitten von viel aktionistischem Drumherum samt Farbspritzerei.

Aus der Neonschrift lassen sich Worte herausheben. Zum Beispiel irgendwann „the stones“, derweil Philipp Weber es mit dem Riff aus „Satisfaction“ von The Rolling Stones krachen lässt. Mit dieser platten Knallerpointe ist, ungefähr zum letzten Drittel der zweieinviertel durchgespielten Stunden hin, der unterhaltsame, mit Heiterkeit aufgenommene Teil des vom Premierenpublikum mit einem warmen Applaus bedachten Abends eingeläutet.

Wie werde ich Bühnenbildner/in?

Das Theater als Assoziationsmaschine. Eine klassisch gewordene Methode. Kann man weiterhin so machen – solange etwas Triftiges dabei rauskommt. Bei Borgmann jedoch offenbart sich zumeist nicht, was er da warum assoziiert. Was an sich nicht das große Problem sein muss, wäre da bloß nicht ein Eindruck von Beliebigkeit. „Gemeinsam die Zeit vergehen lassen“, lautet da etwa die Überschrift über einem Gespräch mit dem Produktionsteam im Programmheft. Mag sein, dass das eine lakonische Formel für die Frage der Existenz ist. Für einen Theaterabend ist es nicht genug.

Nächste Aufführungen: 24./25.1, Karten unter: 069/21249494.

Quelle: op-online.de

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